Erste Scene.

[64] (Mordi's Schloß.)


In Roselindens Zimmer. Roselinde hat sich eben angekleidet; das graue Kätzchen hat ihr geholfen und ist eben mit der Aufräumung des Zimmers fertig.


Roselinde.


So, nun geh nur, Misekätzchen,

Keine Hilfe brauch' ich weiter.


Misekätzchen.


Miau! miau!


Roselinde lachend.


Ja, miau! miau! was heißt denn

Das Miau, lieb Misekätzchen?

Ich versteh nicht Katzensprache.


Misekätzchen sich an ihren Arm schmeichelnd.


Miau! miau!


[64] Roselinde.


's ist schon gut, geh nur hinunter.

Bring zum Frühstück Obst und Kuchen.

Du sollst auch vom Kuchen haben.


Misekätzchen abgehend.


Miau!


Roselinde.


Wenn das gute Miesekätzchen

Nur wie Menschen reden könnte.

Ach, wie wäre das so herrlich!

Dann wär's ganz so klug, wie Menschen. –

Ach, schon bin ich bald vier Jahre

Ganz entfernt von allen Menschen.

Hier ist zwar wie Menschen Alles

Klug, Herr Mordi und die Thiere,

Und was ich nur wünschen könnte,

Alles, alles hab ich reichlich.

Und Herr Mordi ist so freundlich,

Aber gar zu, gar zu garstig.

Fürchterlich ist er mir gar nicht,

Aber, ach, ihn nur zu sehen,

Eckelt mir schon oft gewaltig,

Und ihn gar dann anzurühren

Wäre mir nun ganz unmöglich.[65]

Und doch bittet er oft kindisch,

Daß ich ihn doch streicheln möchte.

Heiß ich ihn dann von mir gehen,

Dann entfernt er sich gehorsam.

Aber immer will mir's scheinen

Seine Augen würden trübe,

Als wenn Thränen kommen wollten,

Und ich fühle oft dann Mitleid,

Ordentlich, als wär's mein Bruder.

Wär er nur nicht gar so garstig,

Würd' ich ihn einmal doch streicheln,

Denn ich bin ihm gut von Herzen,

Wie ich gut war meinem Vater.

– – Meinem Vater! – ach, der Arme!

Wie's ihm gehn mag? wüßt ich das nur!

Wie er sich gegrämt mag haben?

Wüßt' er nur, daß ich noch lebe,

Daß es mir so gut ergangen!

– – O, wie schön wars doch zu Hause!

Und wie mag es jetzt dort gehen? –

Ach, vielleicht ist er gestorben

Gar vor Gram um meinetwillen.

Lieber Vater! – Armer Vater!


(Sie weint.)


[66] Mordi bringt ein Körbchen mit Obst.


Guten Morgen, Roselinde!

Sieh, da hab ich Pomeranzen

Und noch andre süße Früchte

In dem Garten dir gebrochen.

– – Wie? du weinst? was ist dir, Liebe?


Roselinde schweigt und weint.


Mordi.


Ist dir was zu Leid geschehen?


Roselinde.


Nein!


Mordi.


Was ist der Thränen Ursach?


Roselinde.


Ach! ich denk an meinen Vater, –

Könnt' ich sehn nur, daß er lebet.


Mordi ruft.


Holla! Diener!


Ein Pudelhund kommt.


Mordi.


Bring mir eilig

Meinen Spiegel doch herüber.


Pudelhund läuft, und kommt schnell mit dem Spiegel wieder.


[67] Mordi hält ihr den Spiegel vor.


Denke nur an deinen Vater,

Und du siehst ihn hier im Spiegel.


Roselinde lacht in Thränen.


Ach, da ist das Haus des Vaters!

Da der Hof, die Gartenthüre,

Und da liegt der treue Leo,

Unser Hofhund, an der Kette!

Ei, da bin ich ganz zu Hause.

Wer ist denn der fremde Mann dort,

Der im Garten traurig sitzet,

Und so bleich ist im Gesichte?


(fängt plötzlich an zu weinen.)


Ach, du Himmel, 's ist der Vater!

's ist mein guter, lieber Vater.

Ach, wie bist du krank und elend!

Nun, was machst du? Willst du aufstehn,

Und vermagst es nicht aus Schwäche?

Mußt die Krücke darzu brauchen?

– Ach wie wankst du mit der Krücke.

Und ist keine meiner Schwestern

Um dich, die dich pflegen könnte?

O, da kommt der alte Sami

Dir entgegen, dich zu stützen.


[68] (Sie weint.)


Ach, du Himmel! ach, du Himmel!

Muß sich selbst in seinem Zimmer

Seine Arzeneien holen. –

Ei, wo sind denn meine Schwestern?

Sollten die nicht, immer Eine,

Bei dir sein, und dich bedienen?

Und dich pflegen, armer Vater?


Mordi.


Willst du deine Schwestern sehen?


Roselinde.


Ja, da sind sie, da Hirlande

Und dort neben auch Astralle.

Ei, was thun sie da am Tische?

Ach, sie spielen. Da sind Karten.

Pfui! wer mag mit Karten spielen?

Ach, was liegt da auf dem Tische

Für ein Haufen Geld von Golde –

Und ringsum, was kleine Häufchen;

Warum sehen sie denn alle

Nach dem dicken Herrn dort oben?

Da! – Er zeigt jetzt seine Karte.

