Fünftes Kapitel.

[118] Als das Mahl aber bald vorüber war, erhob sich Adelbert von seinem Sitze zur Seite des Königs, und ging hinaus in den Garten, und ihm folgte sein vormals trotziger Gegner. Und sie schritten die Gänge von knospenden Bäumen[118] entlang, und setzten sich am Ende des Gartens auf eine steinerne Bank. Der Vollmond leuchtete aber mit klarem Schein auf sie nieder, und der trotzige Ritter sahe Adelberten lange aufmerksam ins Gesicht. Da fragte ihn Adelbert: »Sagt mir lieber Ritter, so ferne es Euch gefällt, vorerst Euern Stamm, und dann auch die Ursache, warum Ihr mich schon etlichemal so genau betrachtet?«

»Mein Name Junkherr,« antwortete der Ritter, »ist Otto, und um meiner Leibesgröße und Stärke willen, werde ich nur der Groß Ott genannt. Warum ich Euch aber so oft ins Angesicht schauen muß, und meine Augen von Euch kaum abzuwenden vermag, seht! das hat seine eigene Bewandtniß, und daferne Euch eine kurze Mähr, die vielleicht gar ein erdichtetes Mährlein ist, nicht Langeweile macht, so will ich Euch das wohl sagen.«

»Nein mein lieber Groß Ott, erzählt mir immer Eure Mähr,« sagte Adelbert. »Wo habt Ihr je gehört, daß ein rechter Sänger nicht gerne einer guten Mähr sein Ohr geboten, daferne er nur ein Sänger war recht mit ganzem Gemüthe?«

Da hob Groß Ott an: »Seht man hat bei uns eine Sage von einem starken Ritter, der ein arger Zauberer sein soll, und jetzt tief in Afrika wohnet. Der Zauberer wohnte früher aber hier im Lande, und hatte unter andern wunderbaren[119] Geräthen auch ein gar mächtiges Saitenspiel. Das hatte er auf einem Zuge durch Deutschland mit sich gebracht, und die Leute wollten behaupten, er besitze es auf keine gar rühmliche Weise, indem er es einer edlen Frau dort heimlich entwendet habe, weil er gesehen, welche Wunder sie mit Hülfe der Zither verrichtet, und weil er sich in Besitz dieser Wundermacht zu setzen gedachte. Aber er hatte sich doch betrogen, denn die Zither gewährte ihre Macht nur dann, wenn ihre Saiten von den Fingern eines Menschen berührt wurden, dessen Gemüth sanft und mild, sich keiner vorsetzlichen Uebelthat bewußt war. Daher kam es, daß sie dem bösen Zauberer nie zu Willen war, ja, daß immer sogar das Gegentheil von dem sich ereignete, was er durch sein Spiel und seinen Gesang zu bewirken gehofft. Darum hatte er endlich das Saitenspiel unwillig hingeworfen, und nimmer beachtet. Aber der Sohn der edlen Frau, der er das Kleinod gestohlen, hatte sich aufgemacht, und war ihm nachgezogen, und hatte seine Burg erforscht, und hielt nun vor den hohen Mauern seiner Veste, und forderte ihn auf zum ritterlichen Zweikampf um den Besitz der Wunderzither. Da sandte ihn der Zauberer zuerst allerlei kleine Spuckereien entgegen, und hoffte sie würden den Gegner verschüchtern. Doch der starke Ritter widerstand Allem durch seinen reinen festen Willen, und zerstreute allen Spuck. Da mußte[120] der Ritter endlich selber herauskommen, und zwang ihn die Zither herauszugeben, mit welcher er fröhlich nach Hause zog. Der arge Zauberer suchte noch Rache an ihm zu nehmen, und raubte ihm sein liebstes Kind, das die Mutter nicht sorgsam bewachte, und nahm es mit sich ins Innere von Afrika hinein, wo er nun seine Zaubereien ins Große treibt. Doch, lieber Jungherr, das müßt Ihr wohl wissen, denn Ihr seid ja aus deutschen Landen, und die Geschichte ist von dorther zu uns gekommen. Nur das füge ich noch hinzu, daß der Zauberer nun alle Vollmondsnächte aus seiner fernen Heimath eine Spukgestalt herüber schickt, die die Mutter im Grabe stört und sie verhöhnt. Das, sagt man wenigstens bei uns, sei der schwarze Ritter auf dem Flügelrosse mit der zarten, blassen Jungfrau in dem Arme, der jede Vollmondsnacht auch über unserer Gegend nach Deutschland hinüber zieht. – Nun aber sollt Ihr wissen, edler Junkherr, daß die blasse Jungfrau, die ich selber schon oftmals gesehen, mir so ins Herz geschrieben ist, daß ich ihre liebliche Anmuth gar nicht vergessen kann, und darum entschlossen bin, hinauszuziehen, und sie wo möglich dem schwarzen Zauberritter abzugewinnen, oder in dem Kampfe um sie zu sterben. Denn nur dann hat das Leben noch eine Freude für mich, wenn die blasse Jungfrau meine Hauswirthin ist. Aber warum ich Euch mit solcher Lust und solchem Schmerz schon den[121] ganzen Abend her betrachte, das geschieht darum, weil Ihr ganz das Ebenbild der blassen Jungfrau seid, nur daß Eure Wangen von etwas frischerer Farbe fröhlicher leuchten.«

