Das 23. Kapitel

[584] Der Monachus beschließt seine Histori und macht diesen sechs Büchern das Ende


Mein Kamerad war noch keine Woch tot gewesen, als ich ein Ungeheur um meine Wohnung herum vermerkte. »Nun wohlan«, gedachte ich, »Simplici du bist allein, sollt dich nicht der böse Geist zu vexiern unterstehen? vermeinest du nicht, dieser Schadefroh werde dir dein Leben saur machen; was fragst du aber nach ihm, wenn du Gott zum Freunde hast? du mußt nur etwas haben das dich übet, denn sonst würde dich Müßiggang und Überfluß zu Fall stürzen; hast du doch ohne diesen sonst niemand zum Feind als dich selbsten und dieser Insel Überfluß und Lustbarkeit, drum mach dich nur gefaßt zu streiten, mit demjenigen der sich am allerstärksten zu sein bedünkt; wird derselbige durch Gottes Hilf überwunden, so würdest du ja, ob Gott will, vermittelst dessen Gnad auch dein eigner Meister verbleiben.«

Mit solchen Gedanken ging ich ein paar Tag um, welche mich um ein ziemlichs besserten und andächtig machten; weil ich mich einer Rencontra versah, die ich ohnzweifel mit dem bösen Geist ausstehen müßte, aber ich betrog mich für diesmal selbsten; denn als ich an einem Abend abermal etwas vermerkte, das sich hören ließ, ging ich vor meine Hütte, welche zunächst an einem Felsen des Gebirgs stand, worunter die Hauptquell des süßen Wassers, das vom Gebirg durch diese Insel ins Meer rinnet; da sah ich meinen Kameraden an der steinen Wand stehen, wie er mit den Fingern in deren Spalt grübelte; ich erschrack, wie leicht zu gedenken, doch faßte ich stracks wieder ein Herz, befahl[584] mich mit Bezeichnung des heiligen Kreuzes in Gottes Schutz, und dachte: »Es muß doch einmal sein, besser ists heut als morgen«; ging darauf zum Geist, und brauchte gegen ihn diejenigen Wort, die man in solchen Begebenheiten zu reden pflegt; da verstand ich alsobald, daß es mein verstorbener Kamerad war, welcher bei seinen Lebzeiten seine Dukaten dorthin verborgen hatte, der Meinung, wenn etwa über kurz oder lang ein Schiff an die Insel kommen würde, daß er alsdann solche wieder erheben, und mit sich davonnehmen wollte; er gab mir auch zu verstehen, daß er auf dies wenige Geld, als dadurch er wieder nach Haus zu kommen verhoffet, sich mehr als auf Gott verlassen, wessentwegen er denn mit solcher Unruhe nach seinem Tod büßen, und mir auch wider seinen Willen Ungelegenheit machen müssen; ich nahm auf sein Begehren das Geld heraus, achtete es aber weniger als nichts; welches man mir desto ehender glauben kann, weil ichs auch zu nichts zu gebrauchen wußte; dieses nun war der erste Schreck, den ich einnahm, seit ich mich allein befand; aber nachgehends wurde mir wohl von anderen Geistern zugesetzt als dieser einer gewesen; davon ich aber weiters nichts melden, sondern nur noch dieses sagen will, daß ich vermittelst göttlicher Hilf und Gnad dahin kam, daß ich keinen einzigen Feind mehr spürete, als meine eignen Gedanken, die oft gar variabel standen; denn diese sind nit zollfrei vor Gott, wie man sonst zu sagen pflegt, sondern es wird zu seiner Zeit ihretwegen auch Rechenschaft gefordert werden.

Damit mich nun dieselbigen desto weniger mit Sünden beflecken sollten, befliß ich mich nit allein auszuschlagen, was nichts taugte, sondern ich gab mir selbst alle Tag ein leibliche Arbeit auf, solche neben dem gewöhnlichen Gebet zu verrichten; denn gleichwie der Mensch zur Arbeit wie der Vogel zum Fliegen geboren ist, also verursacht hingegen der Müßiggang beides der Seelen und dem Leib ihre Krankheiten, und zuletzt wenn mans am wenigsten wahrnimmt, das endlich Verderben; derowegen pflanzte ich einen Garten, dessen ich doch weniger als der Wagen des fünften Rads bedurfte, weilen die ganze Insel nichts anders[585] als ein lieblicher Lustgarten hätte genannt werden mögen; meine Arbeit taugte auch zu sonst nichts, als daß ich eins und anders in ein wohlständigere Ordnung bracht, obwohl manchem die natürliche Unordnung der Gewächse wie sie da untereinander standen, anmutiger vorkommen sein möchte; und dann daß ich wie obgemeldt den Müßiggang abschaffte. O wie oft wünschte ich mir, wenn ich meinen Leib abgemattet hatte und demselben seine Ruhe geben mußte, geistliche Bücher, mich selbst darin zu trösten, zu ergötzen und aufzubauen, aber ich hatte solche drum nit; demnach ich aber vor diesem von einem heiligen Mann gelesen, daß er gesagt, die ganze weite Welt sei ihm ein großes Buch, darinnen er die Wunderwerke Gottes erkennen, und zu dessen Lob angefrischt werden möchte; also gedachte ich demselbigen nachzufolgen, wiewohl ich sozusagen nit mehr in der Welt war; die kleine Insel mußte mir die ganze Welt sein, und in derselbigen ein jedes Ding, ja ein jeder Baum! ein Antrieb zur Gottseligkeit, und eine Erinnerung zu den Gedanken die ein rechter Christ haben soll. Also, sah ich ein stachelicht Gewächs, so erinnerte ich mich der Dornenkron Christi, sah ich einen Apfel oder Granat, so gedachte ich an den Fall unserer ersten Eltern und bejammert denselbigen; gewann ich ein Palmwein aus einem Baum, so bildet ich mir vor, wie mildiglich mein Erlöser am Stammen des hl. Kreuzes sein Blut für mich vergossen; sah ich Meer oder Berg', so erinnerte ich mich des einen oder andern Wunderzeichens und Geschichten, so unser Heiland an dergleichen Orten begangen; fand ich einen oder mehr Stein so zum Werfen bequem waren, so stellte ich mir vor Augen, wie die Juden Christum steinigen wollten; war ich in meinem Garten, so gedachte ich an das ängstig Gebet am Ölberg, oder an das Grab Christi und wie er nach der Auferstehung Mariae Magdalenae im Garten erschienen etc. Mit solchen und dergleichen Gedanken hantierte ich täglich; ich aß nie, daß ich nicht an das letzte Abendmahl Christi gedachte; und kochte mir niemal keine Speis, daß mich das gegenwärtige Feur nicht an die ewige Pein der Höllen erinnert hätte.[586]

Endlich fand ich, daß mit Brasiliensaft, dessen es unterschiedliche Gattung auf dieser Insel gibt, wenn solche mit Zitronensaft vermischt werden, gar wohl auf eine Art großer Palmblätter zu schreiben sei, welches mich höchlich erfreute, weil ich nunmehr ordentliche Gebet' konzipiern und aufschreiben konnte; zuletzt als ich mit herzlicher Reu meinen ganzen geführten Lebenslauf betrachtete, und meine Bubenstück die ich von Jugend auf begangen, mir selbsten vor Augen stellte, und zu Gemüt führete, daß gleichwohl der barmherzige Gott unangesehen aller solcher groben Sünden mich bisher nit allein vor der ewigen Verdammnis bewahrt, sondern Zeit und Gelegenheit geben hatt' mich zu bessern, zu bekehren, ihn um Verzeihung zu bitten, und um seine Guttaten zu danken, beschrieb ich alles was mir noch eingefallen, in dieses Buch so ich von obgemeldten Blättern gemacht, und legte es samt obgedachten meines Kameraden hinterlassenen Dukaten an diesen Ort, damit wenn vielleicht über kurz oder lang Leut hieher kommen sollten, sie solches finden und daraus abnehmen könnten, wer etwa hiebevor diese Insel bewohnet; wird nun heut oder morgen entweder vor oder nach meinem Tod jemand dies finden und lesen, denselben bitte ich, dafern er etwa Wörter darin antrifft, die einem, der sich gern besserte, nit zu reden geschweige zu schreiben wohl anstehen, er wolle sich darum nit ärgern; sondern gedenken, daß die Erzählung' leichter Händel und Geschichten auch bequeme Wort erfordern, solche an Tag zu geben; und gleichwie die Maur-Raut von keinem Regen leichtlich naß wird, also kann auch ein rechtschaffnes gottseliges Gemüt nicht gleich von einem jedweden Diskurs, er scheine auch so leichtfertig als er wolle, angesteckt, vergiftet und verderbt werden; ein ehrlich gesinnter christlicher Leser wird sich vielmehr verwundern und die göttliche Barmherzigkeit preisen, wenn er findet, daß so ein schlimmer Gesell wie ich gewesen, dennoch die Gnad von Gott gehabt, der Welt zu resigniern, und in einem solchen Stand zu leben, darinnen er zur ewigen Glori zu kommen, und die selige Ewigkeit nächst dem heiligen Leiden des Erlösers zu erlangen verhofft, durch ein seligs Ende.
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Quelle:
Grimmelshausen, [H. J. Christoffel von]: Der abenteuerliche Simplicissimus. München 1956, S. 584-588.
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