Das VIII. Kapitel.

Mit was vor einem Beding Simplicissimus den Springinsfeld die Kunst lernete.

[145] »Mein Gott! Springinsfeld,« sagte Simplicius, »wie hast du doch so gar ein ungeschliffen Maul?« – »Das ist noch nichts!« antwortet Springinsfeld; »ich sage das Halbe nicht heraus, wie mirs ums Herz ist.« – »Wie ist dir dann?« fragte jener. – »Mir ist schier,« antwortet Springinsfeld, »(wann ichs nur sagen dörfte) du seiest ein halber Hexenmeister oder habest doch wenigst sonst einen trefflichen Lehrmeister gehabt.« – »Und mir,« sagte Simplicius, »ist ganz zu Sinn und glaube es auch festiglich, du seiest ein ganzer Narr und habest dein Handwerk auch ohne einen Lehrmeister gelernet. Mein! was geb ich dir vor Ursachen, so böse Gedanken von mir zu machen?« – »Ich«, antwortet Springinsfeld, »habe ja heut deine Verblendungen genugsamb gesehen.« Simplicius antwortet hingegen: »Es ist dir allerdings ein Schand, daß du allbereit so alt, so lang in der Welt herumgeloffen und gleichwohl noch so alber bist, daß du natürliche Kunststück und Wissenschaften, wie du heut an Veränderung des Weins, und schlechte Kinderpossen, davon du heut ein Exempel an meinem Buche gesehen hast, vor Zauberei und Verblendungen hältst!« – »Ja!« sagte Springinsfeld, »es ist nit nur das; ich siehe, daß dir das Geld gleichsam zuschneiet, da ich doch mit so großer Müh und Arbeit Pfenning erobern, und wann ich dessen einen Vorrat haben und behalten will, beides, an meinem Leib und an meinem Maul, ersparen muß.« – »Du Phantast,« sprach Simplicius; »vermeinest du dann, dies Geld komme mich ohne Schnaubens und Bartwischens[145] an? Meine beide Alte haben die 4 Ochsen mit Mühe und Kosten erziehen und ausmästen, ich aber auch laborieren müssen, bis ich die Materiam verfertigt, daraus ich heut Geld gelöst.« – »Was ists aber mit dem Buch?« fragte Springinsfeld; »ists keine Verblendung? Lauft nit das kleine Hexenwerk mit unter?« Simplicius antwortet: »Was ists mit den Taschenspielern und Gauklern? Narren- und Kinderwerk ists, darüber ihr einfältige Tropfen euch nur deshalber verwundert, weil es euer grober Verstand nicht begreifen kann!« Nach langer solcher Wortwechslung schätzte endlich Springinsfeld den Simplicium glückselig, wann er diese Künste natürlicherweis könnte, und botte ihm 20 Reichstaler an, wann er ihn die Kunst lernete, daß er auch wie er aus einem Buche wahrsagen oder gauklen könnte. »Dann,« sagte er, »lieber Bruder, ich muß mich mit Bettlen und meiner Geige ernähren; wie vermeinest du wohl, daß es mir so trefflich zustatten kommen würde, wann ich mich irgends bei einer Bauernkürbe oder einer Hochzeit einfinde und meine Zuhörer mit diesem artlichen Stückel belustigen und zur Verwunderung bringen könnte? Würde es nicht zehenmal mehr Heller bei mir setzen, als wann ich nur geige und meine alte Possen und Grillen übe?«

