Das XXIV. Kapitel.

Was die Leirerin vor lustige Diebsgriffe und andere Possen angestellet; wie sie ein unsichtbarer Poldergeist, ihr Mann aber wieder ein Soldat gegen dem Türken wird.

[199] »Als ich nun mein leichtfertig Weib weder mehr hören noch sehen konnte, schriee ich ihr gleichwohl nach, sie sollt ihren Büntel oder Pack auch mitnehmen, welchen sie bei mir liegen lassen, dann ich wußte wohl, daß sie kein Gelt darinnen,[199] sondern unsere Barschaft in ihre Brust vernähet hatte. Demnach gieng ich den nächsten Weg gegen der Hauptstadt desselbigen Landes; und wiewohl ihr Nam fast geistlich tönet, so gieng ich doch hinein, meine Nahrung mit dem Ton meiner weltlichen Schalmei und Geigen darin zu suchen.

Damals fanden sich venezianische Werber daselbsten, welche mich dingten, daß ich ihnen mit meinem Saitenspiel und anderen kurzweilig und verwunderlichen Gaukelpossen einen Zulauf machen sollte. Sie gaben mir neben Essen und Trinken alle Tag einen halben Reichstaler; und da sie sahen, daß ich ihnen besser zuschlug als sonst drei Spielleut oder einige andere Lockvögel, die sie auf ihren Herd hätten wünschen mögen, andere zu fangen, überredeten sie mich, daß ich Gelt nahm und mich stellete, als wann ich mich auch hätte unterhalten lassen; und dieses machte, daß ich ihrer noch viel, die sonst nicht angangen wären, durch mein Zusprechen in ihre Kriegsdienste verstrickte. Unser Tun und Lassen war nichts anders als Fressen, Saufen, Tanzen, Singen, Springen und sich sonst lustig zu machen, wie es dann pflegt herzugehen, wo man Volk annimmt. Aber dieses Henkermahl bekam uns hernach in Kandia wie dem Hund das Gras, der wohl büßet, was er gefressen.

Als ich einsmals ganz allein auf dem Platz daselbsten stund, das schöne Bild auf der Säulen allda betrachtete und sonsthin nirgends gedachte, wurde ich gewahr, daß mir etwas Schweres in Hosensack hinunterrollete, welches ein Gerappel machte, daß ich daraus wohl hören konnte, daß es Reichstaler waren. Da ich nun die Hand in Sack steckte und ein Handvoll Taler griffe, höret ich zugleich meines Weibs Stimm; die sagte zu mir: ›Du alter Hosenscheißer, was verwunderst du dich über dies paar Dutzet Taler? Ich gib sie dir, damit du wissest, daß ich deren noch mehr habe, auf daß du dich zu grämen Ursach habest, um willen du dich meines Glücks nicht teilhaftig gemacht. Vor diesmal gehe hin und verkauf diese, auf daß du deines Elends ein wenig vergessen mögest.‹ Ich sagte, sie sollte doch mehr mit mir reden, mir mei nen Fehler vergeben und Reguln vorschreiben, wie ich mich gegen ihr verhalten und die Versöhnung wieder erlangen sollte; aber sie ließe sich gegen mir ferners weder hören noch sehen. Derowegen gieng ich in meine Herberg und zechte beides, mit den Werbern und ihren Neugeworbenen, im Branntwein bis in den Mittag hinein, bei welchem Imbiß wir von unserem Würt Zeitung bekamen, daß einem reichen Herren in der Stadt viel Gold und Silber von Geld und Kleinodien ausgefischt worden wären, darunter sich[200] tausend Reichstaler und tausend doppelte Dukaten eines Schlags befanden. Ich spitzte die Ohren gewaltig, nahm ein Abtrittel aufs Sekret, als hätte ich sonsten was tun wollen, beschaute aber nur meine Taler, deren 30 waren, und sahe ihnen an, daß mein ehelichs Weib obbemeldten reichen Zug getan, sahe mich derowegen wohl vor, damit ich keinen darvon ausgabe und mich nicht etwan selbst dardurch in Argwohn, Gefahr und Not brächte. Aber was tat mein Weib, das junge Rabenaas? sie hat nicht nur mir, sondern bei hundert Personen unterschiedlichen Stands von ihren gestohlenen Talern hin und wieder, dem einen drei, dem andern vier, fünf, sechs, auch mehr in die Säcke gesteckt. Was nun reich, ehrlich und fromm war, das brachte das Geld seinem rechten Herrn wieder; was aber arm, gewissenlos und meinesgleichen gewesen, hat ohne Zweifel, so wohl als ich, behalten, was es in seinem Sack gefunden; und ich kann nicht ersinnen, warum sie dies getan haben muß, es habe sich dann diese Bettel mit so schwerem Geld nicht schleppen mögen. Doch kann auch wohl sein, daß sie solches per Spaß getan, um etwas anzustellen, darüber sich die Leute zu verwundern hätten; dann als es gegen Abend kam, da das Volk aus der Salve gieng und hin und wieder auf dem Platz stunde, seind bei zweihundert derselbigen Taler von oben herunter geworfen, von den Leuten aufgelesen und mehrenteils ihrem Herrn zugestellet worden. Dieses verursachte, daß des Herrn unschuldig Gesind, welches des Diebstahls halber im Verdacht und deswegen befäncknüst war, wiederum auf freien Fuß gestellet wurde; und hoffete der bestohlne Herr, seine doppelte Dukaten würden auch wie die Taler wieder hervorkommen; aber es geschahe nicht, dann das holde Gold ist viel schwerer als das Silber, und Sol ist nicht so beweglich oder leicht veränderlich wie Luna.