Adelbert hatte aufmerksam zugehört, und wußte nun wohl, daß Herr Groß Ott ihm die Geschichte seines Vaters und seiner Zither erzählte. Als die Mähr aber zu Ende war, da sprach er: »Ihr habt mir eine theure Kunde gegeben, und ich dank' Euch herzlich dafür. Ohne Euch wär' ich vielleicht noch lange zwecklos herumgezogen; nun aber weiß ich, daß ich mich gerade nach Afrika wenden muß, um das Ziel meiner Reise zu erlangen. Denn eben der schwarze Zauberritter mit dem feuerfarbenen Helm ist es, den ich aufsuche, und von dem ich bisher noch keine Spur gefunden.«

»Ja, ja, feuerfarbene Helmfedern trägt er auch in der Spukgestalt auf dem Flügelrosse,« antwortete Groß Ott. »So kennt Ihr ihn auch schon? so habt Ihr ihn auch schon gesehen?«

»Wohl hab' ich das!« erwiderte der Junkherr. »Und die blasse Jungfrau ist mein Zwillingsschwesterlein, die er meiner Mutter geraubt, und meine Zither ist wohl auch die Wunderzither, die mein Vater dem Feinde wieder abgewonnen. Aber ich ziehe jetzt nach ihm, und gedenk ihm auch mein holdes Schwesterlein abzugewinnen, und dann[122] soll sie sofern sie selbst es will, Eure treue Hauswirthin werden, mein edler Kämpfer.«

»O,« sagte Groß Ott, »da nehmt mich doch mit Euch; wir besiegen den Feind um so eher« »Es sei so!« antwortete Adelbert, und schlug seine Hand in Groß Otts dargebotene Rechte.

Sie standen aber noch so, da hörten sie es rauschen durch die Luft, und sagten beide zugleich: »Da kommt das schwarze Flügelroß.« Und als sie aufschauten, schwebte der Spuk über den Garten daher. Adelbert ergriff aber seine Zither, die noch auf der Steinbank lag, und sang mit lauter Stimme:


O, traure nicht,

Du holdes Licht

Mit deiner Wangen blassem Schein!

Ich komme, holdes Schwesterlein,

Ich löse bald

Dich aus des schwarzen Zauberers Gewalt.


Und mit noch lauterer Stimme sang er weiter:


Zieh aus, zieh ein

Im Mondenschein,

Du schwarzer Zauberritter!

Zieh heim, zieh hinaus

Ich find' dich aus! –

Und hab ich funden dein Zauberschloß.

Ich nehme dir wohl dein Flügelroß.

Bald läßt in Ruh

Die Todten du; –

Ich zwinge dich mit der Wunderzither.
[123]

Da beflügelte das Flügelroß noch mehr seinen Flug, und zog vollends vorüber. Aber die blasse Jungfrau neigte sich weit herab nach ihnen, und warf vorüberziehend etwas herab. Adelbert neigte sich, und hob einen goldenen Schlüssel auf, und zeigte ihn seinem Freunde, und beide freueten sich des freundlichen siegverheißenden Zeichens.

Quelle:
Albert Ludewig Grimm: Lina’s Mährchenbuch 1–2. Band 2, Grimma 21837, S. 118-124.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Wilbrandt, Adolf von

Gracchus der Volkstribun. Trauerspiel in fünf Aufzügen

Gracchus der Volkstribun. Trauerspiel in fünf Aufzügen

Die Geschichte des Gaius Sempronius Gracchus, der 123 v. Chr. Volkstribun wurde.

62 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon