Dritte Szene

[178] Gothlands Zelt.

Gothland und Erik.


GOTHLAND steht an der Zelttüre und sieht hinaus.

Die Finnen schnarchen, – stumm und bleich, wie ein

Memento mori glänzt der Vollmond

Über ihrem Lager! Winselnd,

Mit tiefen Wunden an dem Halse,

Werden sie erwachen! – – – Ob es mich

Dann reuen wird, daß ich den Jammer an-

Gerichtet habe?

[179] ERIK.

Ganz gewiß!

GOTHLAND kehrt sich rasch um und stößt ihn mit dem Dolche nieder.

Halts Maul!

ERIK.

Das hab ich nicht um Euch verdient!

GOTHLAND.

Das ist

Mir einerlei!


Erik stirbt. – Gothland blickt wieder aus der Zelttür.


Noch immer bleibt es still –

Arboga zögert lange!


Tumult hinter der Szene.


Ha, da geht es los!

ARBOGA hinter der Szene.

Werft Feuer in das finn'sche Lager

Und schlaget alles tot, was euch begegnet!

USBEK hinter der Szene.

Mord und Verrat! da sind die Schweden!

Jetzt Brüder! wehret euch bis auf das Blut!

ARBOGA.

Schlagt tot!

USBEK.

Verteidigt euch!


Der Tumult wird immer lauter.


GOTHLAND hinausblickend.

Hei! wie die Feuerbrände zündend in

Die Zelte fliegen! – Nordwind! Südwind! stürmt

Hervor aus euren Höhlen

Und blast die Flammen brausend an!

ARBOGA.

Schlagt tot!

USBEK.

Verteidigt euch!

GOTHLAND.

Ho, wie

Das Mordgeschrei erschallt! wie die

Gefallnen kreischen! wie

Die Trommeln wirbeln! – O,

Daß ich davon entfernt sein muß!

ARBOGA.

Schlagt tot!

USBEK.

Verteidigt euch!

EIN SCHWEDISCHER SOLDAT tritt herein.

Herr, schlimme Nachrichten! Arboga hat

Die Finnen, die er schlafend wähnte,

In ihrer vollen Schlachtordnung

Getroffen, und der Neger, welchen Rossan

Enthaupten sollte –

GOTHLAND.

Was? Berdoa?

[180] DER SOLDAT.

Er

Ist von den Finnen mit Gewalt befreit!

GOTHLAND.

O daß ich doch erkrankt bin!

SOLDAT.

Horcht!

Da rasseln Tritte von Bewaffneten!

GOTHLAND.

Sieh zu, wers ist!

SOLDAT an der Türe.

Wer kommt da?

BERDOA ihm den Kopf spaltend.

Feinde!

GOTHLAND.

Höll

Und Teufel! Man erschlägt ihn! Da

Will ich doch selbst anfragen!

– Wer da?

BERDOA mit Irnak und finnischen Hauptleuten hereinstürzend.

Ein

Entsprungner Panther!

GOTHLAND mit dem Schwert auf ihn eindringend.

Solch 'ne Bestie

Durchbohre ich!

BERDOA ihn auf die Seite schleudernd.

Was will der tolle Alte?

IRNAK.

Erkennt Ihr ihn denn nicht? Es ist ja Gothland!

Das Haar ist ihm seit gestern abend weiß

Geworden!

BERDOA den Gothland, welcher kraftlos in einen Sessel gesunken, betrachtend.

Weiß von Haupt zu Fuß?

Nun hass ich ihn erst über und über!


Indem er auf ihn zugeht.


Gothland,

Du bist verloren!

GOTHLAND.

Hülfe! Wache! Wache!

BERDOA.

Du rufst vergebens!

Die Schweden können dich nicht hören!

Sie kämpfen fern von hier beim Finnenlager

Und ahnen nicht, daß du von uns

Umringt bist!

IRNAK.

Bluthund! dachtest du, es wär

So leicht, die Finnen auszurotten?

GOTHLAND.

Wie?

Die Finnen auszurotten?

