Napoleon

[144] Geschrieben im Jahre 1821


So stehst du still, du unruhvolles Herz,

Und bist gegangen zu der stillen Erde?

Was fünfzig Jahr, voll Hoheit und Beschwerde,

Voll Heldenlust nicht gab und Heldenschmerz,

Ist dir geworden in der stillen Erde,

Ein Sohn des Schicksals stiegest du hinab,

Verhüllt wie deine Mutter, sei dein Grab.


Das Fieber warst du einer kranken Zeit,

Bestimmt vielleicht, des Übels Sitz zu heben,

So flammtest du durchs aufgeregte Leben;

Doch wie des Krankenlagers Ängstlichkeit

Dem Fieber pflegt der Krankheit Schuld zu geben,

Schienst du der Feind allein auch aller Ruh

Und trugst die Schuld, die früher war, als du.


Was sie gesündiget ohn Unterlaß,

Was sie gefrevelt seit den frühsten Tagen,

Ward all zusammen auf dein Haupt getragen,

Du duldetest für alle aller Haß,[144]

Dich ließen sie nach jenem Schimmer jagen,

In dem sich jeder selber gern gesonnt,

Wie du, gewollt, nur nicht, wie du, gekonnt.


Denn, seit du fort, fließt nun nicht mehr das Blut,

In dem vor dir schon alle Felder rannen?

Ward Lohn den wider dich vereinten Mannen?

Ist heilig das von dir bedrohte Gut?

Ward Tyrannei entfernt mit dem Tyrannen?

Ist auf der freien Erde, seit du fort,

Nun wieder frei Gedanke, Meinung, Wort?


Dich lieben kann ich nicht, dein hartes Amt

War, eine Geißel Gottes sein hienieden,

Das Schwert hast du gebracht und nicht den Frieden,

Genug hat dich die Welt darob verdammt;

Doch jetzt sei Urteil vom Gefühl geschieden!

Das Leben liebt und haßt, der Toten Ruhm

Ist der Geschichte heilig Eigentum.


Zum mindsten wardst du strahlend hingestellt,

Zu kleiden unsrer Nacktheit ekle Blöße,

Zu zeigen, daß noch Ganzheit, Hoheit, Größe

Gedenkbar sei in unsrer Stückelwelt,

Die sonst wohl selbst im eignen Nichts zerflösse,

Daß noch die Gattung da, die starker Hand

Bei Cannä schlug, bei Thermopylä stand.


Und so tritt hin denn zu der Helden Zahl,

Die annoch lebet auf der Nachwelt Zungen,

Zum Alexander, der die Welt bezwungen,

Zum Cäsar, der mit tadelnswertrer Wahl

Am Rubicon der Herrschaft vorgedrungen,

Zum – Stellt kein Held sich mehr zum Gleichnis ein?

Und ist man streng, da wo die Wahl so klein?


Geh hin und sag es an: der Zeiten Schoß,

Er bring uns fürder Mäkler, Schreiber, Pfaffen,

Die Welt hat nichts mit Großem mehr zu schaffen;

Denn ringt sich auch einmal ein Löwe los,[145]

Er wird zum Tiger unter so viel Affen.

Wie soll er schonen, was hält länger Stich,

Wenn niemand sonst er achten kann als sich?


Schlaf wohl! und Ruhe sei mit deinem Tod,

Ob du die Ruhe gleich der Welt gebrochen;

Hat doch ein Höherer bereits gesprochen:

Von Anderm lebt der Mensch als nur von Brot,

Das Große hast am Kleinen du gerochen,

Und sühnend steh auf deinem Leichenstein:

Er war zu groß, weil seine Zeit zu klein!

Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 1, München [1960–1965], S. 144-146.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte
Gedichte und Dramen
Medea: Trauerspiel in fünf Aufzügen. Dritte Abteilung des dramatischen Gedichts »Das Goldene Vlies«
Das goldene Vliess: Dramatisches Gedicht in drei Abteilungen. (Der Gastfreund, Die Argonauten, Medea)
Gedichte Reclam
Sämtliche Werke: Erster und zweiter Band: Gedichte

Buchempfehlung

Klopstock, Friedrich Gottlieb

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Hermanns Schlacht. Ein Bardiet für die Schaubühne

Von einem Felsgipfel im Teutoburger Wald im Jahre 9 n.Chr. beobachten Barden die entscheidende Schlacht, in der Arminius der Cheruskerfürst das römische Heer vernichtet. Klopstock schrieb dieses - für ihn bezeichnende - vaterländische Weihespiel in den Jahren 1766 und 1767 in Kopenhagen, wo ihm der dänische König eine Pension gewährt hatte.

76 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon