43. Uber die Nachtigal

[358] 1.

Hört der holden Nachtigall

süssen Schall /

durch den Busch erschallen:

sie will / durch ein Kling-Gedicht /

ihre Pflicht

ihrem Schöpffer zahlen.


2.

In dem weiß-geschmälzten Zelt

aller Welt /

seinen Ruhm sie singet:

dahin zielt ihr Müh' und Fleiß /

daß sein Preiß

hell von ihr erklinget.


3.

Dir / dir / dir / O höchster Hort /

ohne Wort

pfleg' ich Dank zu geben:

ohne End ist mein Begehr /

deine Ehr'

äusserst zu erheben.


4.

Jede Feder fordert Lob /

ist ein Prob[359]

deiner milden Güte.

Gib / so offt ich sie aufschwing /

daß erkling

Dank aus dem Gemüte.


5.

Jedes Würmlein / das ich iss /

ist gewiß

deiner Schickung Gabe.

Nimm / Erhalter / vor die Speiß /

diesen Preiß /

und mich ferner labe!


6.

Dir sey Lob vor diesen Ast /

wo ich rast:

doch nit / dich zu loben.

Nein! dein Ruhm wird für und für /

dort und hier /

hoch von mir erhoben.


7.

Du hast / schöne Singerin /

meinen Sinn

auch in was ermundert.

Nur von Gottes Gnad sing ich /

weil ich mich

ganz in sie verwundert.

Quelle:
Catharina Regina von Greiffenberg: Geistliche Sonnette, Nürnberg 1662, S. 358-360.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Geistliche Sonnette, Lieder und Gedichte
Geistliche Sonnette, Lieder und Gedichte

Buchempfehlung

Grabbe, Christian Dietrich

Hannibal

Hannibal

Grabbe zeigt Hannibal nicht als großen Helden, der im sinnhaften Verlauf der Geschichte eine höhere Bestimmung erfüllt, sondern als einfachen Menschen, der Gegenstand der Geschehnisse ist und ihnen schließlich zum Opfer fällt. »Der Dichter ist vorzugsweise verpflichtet, den wahren Geist der Geschichte zu enträtseln. Solange er diesen nicht verletzt, kommt es bei ihm auf eine wörtliche historische Treue nicht an.« C.D.G.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon