Willkommen bei der Ankunft der vierten Gemahlin Kaiser Franz I.

[86] Ich hab sie gesehen,

Apart und genau,

Ich hab sie gesehen,

Die herrliche Frau:


Ja, staunet nur, staunet!

Ich stand dort am Rain

Und trieb meine Gänse

Ins Wasser hinein,
[86]

Und wie wir so stehen,

Ein jedes für sich,

Und schauen, der Entrich,

Mein Pudel und ich,


Da hebt sichs von ferne,

Da wirbelt der Staub,

Da kommt es gerasselt

Durchs fallende Laub.


Ein Zug kommt geflogen

In goldener Pracht,

Wie Wolken, wenn morgens

Die Sonne erwacht.


Und mitten ein Wagen,

Ganz schlicht, ohne Glanz,

Doch glänzt er vor allen,

Er führt unsern Franz,


Und an seiner Seite

Saß, lieblich und mild,

In züchtigem Schweigen

Ein Frauenbild.


Ha, dacht ich mir selber,

Wer mag das wohl sein?

Dem Herren zur Seite

Muß Herrliches sein.


Ich schau ihr ins Auge,

Da trifft mich ihr Blick,

Noch denk ich mit Zittern

Und Wonne zurück.


Daheim in der Kirche,

Am hohen Altar,

Da stehet ein Bildnis,

So herrlich und klar:


Die Mutter des Heilands

Am Sternenthron,[87]

In liebenden Armen

Den göttlichen Sohn.


Mit freundlicher Wehmut,

So trostreich und lind,

Verweilet ihr Auge

Am schlafenden Kind;


Sie scheints zu geleiten

Auf künftiger Bahn –

So sah mich die Hohe,

Die Liebliche an.


O Blick ohnegleichen,

Voll himmlischem Sinn,

Er stammet vom Himmel

Und führet dahin.


Da stand ich und staunte,

Mein selbst nicht bewußt,

Mit tränenden Augen,

Mit schwellender Brust.


Jetzt lächelt die Hohe,

Da fuhrs durch mich hin:

Es ist unsre Mutter,

Die Kaiserin!


Nun will ich sie grüßen,

Ich suche das Wort,

Da rauscht es vorüber,

Die Holde war fort.


Ich Alberner rückte

Nicht einmal den Hut,

Nun wird sie wohl glauben,

Ich sei ihr nicht gut,


Glaubt wohl, daß in Östreich

Ein einziger sei,

Der sich ihrer Ankunft,

Sich ihrer nicht freu!
[88]

Noch heut soll sie kommen,

Ich weiß es, zur Stadt,

Da sehet ihr glücklichen

Städter euch satt.


Wenn ihr nun ihr zuruft

In Freudenerguß,

So bringt ihr auch meinen

Verspäteten Gruß,


Und sagt ihr: Der Junge

Da draußen am Bach,

Er stehe an Liebe

Den Besten nicht nach.


Für sie unser Leben,

Für sie unser Blut!

Kein einzger in Östreich,

Der weniger tut.

Quelle:
Franz Grillparzer: Sämtliche Werke. Band 1, München [1960–1965], S. 86-89.
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