9.

[56] Der ew'ge Mond im Dom der Nächte schimmert,

Die ew'ge Lamp' im Klosterkirchlein flimmert;

Horch Mitternacht! Von den zwölf Schlägen gellen

Der Mönche Särge, wie einst ihre Zellen!


Und wie zur Hora einst, entsteigt den Bahren

Ein dunkles Heer in schleppenden Talaren,

Voran die Kirchenfahne mit dem Kranze

Und ein gewaltig Kreuz auf hoher Lanze.


In langem Zug, gesenkten Auges, schweigend,

Langsam und feierlich zum Chore steigend,

Jetzt braust ihr Lied, und Orgelklang gewittert,

Daß Wand und Pfeiler bebt, die Kuppel zittert:


»Weh! Was wir bauten, ist in Schutt geschmettert!

Weh! Was wir säten, hat der Sturm entblättert!

Das Loos all' unsres Lebens und Gebetes,

Der Mensch zertritt es, und der Wind verweht es!«


Dort unten wandeln zwei verblichne Meister!

Das sind des Bildners und des Malers Geister,

Jetzt vor zerfallnen Marmorbildern stehend,

Jetzt manch entfärbtes Altarblatt besehend:
[57]

»Weh dir, o Zeit! Verstümmelt wie ein wilder,

Muthwill'ger Bube hast du unsre Bilder!

Weh euch, o Staub und Moose! Euer Weben,

Das Bahrtuch ist's von unsres Geistes Leben!«


Und wieder trat aus einem schlichten Grabe

Ein Mann mit Zirkel, Winkelmaß und Stabe;

Er setzte sich auf morsche Quadernstücke,

Arkad' und Kuppel maßen seine Blicke:


»Weh! Stolzer Säulen Zier liegt rings gebrochen!

Mir ist's, als wären's meine eignen Knochen!

Wer untergeht im Werk all seines Lebens,

Der stirbt wohl zwiefach, ach, und lebt vergebens!«


Indeß stand lächelnd mitten unter ihnen

Der helle Mond und sprach mit heit'ren Mienen:

»Ich wall' als Geist der Sonn' in dieser Stunde,

Und so spricht sie zu euch aus meinem Munde:


Ich wandle meine Bahn seit Jahr und Jahren,

Wer hat des Leides mehr als ich erfahren?

Was nennt ihr eures Lebens Preis vergebens?

O seht den schnöden Preis all meines Lebens!


Ich bin das Licht! – Die Welt liegt noch in Nächten!

Ich bin die Freiheit! – Sie ist voll von Knechten!

Ich bin die Liebe! – Sie ist hassestrunken!

Ich bin die Wahrheit! – Sie in Trug versunken!«
[58]

Und wie er's sprach, war's, als ob flüchtig walle

Ein leis Gewölk vor seinem hellen Balle,

Wie um ein schönes Antlitz Gramgedanken!

Die Geister aber in die Nacht versanken.


Der ew'ge Mond durchs Kirchenfenster schimmert,

Die ew'ge Lampe matt und matter flimmert;

Die Leichenstein' im fahlen Zwielicht ragen,

Im Osten graut's, mich dünkt, es will bald tagen.

Quelle:
Anastasius Grün: Gesammelte Werke,Band 1–4, Band 3, Berlin 1907, S. 56-59.
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Schutt
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