Vision

[166] Zu Mitternacht, in Habsburgs alten Mauern,

Geht ein Verhüllter, rätselhaft zu sehn,

Man sieht ihn schreiten, weilen nun und lauern,

Dann heben seinen Fuß und weitergehn.

Vom Haupte zu den trägen Fersen nieder,

Umhüllend rings, fließt nächtiges Gewand,

Die Falten scharf, so zeichnen sich nicht Glieder,

Wo Leben noch die straffen Formen spannt!


Was hält er? Ists ein Stab? Es blinkt wie Waffen! –

Des Schnitters Waffe haltend, zieht er ein,

Und wo des Mantels Säum im Gehen klaffen,

Blickt kahl entgegen fleischentblößt Gebein.

Ich kenne dich, du Würger der Lebendgen!

Was suchst im Heiligtume, Scheusal, du?

Hier darf das Alter nur die Tage endgen;

Die Pflicht zu leben gibt ein Recht dazu.


Jetzt steht er still dort, wo das Pförtchen schließet.

O schließe gut! O Pförtchen, schließ ihn aus!

Doch aus dem Kleide, das ihn rings umfließet,

Streckt er die dürre Knochenhand heraus.

Wie an die Flügel er den Finger stellet,

Da springen sie weitgähnend aus dem Schloß,

Und ein Gemach, von Lampenschein erhellet,

Liegt seinem Aug, liegt seinem Arme bloß.


Und drin ein Mann auf seinem Schmerzensbette.

Wie ist die edle Stirn von Tropfen feucht!

Zwei Frauen neben ihm. Wer sahs und hätte

Die Gattin nicht erkannt, die Mutter leicht?

Und eine Krone liegt zu Bettes Füßen.

»Das ist ein König«, spricht der bleiche Gast,

»Und zwar ein guter, soll ich glauben müssen,

Das frühergraute Haar zeugt nicht von Rast.


Wohl auch als Gatte mocht er sich bewähren,

Darum bewacht die Gattin jeden Hauch.

Durchs Schloß erschallen Seufzer, fließen Zähren,[167]

Ein guter Herr und Vater also auch!

Und dennoch kann das alles mich nicht hindern,

Der Gattin Tränen halten mich nicht auf;

Den Vater raub ich täglich seinen Kindern,

Was vorbestimmt ist, habe seinen Lauf!«


Und er tritt ein; da summen leise Klänge

Vom Schloßhof her in sein gespanntes Ohr.

Dort woget Volk, kaum faßt der Raum die Menge,

Und jeder forscht und jeder blickt empor.

Ein Weinender frägt einen, der da weinet,

Und Tränen machen ihm die Antwort kund.

»Ob Hoffnung sei?« Was trüb der Blick verneinet,

Pflanzt durch die Menge sich von Mund zu Mund.


Und alle Hände sind zum Flehn gefaltet,

Auf jeder Lippe zittert ein Gebet,

Der Todespfeil, der einen Busen spaltet,

Den blutgen Weg zu aller Herzen geht.

Da hält der Würger an, sieht nach dem Kranken,

Dann nach der Menge, wogend ohne Ruh,

Es stockt der Fuß, der Arm beginnt zu wanken,

Und endlich schreitet er der Türe zu.


Schon hört er nicht mehr das Gebet der Menge,

Die Beßrungskunde jubelnd zu sich ruft,

Und an dem Ende der verschlungnen Gänge

Schwingt er, ein Nachtgewölk, sich in die Luft.

Im Gehen aber scheint er noch zu sprechen:

»Nicht über meinen Auftrag geht die Pflicht!

Ich ward gesandt, ein einzig Herz zu brechen,

So viele tausend Herzen brech ich nicht!«

Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 1, München [1960–1965], S. 166-168.
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