Das IX. Kapitel.

Tisch- und Nachtgespräch, und warum Springinsfeld kein Weib mehr haben wollte.

[149] Indessen dieser Diskurs und Handlung zwischen Simplicio und Springinsfelden vergieng, näherte sich die Zeit des Nachtessens. Ich wollte mir besonder anrichten lassen, aber Simplicius sagte, ich müßte so wohl als Springinsfeld sein Gast sein, jener zwar als ein alter Kamerat und jetziger neuangestandener Lehrjung, ich aber um dessentwillen, daß ich ihm heut so ein annehmliche Botschaft gebracht, daß nämlich sein Sohn Simplicius von der leichtfertigen Courasche nicht geboren worden seie; zudem seie auch billig, daß er mich beides, um den Schreiberlohn, und was ich sonst seinetwegen bei den Zigeinern ausgestanden, befriedige. Da wir nun so miteinander redeten, kam auch der junge Simplicius mit noch einem von seinen Kollegen, als welcher damals in dieser Stadt studierte und seines Vattern Ankunft vernommen hatte. Er war auch ein riesenmäßiger langer Kerl allerdings wie sein Vatter und sahe ihm von Angesicht so ähnlich, daß ein jeder, der es auch nicht gewußt hätte, unschwer abnehmen könnte, daß er sein natürlicher Sohn gewesen, ohnangesehen die elende Courasche sich einbildet, sie hätte ihn mit einem fremden Kind so meisterlich betrogen.

Also setzten sich zu Tisch der Knan und die Meuder, der alt und junge Simplicius sampt seinem Kameraten, dem Studenten, den er mitgebracht, ich, Springinsfeld und Simplicii Baurenknecht. Der Imbs war kurz und gut, weil beide Alte zu[149] Bett eileten, dann sie sagten, ob sie gleich nicht schlafen könnten, so tät ihnen doch die Ruhe wohl; und dannenhero setzte es auch destoweniger Diskursen. Eins gieng vor, woraus ich abnahm, daß Springinsfelds Gedächtnus und Verstand, etwas geschwind zu fassen, nit so gar hölzern war; dann als ermeldter Student verlangte, Simplicii Buch zu sehen, das er ihme von etlichen, die auf dem Mark damit agieren sehen, gar verwunderlich hatte beschreiben lassen, ließe er durch den jungen den alten Simplicium bitten, ob er nicht die Ehr haben könnte, solches zu sehen. Aber er antwortet, er hätte solches nicht mehr in seiner Possession; doch sagte er zum Springinsfeld, er sollte beiden Studenten weisen, was er heut gelernt hätte. Der zog alsobald das Buch herfür und blättert den Studenten die weiße Blätter vor den Augen herum, sagende: »Also glatt und unbeschrieben wie dies weiße Papier seind eure Seelen erschaffen und in diese Welt kommen, und derowegen haben euch euere Eltern hieher getan (mit solchen Worten wiese er ihnen die Schriften vor), die Schrift zu lernen und zu studieren; aber ihr Kerl pflegt, anstatt löbliche Wissenschaften zu ergreifen, das Geld vergeblich (hie wiese er ihnen die Geldsorten) durchzujagen und zu verschwenden, dasselbe zu versaufen (hie zeigte er die Trinkgeschirr), zu verspielen (und hie die Würfel und Karten), zu verhuren (hie die Dames und Kavaliers) und zu verschlagen (hie das Gewehr). Ich sage euch aber, daß alle diejenige, die solches tun, sein lauter solche Kerl, wie ihr hier vor Augen sehet«, und damit zeigte er ihnen, die Narren-, Hasen- und Eselsköpfe, und damit wischte er wieder mit dem Buch in Schubsack. Dem alten Simplicius gefiel dieses Stuck so wohl, daß er zum Springinsfeld sagte, wann er gewußt hätte, daß er die Kunst so bald und so wohl begreifen würde, so wollt er ihm nicht halber so viel Lehrgeld abgefordert haben.

Wir machtens mit dem Nachtessen, wie oben gemeldet, nicht lang, bei welchem ich in acht nahm, wie freundlich Simplicius seine beide Alte, und diese hinwiederum ihn und seinen Sohn ehreten und traktierten. Da sahe und verspürte man nichts als Lieb und Treu, und obzwar ein Teil das ander aufs höchste respektierte, so merkte man doch bei keinem einige Forcht, sonder bei jedem blickte ein aufrichtige Verträulichkeit herfür. Der junge Simplicius wußte sich gegen allen am artlichsten zu schicken, und der Baurenknecht, welches sonst plumpe Grobiani zu sein pflegen, erzeigte mehr Zucht und Ehrbarkeit als mancher eines andern Herkommens, der einen eignen Präceptorem gehabt, Mores zu lernen, so daß ich mich verwunderte, wie der ehemahl ganz rohe und gottlos gewesene Simplicissimus seine Haushaltung[150] auf einen solchen reputierlichen Fuß setzen und seine so einfältige als grobe Hausgenossen zu solchen löblichen Sitten gewöhnen können. Der Springinsfeld war ganz still; nicht weiß ich, verwundert er sich auch wie ich oder spintisiert er über die Geheimnussen, so in der Simplicianischen Gaukeltaschen stacken, welche ihm meines Davorhaltens allerhand Nachsinnungen verursachten. Im übrigen ists gewiß, daß selten ein Tisch mit so unterschiedlich bekleidten Leuten besetzt wird, miteinander zu speisen, als wie damals der unserige war. Der Knan sahe aus wie ein alter ehrbarer Baurenschultheiß, die Meuder wie seine Frau Schultheißin, der Baurenknecht wie ihr Sohn, der alt Simplicius, wie ich ihn bereits oben im zweiten Kapitel beschrieben, der jung und dessen Kamerrat wie zwei Stutzer, Springinsfeld wie ein Bettler und ich wie ein armer Plackscheißer oder Präzeptor in seinem abgeschabenen schwarzen Kleide zu sehen pflegt.

Wir wurden zusammen in eine Kammer logiert, weil es Simplicius also haben wollte und Springinsfeld den Wirt versicherte, daß er keine Läuse hätte. Diese beide lagen jeder allein, gleichwie hingegen der Knan und die Meuder, die beide Studiosi, und ich und der Baurenknecht beisammen schliefen. Dieser hielte mich so hart, daß ich ohnangesehen der großen Kälte dieselbige Nacht meine Nase wenig under der Decken behalten konnte; der alte Simplicius aber erwiese mit Schnarchen, daß er sowohl stark schlafen als viel essen und trinken verdauen könnte. Gleichwie wir nun gar zeitlich zu Bett gangen, also verbliebe uns an der winterlangen Nacht viel übrig, daß wir nicht durchzuschlafen vermöchten. Der Knan und die Meuder erwachten zum ersten, und indem jener kröchzet, diese aber mit ihm pappelt, wurden wir übrige allzusammen munder. Da nun Simplicius merkte, daß Springinsfeld wachte, fieng er an, mit ihm zu reden, weil er sich der Zeit ihrer alten Kameratschaft, und was sich da und dort zwischen ihnen beiden zugetragen, erinnerte. Dannenhero gab es Ursach zu fragen, wie es ihm seithero ergangen, wo er bisher in der Welt herumgestürzt, wo sein Vatterland wäre, ob er daselbsten keine Verwandten oder nicht auch Weib und Kind und etwan irgends eine häusliche Wohnung hätte, warumb er so armselig und zerrissen daherziehe, da er doch ein Stückel Geld beisammen hätte etc. »Ach, Bruder,« antwortet Springinsfeld, »wann ich dir alles erzählen müßte, so würde uns der siebenstündige Rest dieser langen Nacht viel zu kurz werden. In meinem Vatterland bin ich zwar kürzlich gewesen; gleichwie ich aber niemal nichts eigens darin besessen, also gönnete es mir auch vor diesmal kein bleibende[151] Statt, sonder ließe mir die Beschaffenheit meines Zustands raten, ich sollte noch ferner wie der flüchtige Mercurius herumwandern, wie ich dann auch daselbst keinen Verwandten von siebenzehen Graden, geschweige einige Brüder oder sonst nahe Freund angetroffen. Ja, es wollte beinahe niemand meinen Stiefvatter kennen, in dessen Heimat ich gleichwohl ihm und seinen Freunden gar genau nachgefragt. Wie wollte ich dann etwas von meines rechten Vatters und meiner rechten Mutter Freundschaft haben erfahren können, von welchen ich nicht eigentlich weiß, wo sie gebürtig gewesen? Weilen dann nun hieraus leicht abzunehmen, daß ich kein eigen Haus vermag, also ist auch leicht zu gedenken, daß ich keine Hausfrau noch Kinder hab. Und lieber! warumb sollte ich mich mit einer solchen Beschwerung beladen? Daß ich aber meine Batzen zusammenhalte, daran tue ich nit unrecht, seitemal ich beides weiß, wie schwerlich sie zu bekommen und wie tröstlich sie einem im verlassenen und mühseligen Alter seien. Und daß ich schließlich so schlecht bekleidet aufziehe, solches geschicht auch nicht ohne sonderbare Ursach, seitemal mein Stamm und Interesse dergleichen Kleidungen und noch wohl schlimmere erfordert.«

