393. Der Knabe im Fischteich

[360] Zu den Zeiten Agelmunds, des langobardischen Königs, trug es sich zu, daß ein Weib dieses Volkes sieben Knäblein auf einmal gebar und, um der Schande zu entgehn, grausamer als wilde Tiere sie sämtlich in einen Fischteich warf. Bei diesem Teich ritt der König gerade vorüber, sah die elenden Kinder liegen, hielt sein Pferd an und wandte sie mit dem Spieß, den er in der Hand trug, von einer Seite auf die andere um. Da griff eins der Kindlein mit seinen Händchen den königlichen Spieß fest. Der König sah darin ein Zeichen, daß aus diesem Kind ein besonderer Mann werden würde, befahl, es aus dem Fischbehälter zu ziehen, und übergab es einer Amme zum Säugen. Und weil er ihn aus dem Fischteich, der in ihrer Sprache Lama1 heißt, gezogen hatte, legte er dem Kind den Namen Lamissio bei. Es erwuchs, wurde ein streitbarer Held und nach Agelmunds Tode König der Langobarden.[360]

Fußnoten

1 Aus keiner germanischen Sprache jetzt zu erläutern, aber im lat, ist lama Pfütze, Sumpf, Schlund, griech. λαμος. Vgl. Schlamm. Lit. lama, locus depressus in agro. Lett. loma, palus, fossa.


Quelle:
Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsche Sagen. Zwei Bände in einem Band. München [1965], S. 360-361.
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