45. Auf die blühenten Bäume

[363] 1.

Ach du schönes weisses Feld /

aller Jubel-Vögel Zelt /

Frülings-Flor und Chor der Sänger /

Himmel der spatzieren-Gänger!

ich kan unterlassen nicht

dir zu richten meine Pflicht.


2.

O du schöner Perlen-Baum /

die halb aufgeschlossen kaum!

Zephir-Zucker / Schnee vom Biesen!

Gipffel-Lilgen / Stamm-Narcissen!

alle Gleichnus gleicht dir nicht:

deine Zier viel höher sticht.


3.

Schlossen-weisse Hoffnungs-Heerd /

die berühret keine Erd!

Schwanen-Schaar / die nicht in Seen /

sondern auf den Aesten stehen /

du lobst / ohne Zung' und Mund /

unsern Gott aus innern Grund.
[364]

4.

Kreiden-weisses Blüh-Papier!

auf dich wird / des Schöpffers Zier /

sich / durch schwarze Kirschen / schreiben /

und die Süssheit einverleiben.

Jedes Blätlein / ob schon stumm /

laut bekennet seinen Ruhm.


5.

Meine Feder schwinget sich /

setzte dieses Lied in dich.

Gottes Ruhm soll / durch mein schreiben /

ewiglich in dir verbleiben /

in dir in die Fruchtverkehrt:

daß der Höchste werd geehrt.


6.

Lob sey hier der Blüte Stern;

Ruhm und Preiß / der Kirschen Kern:

daß daraus ein Stamm aufschiesset.

aus der Dankbarkeit entspriesset

alles Segens Safft und Krafft;

sie erweicht den Gnaden-Safft.


7.

Weis' und weisse Kunst-gespunst /

klares Stern-Geweb' und Kunst![365]

Schleyer / dessen zarten Faden

spunnen Göttliche Genaden!

mich ergetz dein Blühgestalt /

biß dich Gott mit Früchten mahlt.


Quelle:
Catharina Regina von Greiffenberg: Geistliche Sonnette, Nürnberg 1662, S. 363-366.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Geistliche Sonnette, Lieder und Gedichte
Geistliche Sonnette, Lieder und Gedichte

Buchempfehlung

Neukirch, Benjamin

Gedichte und Satiren

Gedichte und Satiren

»Es giebet viel Leute/ welche die deutsche poesie so hoch erheben/ als ob sie nach allen stücken vollkommen wäre; Hingegen hat es auch andere/ welche sie gantz erniedrigen/ und nichts geschmacktes daran finden/ als die reimen. Beyde sind von ihren vorurtheilen sehr eingenommen. Denn wie sich die ersten um nichts bekümmern/ als was auff ihrem eignen miste gewachsen: Also verachten die andern alles/ was nicht seinen ursprung aus Franckreich hat. Summa: es gehet ihnen/ wie den kleidernarren/ deren etliche alles alte/die andern alles neue für zierlich halten; ungeachtet sie selbst nicht wissen/ was in einem oder dem andern gutes stecket.« B.N.

162 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon