Zweite Scene.

[75] (In Schira's Hause)


Schira auf einem Ruhebette. Der Arzt bei ihm.


Schira.


Lieber Meister, wie ich sagte,

Jeden Tag geht's immer schlechter.


Arzt.


Macht Euch doch nicht solche Grillen.


Schira.


Keine Grillen! – Ach, ich fühl' es! –


Arzt.


Könnt Ihr denn nicht freier athmen!


Schira.


Wenig. Wohl gibt's Augenblicke,

Da die Brust mir freier dünket,

Da sie wieder leicht sich dehnet –

Doch im andern Augenblicke

Schnürt sie wieder sich zusammen,

Daß ich kaum zu Athem komme.


Arzt.


Leidet Ihr dann große Schmerzen?


Schira.


Körperlich nicht eben Schmerzen. –

Bange, – bang, so recht im Innern,[76]

In der Seele, möcht' ich sagen,

Fühl' ich mich alsdann beklommen.


Arzt.


Sind die Arzenein zu Ende?


Schira.


Hab sie pünktlich eingenommen.


Arzt.


Will Euch eine neu verschreiben,

Die gewiß Euch wohl bekommet.


Schira.


Ist sie blau?


Arzt.


Blau? Wie verstehet

Ihr denn das?


Schira.


Ei, blau von Farbe!

Seht, ich hab seit heute immer

Einen Balsam in dem Sinne,

Der allein mich heilen könnte:

Wüßt ich nur ihn zu bekommen!

Wenn ich nur daran gedenke,

Fühl' ich wunderbar mich stärker.

Wüßt' ich nur ihn zu beschreiben.

Er ist himmelblau von Farbe,[77]

Braußen muß er in der Schale,

Süß und bitter muß er schmecken,

Ach, und – o, ich fühl' es deutlich,

Wie er mir die Brust durchströmet,

Und die alten Schäden heilet,

Daß ich ganz mich neu verjünge.


Arzt.


Ja, ich weiß es, was Ihr meinet.

Habt Ihr denn in Euerm Leben

Je den blauen Trank gesehen?


Schira.


Niemals, nie in meinem Leben.


Arzt.


Wunderbar! – Es gibt solch einen

Trank, und ich erkenn' ihn deutlich:

's ist der Thau vom Lebensbaume,

Der im Paradies gewachsen,

Den Herrn Mordi's böse Mutter

Endlich nach gar mancher Erbschaft

Noch geerbt von einer Muhme,

Und der in Herrn Mordi's Garten

Nur allein noch steht auf Erden.

Wer ihn aber holt, den Balsam,

Setzt sein Leben auf die Waage,[78]

Ach, schon Tausend, über Tausend,

Büßten mit dem Tod das Wagniß.


Schira.


Und allein in Mordi's Garten?

Ach, nun schlagt Ihr meine Hoffnung

Ganz darnieder.


Arzt.


Habt Ihr keinen

Treuen Diener, der mit Freuden,

Euch das Leben zu erhalten,

Seines auf die Wage setzte?


Schira.


Keinen, keinen, der so Treue,

Als auch Muth in sich vereinigt.

Und dann möcht' ich auch den treuen

Diener nicht zum Tode senden.


Arzt.


Ihr seid immer nicht verloren,

Könnt noch sonst gerettet werden.

Darum seid nur gutes Muthes.

Aber dennoch hoff' ich immer,

Euch den Balsam noch zu schaffen.


(ab.)


[79] Schira allein.


Ach, wer wird sein Leben geben,

Um das meine zu erhalten?

– Nein, der gute Muth, der schwindet,

Nach und nach muß ich verschmachten.

Alle andern Arzeneien

Können mir ja doch nicht helfen.

Ach, wenn's Roselinde wüßte!

Doch! – die lebt schon lange nimmer, –

Ach, da will ich auch ja sterben!

Was hab' ich denn noch auf Erden?

Meine beiden andern Mädchen

Sind mir weder Trost noch Freude,

Fahren immer nach dem Hofe,

Denken nur an ihr Vergnügen,

Nur an Spiel und Putz und Mode! –

– und so gräm ich mich zu Tode.


Quelle:
Albert Ludewig Grimm: Lina’s Mährchenbuch 1–2. Band 1, Grimma 21837, S. 75-80.
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