»Ich hätte gleichwohl vermeint,« antwortet Simplicius, »wann ich in deiner Haut steckte, es wäre mir ratsamer, wann ich ein Weib hätte, die mir in meinem gebrechlichen Alter vermittelst ehrlicher Lieb und Treu mit Hilf und Rat zu Trost und Statten käme, als dergestalt im Elend herumzukriechen und mich von aller Welt verlassen zu sehen. Wie vermeinest du wohl, daß dirs gehen wird, wann du irgends bettlägerig würdest?« – »O Bruder,« sagte Springinsfeld, »dieser Schuch ist an meinen Fuß nicht gerecht; dann hätte ich eine Alte, so müßte ich vielleicht mehr an ihr als sie an mir apothekern; wäre sie jung, so wäre ich nur der Deckmantel; wäre sie mittelmäßig, so wäre sie vielleicht bös und zanksüchtig; wäre sie reich, so wär ich veracht; wäre sie arm, so könnt ich ja wohl denken, daß sie nur meine paar Batzen genommen, geschweige, daß ein jeder sich einbilden kann, etwas Rechts werde leinen Stelzfuß nehmen.« – »Ach!« antwortet Simplicius, »wann du jede Hecken fürchten willst, so wirst du dein Lebtag in keinen Wald kommen!« – »Ja Bruder,« sagte Springinsfeld, »wann du wüßtest, wie übel mirs mit einem Weib gangen, so würdest du dich gar nit verwundern, wann verbrennte Kinder das Feuer förchten.« Simplicius fragte: »Vielleicht mit der leichtfertigen Courasche?« – »Wohl nein!« antwortet Springinsfeld; »bei derselbigen hatte ich ein güldene Herrnsach, ohnangesehen sie[152] mir gleichsamb offentlich aus dem Geschirr schlug. Aber was geheite es mich? sie war doch nicht meine Ehefrau.« – »Ei pfui!« sagte Simplicius. »Rede doch nicht so grob und unbescheiden! Denke, daß du bei ehrlichen Leuten seiest. Aber höre! wann dich eine etwan betrogen, vermeinest du drumb, es sei kein ehrlich Weib mehr, die treulich mit dir hausen werde?« Springinsfeld antwortet: »Das will ich nicht leugnen; gleichwohl aber ists gewiß, daß alle Wohltaten, die ein Weib dem Mann zu erzeigen pflegt, teuer genug bezahlt werden müssen. Ihre allerbeste Arbeiten, die sie verrichten, verkündigen dem Mann eitel Kösten und beschwerliche Ausgaben; dardurch dasjenig, was der Mann mit Mühe und Arbeit erworben, zum öftern unnützlich verschwendet wird. Hab ich ein Weib, so ist nichts Gewissers, als daß mir ein jeder von meinen Dukaten hinfort nit mehr als einen Taler gilt. Spinnet sie mir und ihr ein Stück Tuch an Leib, so muß ich Flachs, Woll und Weberlohn bezahlen; soll sie mir was kochen, so muß ich Speis, Holz, Salz und Schmalz sambt dem Kuchengeschirr herbeischaffen; wollte sie mir bachen, wer muß anders das Mehl hergeben als eben ich? Also auch, wer zahlt Holz, Seif und Wäscherlohn, wann sie mir und ihr das leinen Gerät saubern läßt? Und wie gehts allererst, wann man mit einem Haufen Kindern beladen wird, welches ich zwar nit erfahren habe, aber auch nicht zu erfahrn begehre, wann nemblich eins krank, das ander gesund, das dritte faul, das vierte mutwillig, das fünfte eselhaftig und das sechste sonst widerspenstig, ungehorsamb und nichts nutz ist?« Simplicius antwortet: »Du bist halt ein alter Kracher, der keines rechtschaffenen Weibs wert ist, du würdest sonst von dem heiligen, von Gott selbst eingesetzten und mit vielen Verheißungen gesegnetem Ehestand weit anderst reden; und gleichwie eine fromme, tugendhafte Frau eine Gabe Gottes und eine Kron und Zierd des Mannes ist, also verdrüßt dich, dah dich der gütige Himmel mit keiner solchen gewürdigt hat.« – »Wahrhaftig, Simplice,« antwortet Springinsfeld, »du kannst bei deinen Birn wohl merken, wann andere zeitigen.«

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 3, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 149-153.
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