Den andern Tag wurde bei einem großen Herrn ein stattlich Bankett gehalten, darbei sich viel andere große Herren und ansehnlich Frauenzimmer befanden. Diese saßen alle in einem schönen großen Saal und hatten die vier besten Spielleut in der ganzen Stadt bei sich. Da es nun bei dem Konfekt auch an einen Tanz gehen sollte, ließe sich unversehens bei den Spielleuten auch eine Leir hören mit großem Schrecken aller deren, die im Saal waren. Die erste, die ausrissen, waren die Spielleut selbst, als welche das Geschnarr zunächst bei ihnen gehöret und doch niemand gesehen hatten; ihnen folgten die übrige mit großer Forcht, und ihr Gedräng wurde desto heftiger, weil sie in dem Winkel, darin die Spielleut gesessen, ein gählings Gelächter noch mehrers erschreckte, also daß wenig gefehlet,[201] daß nicht etliche unter der Türen erdruckt wären worden. Nachdem nun jedermänniglich den Saal erzähltermaßen geraumt hatte, sahen etliche, so vor der Tür stehenzubleiben und von fernen in Saal zu schauen das Herz behalten, wie bisweilen ein paar Sessel, bisweilen ein paar silberne Tischbecher, Platten und ander Geschirr miteinander herumtanzten; und obgleich dies Spiegelgefecht zeitlich ein End nahm, so hatte jedoch noch lang niemand das Herz, in den Saal zu gehen, unangesehen man Geistliche und Soldaten geholet, das Gespenst entweder mit Gebet oder mit Waffen abzutreiben. Den Morgen frühe aber, als man wieder in den Saal kam und nicht ein einziger Leffel, geschweige etwas anders von Silbergeschirr nicht mangelte, ohnangesehen die ganze Tafel damit überstellet war, stärkte diese Begebenheit den Wahn des gemeinen, unbesonnenen Pöfels dergestalten, daß diejenige lucke Klügling, die gestern wegen der seltsamen Geschicht mit dem gestohlnen Geld gesagt hatten: ›So recht! so muß der Hagel in die größte Häufen schlagen, damit das Geld auch wieder unter den gemeinen Mann komme!‹, anjetzo sich nicht scheueten zu lästern und zu sagen: ›Also muß der Teufel einen Spielmann abgeben, wo man der Armen Schweiß verschwendet!‹

Noch eines muß ich erzählen, das meine andere und viel ärgere Courasche als die erste Unholde meines Darvorhaltens aus lauter Rach angestellet. Sie hatte kurz zuvor einer Äbtissin auf einem großen und reichen Stift zu Gefallen ihre Leir gestimmet, um derselben ein Liedlein, und zwar ein geistliches, aufzuspielen, der Hoffnung, etwan einen halben oder ganzen Kreuzer zur Verehrung zu erhalten. Aber anstatt daß diese hören und ihre milde Hand auftun sollte, tät sie etwas zu streng und scharf den Mund auf und ließe hingegen mein guts Weibchen eine Predigt hören, die ihr ebenso verdrüßlich als unverdaulich fiele; dann sie war eines solchen Inhalts, damit man die allerleichtfertigsten Weibspersonen zu erschrecken und zur Besserung ihres Lebens zu zwingen und anzufrischen pfleget. Ach, die gute Äbtissin mags wohl gut gemeinet und ihr etwan eingebildet haben, sie hätte irgendseine Laienschwester zu kapiteln vor sich. Aber nein, sie hatte ein ander Taus-Es, eine Schlang oder wohl gar einen halben Teufel, deren Zung ich öfters schärfer als ein zweischneidig Schwerd befunden habe. ›Potz Hergett, Gnädige Frau, seht Ihr mich dann vor eine Hur an?‹ antwortet sie ihr, ›Ihr müßt wissen, daß ich meinen ehrlichen Mann habe, und daß wir nicht alle Nonnen oder reich sein oder unser Brod bei guten faulen Tägen essen können. Hat Euch Gott[202] mehr als mich beseligt, so dankt ihm darum, und wollt Ihr mir seinetwillen kein Almosen geben, so laßt mich im übrigen auch ungestigelfritzt. Wer weiß, wann vielleicht nicht so viel Almosen gegeben worden wären, ob nicht mehr Leirerin als Nonnen gefunden würden etc.‹ Mit solchen und mehr Worten schnurrete sie damals darvon; jetzunder aber hatte man auf dem Land und in der Stadt von sonst nichts zu sagen als von der Äbtissin und einem Poldergeist, der sie so tags so nachts unaufhörlich plage, welches sonst niemand als mein Weib war. Das erste, das sie ihr tat, war, daß sie ihr die Ring des Nachts von den Fingern und die Kleider vom Bett hinwegnahm und solches in die Pfisterei trug. Dem Becken steckte sie die Ring an seine Finger und legte der gnädigen Frauen Habit zu dessen Füßen, ohne daß sie dieselbe Nacht jemand gehöret oder gemerkt hätte. Und solches hat sie ohn Zweifel durch den Hauptschlüssel zuwege gebracht, den sie beim Kopf kriegt, weil er ungefähr um dieselbe Zeit verloren worden. Was nun hierdurch gleich in der erste der guten Äbtissin vor ein Verdacht zugewachsen, kann man leicht erachten; man redete noch von vielen Sachen, damit sich das Gespenst mit der Äbtissin vexiert, worwider weder Weihwasser, Agnus Dei noch andere Sachen nichts helfen wollten, darvon man aber die Wahrheit außerhalb dem Kloster nicht wohl erfahren konnte.

Indessen hatten meine Werber die Anzahl ihrer Mannschaft zusammengebracht, und indem ich vermeinte, ich dörfte zuruckbleiben, siehe, da befand sich der Betrüger selbst betrogen, und mußte der gute Springinsfeld ebensowohl als die andere um die kandische Gruben springen, die er andern durch sein Zusprechen gegraben hatte; doch daß ich die Stell eines Korporals zu Fuß bedienen sollte.«

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 3, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 199-203.
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