Viertes Kapitel.

[110] Aber Adelbert und Leuthold waren noch wenige Wochen an dem Hofe des Königs, da waren schon die Blätter von den Bäumen geschüttelt, und die Herbstwinde saußten durch die kahlen Aeste; und noch etliche Wochen, und es war auch schon der Winter da mit seinen kalten Regengüssen, mit Schneegestöber unterbrochen. Da saß Adelbert die trüben Tage mit dem König und seinen Großen und Rathgebern manch schönes Stündlein in der hohen Königshalle mit den Marmorsäulen an dem wärmenden Kamin, und ließ aus seiner Laute einen frühlingshellen Liederstrauß herausblühen, daß Allen, so ihn hörten, das Herz aufschlug, als ob der Frühling mit seinen Blumen und seinen frischen Zweigen und mit seinen Nachtigallen schon hereingekommen wäre in das Land. Und wenn der König sich so recht ergötzt hatte an seinem Saitenspiel, da wandte er sich oft zu Adelbert, und sprach: »O begehrt nur, was Euch auf Erden gefallen mag, Ihr lieblicher Sänger. Ich will es Euch geben, so[110] fern es in meiner Macht steht; aber versprecht mir dagegen bei mir zu bleiben, so lang' mein schwaches Leben noch währen mag, und erheitert mir mit Euerm Gesange die wenigen übrigen Tage meines Greisenalters.«

So hatte der alte König auch eines Tages zu ihm gesprochen, da antwortete Adelbert: »Wie gerne wollt ich thun, wie Ihr begehret, mein edler königlicher Wirth, sofern es mir nicht eine höhere Pflicht verböte. Von meinem fernern Zuge hängt es ab, meiner Mutter im Grabe Ruhe zu geben, und meines Vaters Seele vom Bösen zu lösen. Darum wäre es Verrath an der Seligkeit der beiden mir so werthen Angehörigen, wenn ich in Eure Forderung willigte. Ja, ich bin daher gesonnen, in nächsten Tagen von hinnen zu ziehen, da die Regen und Schneeschauer des Winters vorüber zu sein scheinen, und die Sonne schon hie und da ein grünes Blättlein aus den Knospen Eurer Gartenbäume hervorlockt.«

Als der König solches vernommen, da drang er nicht ferner mehr in ihn. Aber ihn bei seinem Abschied noch zu ehren, versammelte er alsbald die Ritter seines Landes bei sich an seinem Hofe zu einem feierlichen Waffenspiele. Da war am Eingange des Gartens ein weiter Kampfplatz abgesteckt, an dessen Schranken die Ritter sich versammelten in ihren Waffen. Aber rings an den Stämmen der Lindenbäume,[111] so den Platz umfasseten, hingen die reichen Wappen der Ritter und Kämpfer, das Alter und den edeln Stamm, aus dem sie entsprossen, bezeugend.

Da gedachte der König seinen jungen Sänger zu ehren, und führte ihn hinaus auf den Balkon des Schlosses, der über den Kampfplatz als Schaubühne herüberhing, von den Säulen des Garteneingangs getragen. Und als sie hervortraten, neigten alle die Ritter ihre Lanzen, den König zu begrüßen. Aber der König zeigte auf Adelbert, und sprach zu den Rittern: »Seht hier, Ihr Ritter und Edelknechte! Dieser Jüngling hat Euch alle übertroffen mit all Eurer Ritterherrlichkeit. Er hat allein vollbracht, was Ihr schon zu Hunderten versucht, und doch nicht zu vollbringen vermochtet; er hat den Lindwurm getödtet mit seiner Brut, der dem ganzen Lande verderblich war. Darum ist es billig, daß Ihr ihn auch ehret, als Euern Meister. Und jeder, der solches will, der neige vorüberreitend vor dem Jüngling die Lanze.«

Da ritten Viele vor dem König und vor Adelberten vorüber, und wenn sie vor Adelbert kamen, neigten sie tief ihre Lanzen, und Adelbert erröthete bescheiden bei jedem Gruß der Ritter. Aber Einer kam, das war ein hoher, stattlicher Ritter in schwarzem Harnische, auf schwarzem Schlachtrosse, der ritt vorüber, und sah Adelberten verachtend ins Gesicht,[112] und ritt vorüber ohne zu grüßen. Und der König rief ihm zu: »Ehrest Du so wenig meinen Gast, daß Du ihn nicht Deines Grußes würdigest?«

Aber der Ritter entgegnete trotzig: »Es spreche mein König, ich soll seinen Gast ehren, und wenn's schon nur ein Knabe, so will ich's gleich wohl. Doch spricht mein König, ich soll meinen Meister ehren in dem Knaben, so reite ich abermals ohne Grüßen vorüber. Wenn der Knabe ein Mann sein will, und von Männern und Rittern geehrt, so verdiene er das erst im ritterlichen Kampfe, und thu es kund an Männern, was er durch die Kraft seines Saitenspiels vermag gegen die Kraft eines Heldenarms, und nicht an unvernünftigen Bestien, die er in Schlaf singt, und im Schlafe ermordet.«

Da nickte ihm Adelbert freundlich bejahend zu, und die blonden Locken spielten ihm vorn auf der Stirne; und er rief dem trotzigen Ritter hinunter: »Gut, gut! Es geschehe, wie Ihr begehret. Laßt nur das Kampfspiel zu Ende gehn, und mit dem Sieger tret' ich noch zuletzt in die Schranken.«

Und das Kampfspiel begann, und es ward gehalten mit vieler Pracht in dem Garten des Königs. Und die Helden rannten mit Lanzen und fochten mit Streithämmern, und kämpften mit Schwertern. Aber der trotzige[113] Ritter war immer der Erste in jeder Gattung des Waffenspiels. Und es säumte schon der Abend die Wolken mit röthlichem Scheine und vergoldete die knospenden Zweige der Bäume mit warmem Lichte; da hielt der trotzige Sieger in Mitten der Kampfbahn, und winkte mit der Lanze hinauf und rief: »Nun Junkherrlein, so es dir gefällt, so setze dich auf dein Rößlein, und reite herein in die Schranken. Gib aber hübsch Achtung, daß du vor Angst nicht vom Sattel fallest, ehe ich dich mit der Lanze herabhebe, und über das Geländer hinausschleudere. Aber mich jammert doch dein, ich will den ungleichen Kampf dir meinetwegen erlassen, wenn du es geduldig erträgst, daß ich ohne Grüßen vor dir vorbeireite.«

Darauf sprach Adelbert in seiner Seele: »O, lieb Mütterlein, laß an diesem die Macht deines Saitenspiels kund werden, und meines Gesanges,« und wollte hinabsteigen. Aber der König sprach zu ihm: »Bleibt hier, lieber Junkherr! bleibt hier. Der trotzige Mann macht mirs selbst ja nicht besser, und ich bin doch sein König. Aber er ist der kundigste und stärkste Fechter meines Landes.«

»Ei,« sprach Adelbert, »um so eher verdient er, daß ich hinabsteige, und die störrige Kraft zu bezähmen suche, und ihn lehre, daß es noch etwas Höheres gibt, als das rohe Dreinschlagen, vor dem die leibliche Kraft sich in Demuth[114] zu neigen verbunden ist. Wie kann er denn sonst Euer Unterthan sein? Wenn er die Stärke für das Herrlichste hält in dem Menschen, so ist König wer der Stärkste ist, so ist er Euer König, oder dünkt es sich mindestens würdig zu sein.«

Und mit solchen Worten schritt er den Balkon hinab, und stieg auf sein Rößlein, und nahm die Zither in seinen Arm, und ritt in die Schranken. Als er aber in die Schranken kam, ritt er auf den trotzigen Ritter zu, und seine Zither mit einigen Griffen versuchend, sprach er zu ihm: »Ihr werdet mir in unserm Kampfe wohl den Vorrang lassen müssen, erst mir den Schlag, und dann ihn selbst erst führen. Denn wenn Ihr mir mein Saitenspiel zerschlagt, so ist's mit meinem Spiel dahin, und wenn Ihr meinen Leib zerschlagt, so ist's auch mit meinem Gesange vorbei. So Ihr mich aber beginnen laßt, will ich's versuchen, ob ich mit meinen Waffen die Euern zu zerbrechen vermag.«

»Ja, ja, singt nur und spielt,« sagte der Ritter, »für meine Waffen ist mir eben nicht groß bange.«

Und Adelbert hielt ihm gegenüber, und sang erst mit sanfter. Stimme ein Gebetlied zu seiner holden Mutter, dann griff er die Saiten Anfangs mit rascher Kraft, und es schien die Begleitung eines Kriegsliedes, das er in Gedanken sang. Aber sein Gegner hielt mit erhöhetem Kriegsmuthe[115] ihm gegenüber, und blickte ihm kampflustig und schlagfertig entgegen. Da bebte der König, und beklagten die Zuschauer den sanften Jüngling. Auch Adelbert griff wieder sanfter und linder in die Saiten, und besänftigte den durch sein voriges Spiel aufgeregten Kriegsmuth in Aller Herzen, selbst in dem Herzen seines trotzigen Gegners. Aber bei seinem Spiel schien er sich nach und nach zu verklären, und seine Locken umwallten ihm im Schimmer der Abendsonne das Haupt rings wie ein goldener Heiligenschein, und ein wunderbares Licht entwallte mit den Tönen den glänzenden Saiten seiner Zither, und umgab ihn mit wunderbarem Glanze, so daß er endlich einer verklärten Engelserscheinung gleich, nur noch über seinem Weißrößlein zu schweben schien. Da sang er zu seinem wunderbaren Spiele endlich folgende einfache Worte:


»Am Quellenrand

Ein Blümlein stand;

Das Blümlein lacht

In Frühlingpracht.

Und groß und schwer

Von Alters her

Ein Felsenstein

Von oben herein

Hoch über die Quelle da hing,

Der achtet das stille Blümlein gering.


Ho, Blümlein, ho!

Was lachst du so?[116]

Wer achtet dein?

Bist schwach und klein;

Man pflückt dich ab,

Welkst gleich hinab.

Auch ich, auch ich

Zerschmettre wohl dich.

Denn fall ich jetzt auf dich hinab,

Ich tödte dich, schlag dich zumal ins Grab!«


»Du Felsstein, du,

Fall immer zu,

Fall auf mich ab,

Mich schlag ins Grab.

Verweht mein Licht,

Auch dir strahlt's nicht.

Der Farbe Pracht

An dir drum nicht lacht,

Verderben wohl kannst mich; – doch mein

Bleibt eigen allein der liebliche Schein.«


Adelbert hatte zu diesem unbedeutenden Fabelliede die schönsten Töne hervorgelockt, die in seiner Zither schliefen, und als er geendet hatte, wiederholte er nochmals die ersten Worte des letzten Verses:


»Nun, Felsstein, du!

Fall immer zu!«


Doch der trotzige Ritter gab seinem Pferde die Spornen, und legte seine Lanze ein, und sprengte sein Schwarzroß gegen Adelberten, lenkte aber an ihm vorüber, und seine Lanze splitterte an der Säule des Garteneingangs in Stücke, und die Splitter flogen weit umher. Dann wandte er sich langsam um,[117] und sprach zu Adelberten: »Mein Junkherr, gegen Euch kann ich nicht kämpfen, und vor Euch neigt' ich gern die Lanze, aber Ihr habt mir sie zersplittert mit Euren Waffen. Nein solch Wunderblümlein, als Ihr seid, will ich großer Fels nicht erdrücken mit meiner rohen Last.« Und damit sprang er ab von seinem Schlachtroß, und schritt schnell hin, und hielt Adelberten den Bügel, und Adelbert schwang sich fröhlich herab, und die beiden Feinde lagen einander in den Armen.

Da erscholl der lang zurückgehaltene Freudenruf des Königs von dem Balkon, und in tausend Jubelstimmen wiederhallte der Ruf von den Schranken zu dem Könige hinauf. Aber der König kam herab, und führte den Sänger an seiner Rechten, den starken Ritter an seiner Linken hinein, und die übrigen Kampfgenossen folgten ihnen nach in den hohen Saal, wo der festlich geschmückte Abendtisch die Gäste des Königs erwartete.

Quelle:
Albert Ludewig Grimm: Lina’s Mährchenbuch 1–2. Band 2, Grimma 21837, S. 110-118.
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