Epilog zur ersten Abteilung der Trilogie »Das goldene Vließ«, aufgeführt als freie Einnahme der Regisseurs des Hofurgtheaters

[136] Der ältste einer altbekannten Schar,

Zu eurem und der Musen Dienst vereinigt,

Nah ich, von meinen Brüdern abgesandt –

Der eine, euch den Dank von allen bringend.

Den Dienstbeflißnen, immerdar bemüht,

An fremdem Herd für fremden Gaum zu sorgen,

Uns ist ein einzigmal im Jahr vergönnt,

Den Hausherrn selbst zu machen, werte Gäste[136]

Am kleinen Tische freundlich zu empfangen

Und zu bewirten, wie das Haus es gibt.

Da ist nun unser Streben drauf gewendet,

Daß des Vertrauens wir auch wert uns zeigen,

Den Vielwillkommnen sich Willkommnes biete,

Und Tisch und Becher glänze bei dem Mahle.

Das ist so leicht nicht in so karger Zeit!

Die alten Meister sind dahingegangen,

Kaum lebet einer, widerwillig, noch;

Die jungen aber, sie und sich verkennend,

Erweitrung der Gedanken und der Kraft

Für eines haltend, sehn auf jener Ziel –

Als hätts ihr Fuß erreicht, weil es ihr Auge –

Mit vornehm stolzem Mitleid tief herab,

Nur weiter! weiter! geht das rasche Streben.

Das Höchste will nur jeder und verfehlt

Das Nächste drüber kindisch schwachen Flugs.

Wohl schwere Wahl in also karger Zeit.


Da ist das Werk in unsre Hand geraten,

Das ihr zum Teil gesehn, zum Teil noch nicht.

Wir merkten drin, ob gut sonst oder schlimm,

Gar manchen Anklang aus entschwundner Zeit,

Und so, vertrauend, bringen wir euchs dar.

Verfaßt hats einer, der sich euer nennt,

Als unter euch geboren, euch verwandt

Durch das, was dieses Landes Beste bindet,

Ein offnes Herz und einen schlichten Sinn.

Und solchen Sinns hat er sein Werk vollbracht.

Nicht überbieten soll es, was schon da,

Durch die Verlängrung altgewohnten Maßes,

Aus dreien Stücken künstlich eines flechtend,

Dem Geiste folgend, der ihm so gebot,

Fast wider Willen folgend, tat er so.


Was ihr nun heut gesehn, der Eingang ists,

Die Schwelle jenes tiefverschlungnen Baus,

In den er euch, den Faden reichend, führt.

Von wo der Mensch beginnt, womit er endet,[137]

Was er für Mächte in der Brust verbirgt,

Und was für Mächte seine Brust ihm bergen.

Das ist der Inhalt unsers ernsten Spiels.

Was heut begonnen, morgen wirds vollendet;

Drum folget günstig unsern Schritten nach

Und schiebt für heute noch das Urteil auf,

Bis sich das Ganze als ein Ganzes zeiget.


Und so ist meines Kommens Zweck erfüllt,

Der Dank gebracht, das Nötige verkündet

Und Abschied nehmen gilts. So lebt denn wohl!

Doch ists auf lange nicht, wir hoffens alle

Und übers Jahr sieht wohl die Kunst beisammen –

Denselben Tempel und dieselben Priester,

Dieselben Freunde, und vielleicht – wer weiß –

Denselben Dichter auch, geliebt es Gott und euch.

Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 1, München [1960–1965], S. 136-138.
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