50. Geistes-Belustigung in Gottes Wunder-und Gnadenwerken

[377] 1.

Ach wie mächtig / ach wie prächtig

sind / Herr / deine Werke!

wer sie achtet und betrachtet /

krieget Glaubens-Stärke.

Wer nur kan ein Fünklein sehen

und ein Stäublein groß verstehen /

muß in Freudensprüngen gehen.


2.

Meine Weide / meine Freude

sind / Gott / deine Wunder.

Es empfangen die Verlangen

Feur / als deren Zunder:

sie beflammen meine Gierden /

nach dem Gottes-Ehren-Würden

und der Kirche Sieges-Zierden.


3.

Weiße Schickung / Kunst-Erquickung!

laß mich dich auch fühlen /

deiner Thaten Schutze-Schatten!

wolle mich verhühlen:[378]

bis die Sonn / dein klarer Wille /

mich aus dieser düstern Stille

bringt zum dir-bewusten Ziele.


4.

Ich erschricke / ja bestricke

mich mit Wunder-Banden:

wann die Klarheit / voller Warheit

in dem Geist vorhanden;

wann erwegend sie beweget /

durch die Wunder-Wunsch erreget /

deinen Mund zum Grund auch leget.


5.

Durch die Schwachen / deine Sachen

herrlich du ausführest;

sie erweckest und bekeckest /

reich mit Gaben zierest;

deine Feind durch sie bekriegest /

wunder-hoch in ihnen siegest /

dieses zu bedenken fügest.


6.

Schwingen / klingen / singen / springen /

will mein Geist vor Freuden /

sich beleben / durch erheben

in die Weißheit / weiden.[379]

Ja es dunckt mich schon zu haben /

und Seel-süssest mich zu laben

mit verheissnen Gnaden-Gaben.


Quelle:
Catharina Regina von Greiffenberg: Geistliche Sonnette, Nürnberg 1662, S. 377-380.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Geistliche Sonnette, Lieder und Gedichte
Geistliche Sonnette, Lieder und Gedichte

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Nachkommenschaften

Nachkommenschaften

Stifters späte Erzählung ist stark autobiografisch geprägt. Anhand der Geschichte des jungen Malers Roderer, der in seiner fanatischen Arbeitswut sich vom Leben abwendet und erst durch die Liebe zu Susanna zu einem befriedigenden Dasein findet, parodiert Stifter seinen eigenen Umgang mit dem problematischen Verhältnis von Kunst und bürgerlicher Existenz. Ein heiterer, gelassener Text eines altersweisen Erzählers.

52 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon