Zehntes Kapitel.

[145] Die Heimfahrt war kürzer, als die Ausfahrt. Adelbert gab der holden Schwester Rosablanka sein Weißrößlein, setzte sich, der besorgten Warnung des treuen Leuthold ungeachtet, auf das geflügelte Schwarzroß, das von Tage zu Tage sein voriges spukähnliches Ansehen unter seinem neuen Herrn verlor, und sich immer mehr und mehr in majestätischer Herrlichkeit zeigte, als erhole es sich unter seinen Händen von lang erduldetem Mißbrauch.

Sie waren schon in Groß Otts Vaterland gekommen, und zogen nun in die Stadt ein, da Adelbert mit Leuthold den Lindwurm erlegt hatte mit seiner Brut. Da kam aber das Volk zu Haufen zu Adelbert, und grüßten ihn, als seinen Retter. Und die Aeltesten der Stadt und des Reiches kamen auch, und brachten ihm die Krone ihres Königs, der in der Zeit verstorben war, und sterbend sein Reich in Adelbertens Hand gelegt wissen wollte. Aber Adelbert sprach: »Ziehet mit mir in meine Heimath, dort will ich für Euer Reich sorgen. Jetzt liegt mir erst noch andere Sorge ob.« Und sie zogen mit ihm in seine Heimath.
[146]

Da ertönte eines Tages wieder der Burgweg zur Finsterburg von Rosseshufen, und es klopfte an den Thoren der Burg. Und der finstere Ritter rief freudig bewegt aus seiner Halle: »Ihr Knappen, öffnet die Thore, entweder der Tod will herein, und meinem finstern Leben ein Ende machen, oder ist's gar noch eine Freudenpost, die meiner wartet.«

Aber die Knappen kamen wieder, und riefen den Ritter hinab in den Burghof. Und der Ritter stieg, unterstützt von ihnen, die Wendeltreppe hinunter, und trat zum Thore hinaus in den Hof. Da hatte aber Adelbert schon hinten einen Eingang brechen lassen durch die hohe Mauer zu der Stelle, da seiner Mutter Grab war. Und die Diener führten den wankenden Vater hinein. Da kniete Rosablanka bei dem Grabe, und Adelbert auf der andern Seite, und beteten. Als aber Vater Arbogast hereintrat, sank er zusammen, und rief: »O, die Stelle meines verborgenen Verbrechens! Hier hab' ich Eure Mutter erschlagen! Rosablanka! Adelbert! meine Kinder, vergebt mir!«

»Vergeben! Alles!« riefen da seine beiden Kinder, und lagen in seinen Armen. »Der Himmel hat Alles wieder wohlgemacht!« sagte Adelbert. »Wie immer!« setzte Leuthold hinzu: »Und der Blutfleck, mein edler Junkherr, ist auch verloschen auf Eurer Stirn.«[147]

Dann führte Adelbert seinen treuen Genossen, der schweigend fern stand, herzu und sprach: »Vater, wenn Ihr Eure Rosablanka einem edeln Manne zur Hauswirthin geben wollt, so gebt sie diesem.« Und Arbogast legte Rosablankens Hand in die Hand des edeln Groß Ott, und sprach: »der Himmel segne Euch!«

Adelbert winkte aber nun auch die Aeltesten, so ihm aus der Stadt mit der Königskrone gefolgt waren, herbei, und zeigte auf seinen treuen Genossen und seine Schwester, und sprach: »Sehet hier Euern König und Eure Königin!« und nahm ihnen die Krone ab, und setzte sie Herrn Groß Ott auf. Da neigten sich die Aeltesten, und sprachen: »Heil unserm König! Heil unsrer Königin! Heil Euch!«

Da sprach Arbogast mit schwacher Stimme: »Wohl hab' ich's gewußt, als Ihr an der Thür klopftet, daß der Tod käme, oder eine große Freudenpost. Es ist, glaub' ich, beides angekommen. Die Freudenpost brachtet Ihr selber. Der Tod aber kommt auch noch. Adelbert, singe mir ein Schlaflied.«

Da spielte Adelbert ganz sanft über die Saiten seiner schwarzen Zither, und sang:


»Es kommt uns einer der bleibt nicht aus,

Ein gar verschiedner Bote!

Und sicher ist man in keinem Haus

Vor ihm, vor dem Tode.

Dort ruft er wild,

Dort winkt er mild; –

Und wo er ruft, und wo er winkt,

Ihm Einer in die Arme sinkt.

[148] Den führt er in die ewige Pein,

Und den ins Paradies hinein.

Du hast gebüßt, du bist gesühnt, –

Wohl, dir dein Hoffnungszweig ergrünt:

Vergebung darfst du hoffen,

Das Paradies ist offen.«


Und als die letzten Töne verklungen waren, war mit ihnen Arbogasts Seele ins Paradies geflogen. Adelbert und Groß Ott aber begruben ihn neben dem Grabe seiner Gemahlin, Frau Gertrud. Darauf zog Groß Ott mit der blassen Rosablanka, als seiner Hauswirthin, in sein Königreich, und es geschah auch an ihr, wie Adelbert gesungen hatte; die weiße Rose erblühete bald völlig zur rothen. Auf der Finsterburg stiftete Adelbert aber ein Kloster, das von vielen frommen Männern bewohnt wurde, die für das Seelenheil seines Vaters beteten und seiner Mutter. Und bei ihnen blieb der alte Leuthold, und betete mit ihnen bis an sein Ende. Da schwebte keine Spukgestalt mehr über dem Grabe hin, und Frau Gertrud schlief ruhig fortan in ihrem Mooshügel.

Als Adelbert aber so Alles besorgt hatte, setzte er sich auf sein Flügelpferd, und nahm seine Zither, und spielte eine freudige Weise auf den Saiten, und sang dazu folgende Worte:


»All' ist das Irdische bestellt,

Hier unten nichts mich fürder hält.

So fahre wohl du eitle Welt!

Was kannst, was kannst du geben?

Nach oben geht mein Streben,

Herr, laß hinauf mich schweben,

Hinauf! hinauf,

In der Sterne Lauf!

Dort erst beginnt mein Leben.«
[149]

Und als er das Lied gesungen, hob sich in Flügelroß mit ihm, und verschwand hoch oben in der unendlichen Höhe.


Es wollen Viele sagen, das Flügelroß sei wieder herabgekommen, und mancher edle Sänger habe sich von ihm durch die Wolken tragen lassen, und es geschehe noch zuweilen. Andere glauben, die schwarze Zither sei wieder gefunden. – Glaub' es, wer da will. Mag wohl Einer noch ein Flügelroß reiten, mag Einer auf einer schwarzen Zither spielen, – das rechte Flügelpferd und die rechte Zither hat er doch nicht. Die hat der Sänger-Jüngling mit hinauf genommen, und reitet noch auf dem Pferde von Stern zu Stern, und spielt noch auf der Zither. Und wenn ihn denn manchmal in Träumen Einer droben sieht oder hört, so glaubt der Thor dann erwachend, er sei es selber, er habe selber auf dem Flügelpferde die entzückende Fahrt gemacht durch den heiligen Sternhimmel, und der Zither die wundervollen Klänge abgelockt.

Wir wissen es aber besser, denn wir wissen wohl, daß es unser Adelbert war, und sonst kein Anderer, und daß des Träumers Lieder, die er uns denn wohl wachend auch noch nachsingt, nur schwache Nachklänge sind von den Liedern und Tönen, die er in seligen Träumen von droben herabklingen hörte.

Quelle:
Albert Ludewig Grimm: Lina’s Mährchenbuch 1–2. Band 2, Grimma 21837, S. 145-150.
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