Abscheulich! – Davon weiß ich nichts! – Hat etwa der

[181] Schwarzgallichte Arboga seine Laune

Gehabt? – Er hat oft mörderische Träume –

Dann steht er auf, nachtwandelt – und

Erschlägt die Völker! – Spießet ihn! Ich

Will ihn euch ausliefern, – will euch

Die Mittel sagen, ihn in eure Macht

Zu locken, – er ist schuld

An allem!

BERDOA.

Niederträchtiger, verrätrischer

Verleumder deines treusten Helfershelfers!

Mit solchen Lügen hoffst du zu entkommen?

Verzweifle! denn dein eigner Sohn

Hat dich an uns verraten!

GOTHLAND.

Wer? – Mein Sohn? – Ja,

Dann werd ich wohl verzweiflen müssen!

BERDOA indem er ihm die Zeichen der Königswürde abreißt.

Herunter mit dem Königsmantel!

Herunter mit dem Schmuck!

DIE FINNISCHEN HAUPTLEUTE ebenso.

Herunter mit

Dem Schmuck, herunter mit

Dem Königsmantel!

GOTHLAND.

Sonne! Sterne! löscht aus!


Sich die Haare ins Gesicht streichend.


Haare,

Verschleiert mein Gesicht!

BERDOA.

Nehmt Stricke! Bindet ihn!

GOTHLAND.

Mich binden? binden? Mich, vor dem

Die Heere sanken wie gemähtes Gras?

Mich wollt ihr binden? Lieber reißt mir

Die Arme aus!

BERDOA.

Wenn sie gebunden sind,

Dann wollen wir sie dir ausreißen!

GOTHLAND.

Laß mich

Nicht binden, Mohr! Laß mich nicht binden!

Bedenke, wer ich war – das Herz muß sich dir

Umkehren! Gothland, der Gewaltige, ist krank

Und machtlos deiner Willkür preis-

Gegeben! Laß dir das genug

Sein! – Töt mich, aber laß mich

Nicht binden!

[182] BERDOA.

Bindet ihn!

GOTHLAND.

Mohr, Mohr! ich bitte –


Beiseit.


O hätt

Ich nur den zehnten Teil

Von meiner alten Schlachtkraft noch! –


Laut.


Mohr!


Beiseit.


O,

Daß ich den Schandbuben anflehn muß!


Laut.


Mohr,

Ich bitte dich, laß mich nicht binden!

Verschone meinen Ruhm!

BERDOA.

Ho, stolzer Schwede, hab

Ich dich soweit? Du bittest? – Ich

Verwerfe deine Bitte! – Bindet ihn!


Sie binden Gothlands Hände.


GOTHLAND.

O meine Ahnen! O mein Name! Sink

Zu Trümmern, Väterburg!

EINER DER FINNISCHEN HAUPTLEUTE zu Berdoa.

Herr, dies

Wird mir zu arg! – erlaubt mir, daß

Ich mich entferne, – ich

Sah diesen Gothland gestern noch

So hoch und herrlich auf dem Throne sitzen,

Daß ich es nicht ertrage, wenn er nun

So tief erniedrigt wird!


Er geht ab.


IRNAK UND DIE ÜBRIGEN FINNISCHEN HAUPTLEUTE.

Was? Ist der Kerl

Verrückt?

BERDOA.

Er ist empfindsam! Laßt

Ihn laufen!

GOTHLAND.

– Nun? was wartest du und siehst

Mich an? Bring mich doch endlich um!

BERDOA.

Das hat

Noch Zeit! Erst will ich dir die Hölle

Warm machen!


Ihn bei der Schulter ergreifend.


Weißgelockter! Blutbefleckter!

In wenigen Minuten stehst du vor

Dem Richter, welcher schrecklich in

Den Sternenhöhen waltet – – graut dir nicht

[183] Vor deinem Lose? –

Hu! einsam,

Das Herz vom Dolch durchstochen, und

Den Ring der Ewigkeit wie eine tausendfach

Verschlungne Hyder um die Brust

Geklammert, in des Abgrunds Nacht schlaflos

Zu liegen, – durstge Schwefelflammen, die

Nach Tränen suchen, in die Augen ein-

Gewachsen, – schmetterndes Geheul ausstoßend

Und nur das eigne Ohr damit

Zerreißend, – nimmer, nimmer, nimmer die

Verscherzten Paradiese, die

Verscherzten Hoffnungen vergessend –

Zur Selbstvernichtung seine Hände ballend

Und ewig sich erschlagend ewig lebend!

GOTHLAND nimmt seine ganze Fassung zusammen und richtet sich heftig empor.

Nein!

Ich lasse mich von Gott nicht verdammen!

Ich leid es nicht! Ich wehre mich! Gott darf

Mich nicht verdammen! Wenn er mich verdammt,

Verdammt er sich selbst! Ha! weswegen ließ

Er es geschehn, daß ich den Kanzler totschlug?

Was konnte ich davor? Unwiderstehlich ward

Ich dazu hingetrieben! Ich

War nur das Beil, das Schicksal war der Mörder!

BERDOA.

Tor! eure Dummheit ist eur Schicksal! eure

Erbärmlichkeit ist eur Verhängnis!

Wer hieß dich, als ich dich zum Brudermord

Verführte, meinen Worten glauben? Wußtest du

Denn nicht, daß ich dein Todfeind war?

Der blödste Tölpel hätte da Verdacht

Geschöpft, allein der Herzog Gothland

Schöpfte keinen, weil

Er keinen schöpfen wollte!

GOTHLAND.

Weil ich keinen

Schöpfen wollte? – Wenn das wäre, wenn ich den

Geringsten Argwohn hätte fassen können,

Ich aber hätt ihn absichtlich

Nicht fassen wollen,

Ja, dann durchwühle unermeßliches

[184] Verderben meine Seele!

BERDOA.

Höre denn,

Und unermeßliches Verderben wühle dir

Durch deine Seele!

Manfred war

Jählings am Schlagflusse verreckt –

Wahrscheinlich hatte er beim Abendschmaus

Zu viel gefressen und es nicht

Verdauen können, – ungeheuer war

Dein Schmerz um ihn; – so traf ich dich; mit großer

Bestürzung, aber mit noch größrer Freude

Vernahmest du, daß er erschlagen sei:

Die Rache für den toten Bruder

War dir ein schmeichelnder, verlockender

Gedanke!

GOTHLAND.

Satan! deute meine

Gedanken nicht ins Schlimme!

BERDOA.

Zwar war Friedrich,

An welchem du die Rache nehmen mußtest,

Dein Bruder auch; doch das hielt dich nicht ab,

Denn er war ja der weniger geliebte!

Du gingst vielmehr sorgfältig allem, was

Dir Aufschluß geben konnte, aus

Dem Wege, warfest Rolfen, weil er den

Betrug gestehen wollte, in das Grab-

Gewölbe, tauftest deine Rachbegier

Gerechtigkeit, verachtetest –

GOTHLAND.

Wenn –

Wenn unter diesen Lügen Wahres wäre – wenn –

Wenn – wenn –

BERDOA.

– verachtetest des Königs Warnungen,

Bliebst taub bei Friedrichs lautem Flehn,

Erwidertest mit Spotte seine Tränen,

Sprachst von dem trauervollen Amt,

Das dir geworden wär, und schlugst

Ihn mit Vergnügen tot!

GOTHLAND.

Vermaladeit

Die Zunge, welche das mir sagt!

BERDOA.

Und als

Dir endlich nun die Schuppen fielen, als

Der rechte Name deiner Untat dir

[185] Nun in die Ohren scholl, – da, statt

In Reue zu zerfließen –

GOTHLAND.

Reue? Reue!

Was konnte sie mir helfen? Sie

Ist fruchtlos!

BERDOA mit dem Fuße stampfend.

Elender! sie ist allmächtig! Sie

Vermag was keiner, was Gott selbst nicht kann, – das

Geschehne macht sie ungeschehen!

Du aber, weil Verzweifeln leichter als Bereuen

Und Fluchen nicht so schwer als Beten ist,

Verzweifeltest und fluchtest, metzeltest

Die Heere nieder, welche dich

Verfolgten, zogst den Degen gegen deinen Vater,

Entthrontest deinen König, rissest deinen Sohn

Mit dir ins zeitliche und ewige

Verderben, stießest deine Gattin in

Die eisbedeckte Wüste, opfertest

Dem Henkerbeil die schwedschen Großen, würgtest

Den Eltern ihre Kinder, und

Den Kindern ihre Eltern, mordetest –

GOTHLAND.

