578. Die Eselswiese

[580] Osterdonnerstags, nach gesprochenem Segen, ritt der heilige Bruno von seinem Bruder Gebhard weg, willens, nach Preußen zur Bekehrung der Heiden zu ziehen. Als er nun auf den grünen Anger hart vor Quernfurt kam, wurde ihm das Maultier oder der Esel stätig, wollte weder vor noch hinter sich, alles Schlagens, Peitschens und Spornens unerachtet. Daraus schlossen Gebhard und andere, die ihn geleitet hatten, es wäre nicht Gottes Wille, daß er diesen Zug tue, und überredeten ihn so lange, bis er wieder mit aufs Schloß Quernfurt zog. Die Nacht aber überschlug der Heilige die Sache von neuem, geriet in große Traurigkeit, und sein Herz hatte nicht Ruhe, bis er endlich den Zug doch unternahm und in Preußen von den Heiden gefangen, gepeinigt und getötet wurde (im Jahr 1008 oder 1009). – Auf der Stelle, wo damals das Tier ständig wurde, baute man nach seinem Tode ein Heiligtum, genannt die Kapell zu Eselstett auf den heutigen Tag; und man erteilte da jeden Gründonnerstag sonderlichen Ablaß aus. Darum geschahen große Wallfahrten des Volkes auf die Quernfurter Eselswiese, und in spätern Zeiten wurde ein Jahrmarkt daraus, dem von Sonnenauf- bis zum Sonnenniedergang eine lebendige Menge der umwohnenden Leute zuzuströmen pflegen.

Quelle:
Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsche Sagen. Zwei Bände in einem Band. München [1965], S. 580.
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