Vierte Scene.

[92] (Saal im königlichen Schloß.)


(Abendgesellschaft.)


Die drei Königstöchter Rauna, Billowa und Lodissa sitzen vorn mit Astralle und Hirlande an einem Spieltische, und spielen mit Karten. Hinten stehen noch mehrere besetzte und unbesetzte Spieltische, die Großen von des Königs Hofstaate stehen hinten in[92] einem Halbkreise. Der König, auf- und abgehend, spricht bald mit diesem bald mit jenem ein Paar Worte.


Astralle.


Dieser Stich ist mein, Prinzessin.


Lodissa.


Hast du denn das Aß?


Astralle.


Ja, freilich!

Und was sprechet Ihr zu dieser?


Rauna.


Aber ich hab diese besser.


Hirlande.


Wie verdrießlich!


Eine Kammerfrau kommt.


Ach! Astralle,

Denket nur einmal! Hirlande!


Astralle.


Nun, was ist's denn?


Hirlande.


Nun, so redet.


Kammerfrau.


Denkt Euch! denkt Euch! Euer Vater –


[93] Astralle, einfallend.


Ach, von dem? da ist's nicht nöthig,

Unser Spiel darum zu stören.


Hirlande.


Ei, was ist's denn?


Astralle.


Kanns mir denken:

Er war diesen Morgen übel,

Und ist jetzt vielleicht gestorben.


Billowa.


Und das wäre so gleichgültig?


Astralle.


Nun gleichgültig auch nicht eben.

Nein, man muß in solchen Fällen

Sich doch auch zu fassen wissen.

Er ist schon zu lange kränklich,

Und ihm war doch nicht zu helfen,

So hat er doch seine Schmerzen

Endlich einmal überstanden.

– Aber wir vergessen völlig

Unser Spiel. Wie stand's doch eben?


Kammerfrau.


Nein, Ihr irrt Euch. Es ist anders.


[94] Rauna.


So erzähle!


Hirlande.


Doch Prinzessin,

Liebt es denn nicht Eurer Hohheit,

Dieses Spiel erst zu beenden,

Sonst vergessen wir die Karten.


Kammerfrau.


Nein, gesund ist er geworden,

Euer Vater, nicht gestorben.

Eben wird es ausgerufen.

Darum will er Feste feiern,

Die zwei Monde dauern sollen.


Astralle.


Nimmermehr! Ich will's nicht hoffen!

Ganz gesund?


Bellowa.


Du willst's nicht hoffen?


Astralle.


Nein, ach nein, ich freu mich herzlich.

Aus Verwunderung sprach ich also.


Hirlande.


Ja, wir freuen uns von Herzen.


[95] Kammerfrau.


Und ich weiß auch noch was Neues.


Rauna.


Was denn? rede.


Kammerfrau.


Roselinde,

Ihre Schwester, ist gekommen.


Hirlande.


Roselinde?


Astralle.


Roselinde?

Nein, nicht möglich. Die hat Mordi

Vor vier Jahren schon gefressen.


Kammerfrau.


Und doch ist sie angekommen

In derselben schönen Kutsche,

Drin sie abgeholet wurde.

Und sie sei so schön geworden,

Daß sie in dem ganzen Lande

Weit und breit die Schönste wäre.


Hirlande aufstehend.


In dem ganzen Land die Schönste?

Nein, das ist doch übertrieben.


(Sie geht vor dem Spiegel:)
[96]

Aber weit und breit die Schönste –

Ach, es gibt doch auch noch manche

Schöne Frauen in dem Lande.


Astralle.


Ja, das sollt' ich auch doch meinen.


Lodissa, aufstehend.


Nun, ihr eilt wohl jetzt nach Hause?

Thut euch weiter keinen Zwang an.


Hirlande.


Aber unser Spiel?


Rauna.


Ich bitt' euch!

Nein das wäre höchst unbillig.

Ihr habt Eure liebe Schwester

Seit vier Jahren nicht gesehen.


Astralle.


Bitt' Euch, Hoheit, wollt' erlauben,

Daß wir dieses Spiel erst enden.


Billowa.


Künftig spielen wir schon wieder.


Astralle wirft unwillig die Karten hin.


Wenn Ihr's denn nicht anders wollet –


Rauna.


Gehet heim zu euerm Vater,[97]

Grüßet mir auch eure Schwester,

Bringt sie auch einmal zu Hofe.

Lebet wohl!


Hirlande.


Lebet wohl! Behaltet

Ferner uns in Eurer Gnade.


Astralle neigt sich abgehend.


Eurer Hoheit mich empfehlend.


(Sie gehen ab.)


Quelle:
Albert Ludewig Grimm: Lina’s Mährchenbuch 1–2. Band 1, Grimma 21837, S. 92-98.
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