Es wird

Mir dunkel vor den Augen!

BERDOA.

Wird es das?

GOTHLAND.

Aschfarbne, halbverblichene Gestalten

Umdrängen mich im grausigen Gewimmel, und

Ich atme Grabesdunst!

BERDOA.

Erzittere!

Die Scharen der Erwürgten stellen sich

Zu deiner Todesstunde ein!

GOTHLAND.

Ha!

Die himmellange Frau, die dort

Mit hagerem, erdfahlen Antlitz von

Dem Kirchhof steigt, – wer mag

Sie sein?

BERDOA.

Es ist Cäcilia;

Verwandelt in ein furchtbares Gespenst

Entsteigt sie ihrer Gruft, und tritt

Vor dein Gesicht!

GOTHLAND.

Wie? will der Schlepp, den sie

An ihrem Trauerkleide trägt, denn gar

[186] Nicht endigen? – sie schreitet schon

Im fernsten Horizonte, und

Noch immer rauscht der schwarze Flor

An mir vorüber!

BERDOA.

Ewig wird er dir

Vorüberrauschen!

GOTHLAND.

Ich will nicht mehr hinsehn –


Indem er auf eine andre Seite blickt, prallt er entsetzt zurück.


Doch Wehe! was ist das?

BERDOA.

Hoho, was siehst du?

Weshalb prallst du zurück?

GOTHLAND.

Sieh – sieh doch selbst!

Ein riesger Schuldbrief liegt am Ostseestrande, und

Mit roten Schlachtfeldern ist er versiegelt!

BERDOA.

Ja ja! schwerlastend liegt er dort

Mit seinen Siegeln auf der Heide,

Und mir fällt dabei ein, daß es für dich

Nun wohl die höchste Zeit zum Beten ist!

GOTHLAND.

Zum Beten? Beten hieße eingestehen, daß

Ich strafbar bin! Ich bete nicht!

BERDOA.

Mach mich

Nicht grimmig! – bete!

GOTHLAND.

Nein!

BERDOA.

Ich sage dir,

Beug dich vor Gott, und bete!

GOTHLAND.

Nein!

BERDOA.

Beug

Dich betend nieder oder ich zerbreche

Dir das Genick!

GOTHLAND.

Ich beuge mich

Nicht nieder!

BERDOA.

Finnen, zückt

Die Schwerter über seiner Scheitel!

– Deine Scheitel

Liegt unter sechs gezückten Klingen –

Ein Wink von mir, und sie ist durch und durch

Zerspalten –

Willst du beten?

GOTHLAND.

Nein!

BERDOA.

Nein?

Ho! deine Haare beten ja schon ganz

[187] Inbrünstig!

GOTHLAND.

Meine Haare?

BERDOA.

Ja, schreckbeseelet richten sie

Vom Haupte sich empor, und starren, als

Wenn sie für dich um Gnade

Schreien wollten, angstvoll zitternd himmelan!

GOTHLAND.

Hoho, du täuschest dich: nicht gnadeschreiend,

Nein, fluchen wollend, sträuben sie sich in

Die Höhe!

BERDOA.

Jetzt wird es mir unerträglich!

Ich bin der Mann, solch einen Übermut

Demütiger zu machen! –

– Du willst dich

Vor Gott nicht beugen, – wohl,


Indem er ihn vom Stuhle wirft.


so sollst du vor

Ihm liegen, und da du nicht beten willst,


Indem er ihn mit dem Fuße stößt.


So sollst du dafür wimmern!


Gothland zuckt mit den Händen.


DIE FINNISCHEN HAUPTLEUTE.

Sollen wir

Ihn nun zusammenhauen?

BERDOA.

Nein! so lang

Ich ihn noch quälen kann, soll er noch leben!

Ergreift ihn und schleppt ihn mir nach!

GOTHLAND.

Kommt

Denn niemand, niemand, welcher mich befreit?


Alle ab.


Quelle:
Christian Dietrich Grabbe: Werke und Briefe. Band 1, Emsdetten 1960–1970, S. 178-187.
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