»Mein Freund,« antwortet Simplicius, »es wäre gut, wann du deine alte Possen und Grillen, wie du es nennest, gar underwegen ließest; dann siehe, du bist allerdings ein siebenzigjähriger Mann, der auf der Gruben gehet und allerdings kein Stund sicher vorm Tod ist. Hingegen hast du, wie ich gesehen, ein fein Stück Geld, darmit du dich, solang dir Gott das Leben noch gönnen möchte, gar wohl ausbringen kannst. Wann ich in deiner Haut steckte, so begäbe ich mich in einen geruhigen Stand, darin ich mein geführtes Leben bedenken, meine begangene Stücklein bereuen, mich zu Gott bekehren und ihme nunmehr allein dienen könnte, welches gar füglich irgents in einem Spital, darinnen du dir eine Pfründ kaufen könntest, oder etwan in einem Kloster, da du noch einen Torhüter abgeben möchtest, beschehen könnte. Es ist mehr als genug getobt und Gott versucht, wann wir bis in das Alter der Welt Torheiten angeklebet und in allerhand Sünden und Lastern gleichsamb wie ein Sau im Morast geschwembt und umbgewälzt haben! Aber viel ärger und noch eine größere Torheit ist, wann wir gar bis ans End darin verharren und nicht einmal an unsere Seligkeit oder an unsere Verdambnus, und also auch nicht un unsere Bekehrung gedenken!«

»Närrisch tät ich,« antwortet Springinsfeld, »wann ich[146] mein Geld, das ich mit großer Müh und Arbeit zusammengebracht, in ein Kloster oder Spital steckte, solches zu belohnen, damit es mich meiner Freiheit beraubte.« Simplicius hingegen sagte: »Alsdann tust du närrisch, wann du eine vermeinte Freiheit zu genießen gedenkest, indessen aber ein Knecht der Sünd, ein Sklav des Teufels und also, ach leider! auch ein Feind Gottes verbleibest. Ich beharre noch mein vorige Meinung, daß dir nemblich beides, ratsamb und nutzlich wäre, zur Bekehrung zu schreiten, ehe dich der Schlaf der ewigen Nacht und Finsternus überfällt! Dann siehe! der Tag hat sich bei dir umb mehr als 20 Jahr als bei mir geneiget, und dein spatter Abend erinnert dich, ehist schlafen zu gehen.«

Springinsfeld antwortet: »Bruder, empfang du zwanzig Taler von mir vor die begehrte Kunst und lasse die Pfaffen predigen denen, die ihnen gern zuhören; hingegen will ich dir versprechen, daß ich mich gleichwohl auch auf deine Erinnerung bedenken wolle.«

Gleichwie nun in der ganzen Welt sich nichts so eitel und unnütz befindet, das nicht zu etwas Guts könnte emploiert und verwendet werden, also gedachte auch Simplicius durch sein Buch, welches er seine Gaukeltasche nennet, den Springinsfeld zu bekehren; derowegen sagte er zu ihm: »Höre, mein Freund, hieltest du in Ernst darvor, es wäre Zauberei oder wenigst eine geringe Verblendung, als du mich die Kunst auf dem Mark mit dem Buch üben sahest?« Springinsfeld antwortet: »Ja! und ich glaubte es auch noch, wann ich dich jetzt nicht so gottselig reden hörete.« – »Nun dann,« sagte Simplicius, »dieser Rede und dieses Wahns, der dich betrogen, bleib eingedenk bis in dein End und versprech mir, dich aus desjenigen allweg, sooft du das Buch brauchest, zu erinnern, was ich dir ferner sagen werde; so will ich dich nit allein die vermeinte Kunst umsonst und ohne deine offerierte 20 Reichstaler lernen, sonder ich will dir noch das Buch darzu schenken, ohne welches du auch die Kunst nit wirst üben können.« Springinsfeld fragte, was dann dasjenige vor Sachen wären, deren er sich jederzeit bei dem Buch erinnern sollte? Simplicius antwortet: »Wann du erstlich den Zusehern lauter weiße Blätter zeigest, so erinnere dich, daß dir Gott in der heiligen Tauf das weiße Kleid der Unschuld wiederum geschenkt habe, welches du aber seither mit allerhand Sünden so vielmal besudelt habest. Weisest du dann die Kriegswaffen, so erinnere dich, wie ärgerlich und gottlos du dein Leben im Krieg zugebracht habest; kommst du an das Geld, so gedenke, mit was vor Leibs- und Seelengefahr du demselben[147] nachgestellt; also erinnere dich auch bei den Trinkgeschirren deiner verübten unflätigen Sauferei; bei den Würfeln und Karten, wie manche edle Zeit und Stund du unnützlich damit zugebracht, was vor Betrug darbei vorgeloffen, und mit was vor grausamen Gottslästerung der Allerhöchste dabei geunehret worden. Bei den Knaben und Jungfrauen erinnere dich deiner Hurenjägerei; und wann du an die Narrenköpfe kommst, so glaube sicherlich, daß diese ohn allen Zweifel Narren sein, die sich durch obenerzählte der Welt Lockungen betrügen und um ihre ewige Seligkeit bringen lassen. Weisest du aber die Schrift auf, so gedenke, daß die heilige Schrift nicht lüge, die da sagt, daß die Geizige, die Neidige, Zornsüchtige, Haderkatzen, Balger und Mörder, die Spieler, die Saufer und die Hurer und Ehebrecher schwerlich das Reich Gottes werden besitzen und daß dannenhero derjenig einem Narren gleich tue, der sich von solchen Lastern verführen und so schandlich umb sein Seligkeit bringen lasse. Gleichwie nun die meiste und zwar die einfältigste von deinen Zusehern vermeinen, sie werden durch dich verblendet, so doch in Wahrheit nit ist, also bedenke du hingegen und führe wohl zu Gemüt, daß die allermeiste von den unverständigen Menschen von dem Teufel und der Welt durch obige Laster unvermerkt verblendet und in die ewige Verdamnus gebracht werden.«

»Mein Bruder,« sagte hierauf Springinsfeld, »des Dings ist gar zuviel. Wer, zum St. Peter, wollte alles im Kopf behalten können?« Simplicius antwortet: »Mein Freund, wann du das nicht kannst, so wirst du auch nit behalten können, wie du recht geschicklich mit dem Buch umgehen sollest!« – »Ei!« sagte Springinsfeld, »das will ich schon lernen!« – »Und das Buch«, antwortet Simplicius, »wird dich alsdann auch schon selber an dasjenig erinnern, waran du meinet- oder vielmehr deinetwegen gedenken sollest.« – »Ich gäbe dir aber«, sagt Springinsfeld, »lieber die 20 Reichstaler und wäre dieser Obligation ledig.« Simplicius antwortet: »Dies will aber Simplicius nicht tun, nicht allein darumb, weil das Buch und die Wissenschaft, solches zu gebrauchen, ohne die begehrte Erinnerung nicht so viel Gelds wert ist, sonder weil sich Simplicius auch ein Gewissen macht, den geringsten Heller von dir zu nemmen, sintemal er nicht weiß, wie du dein Geld gewonnen und erobert hast. Ja, ich gebe dir das Buch nicht, du versprächest mir dann, dich allweg dessen zu erinnern, was ich dir gesagt, wann du mir gleich 100 Reichstaler bar daherzahltest.«

Springinsfeld kratzte sich im Kopf und sagte: »Du erweckest bei mir fast ängstige Gedanken; ich siehe, daß du deinen Nutzen[148] und auch meinen Schaden nicht begehrest. Ma foi, Bruder, es steckt etwas darhinder, das ich nicht verstehe! So viel kann ich schließen, weil du mir mit Annehmung des Gelds nit schädlich zu sein begehrest, daß du es treulich mit mir meinen und das Gebott der Erinnerung, welches ich vor eine schwere Bürde gehalten, zu meinem Frommen aufladen werdest. Derowegen verspriche ich hiemit, alles dessen eingedenk zu sein, was du von mir vor solche Kunst haben willst.« Hierauf zog Simplicius das Buch hervor und zeigte dem Springinsfeld alle Vorteil und Griff. Und demnach sie mich auch zusehen ließen, faßte ich die Beschaffenheit desselben so genau ins Gedächtnus, daß ich auch stracks eins dergleichen machen könnte, wie ich dann etliche Tag hernach tät, um solche Simplicianische Gaukeltasch der ganzen Welt gemein zu machen.

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 3, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 145-149.
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