Ei, was ist das? – Wie sich alle

Die Gesichter jetzt verzerren.[69]

Ach, er hat es all gewonnen.

Denn er scharrt mit einer Harke

All die kleinen gold'nen Häufchen

Jetzt zu seinem großen Haufen. –

– Ei, Herr Mordi, sag, in welchem

Orte sind denn meine Schwestern?


Mordi.


Sind in's nächste Bad gefahren,

Sich Vergnügen da zu machen.


Roselinde.


Und der Vater sitzt zu Hause,

Ohne Pflege, ohne Wartung,

Nur von Fremden schlecht bedienet?

Und doch besser noch gepfleget,

Als von seinen eignen Kindern.

– O, du armer, armer Vater!

– Ach, da ist er ja schon wieder,

Seh' ihn wieder in dem Spiegel.

Horch! da sprach er eben seufzend.

Sprach vielleicht gar meinen Namen.

– Wenn ich doch nur bei dir säße,

Du mein lieber, guter Vater!

Bist du jetzt so ganz alleine?

Hast von deinen Mädchen keine,[70]

So dich in der Krankheit pflege,

Deine Arzenei dir gebe,

Und dich stütze, und dich führe.


(Sie weint bitterlich.)


Ach wenn ich nur bei dir wäre;

Ach, wie wollt' ich für dich sorgen!

Daß du unter meiner Pflege

Völlig bald genesen solltest,

Lieber, armer, kranker Vater!


Mordi.


Holla! Diener!


Pudelhunde kommen.


Wau! wau!


Mordi.


Bringt den Wagen.


Pudelhunde ab.


Mordi.


Wär ich krank, wie jetzt dein Vater,

Würdest du auch Mitleid fühlen?


Roselinde.


Würdest mich gewiß recht dauern. –

– Ei, was willst du mit dem Wagen?[71]

Willst du doch nicht gar verreisen,

Und mich ganz alleine lassen?


(Man hört unten den Wagen vorfahren und die Pudelhunde rufen: Wau, wau!)


Mordi.


Du kannst reisen, Roselinde.


Roselinde.


Ich darf reisen? ich? zum Vater?


Mordi.


Was du brauchst von schönen Kleidern,

Geld und Kleinod und dergleichen,

Auch Geschenke für die Heimath,

Findest du in deinem Wagen.

Auch ein Fläschlein Balsamthau,

Von dem Lebensbaum gesammelt,

Hab ich dir hinzugefügt,

Deinen Vater zu erretten

Von dem sichern nahen Tode.

– Hier, nimm aber diesen Spiegel.


Roselinde.


Ach, den kann ich dort nicht brauchen.


Mordi.


Nicht dort brauchen? Roselinde!

Willst du mich dort ganz vergessen?


[72] Roselinde.


Nein, o nein! du bist so gütig;

Nein, ich will dich nie vergessen.


Mordi.


Gut. So nimm auch diesen Spiegel,

Sieh an jedem dritten Abend,

Eh du dich zum Schlafe legest,

Drin nach mir, ob ich noch lebe,

Noch gesund bin, was ich mache.

Siehst du aber krank mich liegen,

Dann, o liebe Roselinde,

Komm mit deinem Balsamthaue

Schnell mit deinen Flügelpferden.

Nur der Balsam kann mich retten,

Der auch deinen Vater rettet.

Willst du thun, was ich dich bitte?

Sieh, so oft du unterläßt,

Nach mir in den Zauberspiegel

Einzusehn, muß ich in Schmerzen,

Stärker, als je Menschen fühlten,

Um ein Zwanzigtheil von meiner

Größe, Dick' und Schwer zusammen-

Runzeln, bis nach zwanzig Malen[73]

Gar nichts von mir übrig bleibet.

Gelt, du wirst mich nicht vergessen?


Roselinde.


Nein! – Gewiß, gewiß, Herr Mordi,

Werd' ich niemals dich vergessen.


Mordi.


Sechzig Tage darfst du bleiben,

Dann mußt du zurücke kehren.


Roselinde.


Ach, wie gut bist du, Herr Mordi.

Will auch sicher nie vergessen,

In den Spiegel einzusehen.


Mordi.


Holla! Diener!


Pudelhunde und Misekätzchen kommen.


Mordi.


Hebt die Jungfrau in den Wagen,

Fahret rasch mit ihr von dannen;

Wißt es ja, wohin sie reiset.


(zu Roselinde.)


Sieh, da ist auch Misekätzchen,

Nimms doch mit zu deinem Vater.

Lebe wohl!


[74] Roselinde bewegt.


Leb wohl, Herr Mordi.


Mordi.


So? du weinst?


Roselinde.


Ich dachte eben,

Wie die Zeit dir lang mag werden,

Wenn du niemand hast zu pflegen,

Niemand mehr, der mit dir redet.

Ach, wenn's nicht der Vater wäre,

Oder wär' er nicht erkranket,

Wüßt' ich wohl, daß ich dann bliebe.


Mordi.


Du bist fromm, lieb Roselinde.

Sei zufrieden. Schau nur fleißig

Nach mir in den Zauberspiegel,

Dann wird alles gut noch gehen.

Komm hinab in deinen Wagen.


(Sie gehen Alle ab.)


Quelle:
Albert Ludewig Grimm: Lina’s Mährchenbuch 1–2. Band 1, Grimma 21837, S. 64-75.
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