Das 26. Kapitel

[596] Nachdem Simplicius mit seinen Belagerern akkordiert, kommen seine Gäst wieder zu ihrer Vernunft


Nach Vernehmung dieser Meinung wäre uns der Teutsche zwar wohl gesessen gewesen, wenn wir nur wieder aus seiner Höhlen hätten kommen können; aber solches war uns unmöglich; denn gleich wie wirs ohne Licht nicht vermochten, also durften wir auch auf keine Hilf von den Unserigen hoffen, welche auf der Insel in ihrer Tollerei noch herumraseten. Derowegen standen wir in großen Ängsten, und suchten die allerbesten Wort hervor, den Teutschen zu persuadiern, daß er uns aus der Höhlen helfen sollte, welche er aber alle nichts achtete, bis wir endlich (nachdem wir ihm unseren und der Unserigen Zustand gar beweglich zu Gemüt geführt, er auch selbst ermaß, daß kein Teil dem andern von uns ohne seinen Beistand nicht helfen würde können) vor Gott dem Allmächtigen protestierten, daß er uns aus Hartnäckigkeit sterben und verderben ließe, und daß er dessentwegen am Jüngsten Gericht würde Rechenschaft geben müssen; mit dem Anhang, wollte er uns nicht lebendig aus der Höhlen helfen, so müßte er uns doch endlich wenn wir darin verdorben und gestorben wären tot herausschleppen; wie er denn auch besorglich auf der Insel Tote genug finden würde, die ewig Rach über ihn zu schreien Ursach hätten, um willen er ihnen nicht zu Hilf kommen, ehe sie einander vielleicht, wie zu fürchten, in ihrem unsinnigen Zustand selbsten entleibten; durch dies Zusprechen erlangten wir endlich, daß er uns versprach aus der Höhlen zu führen, jedoch mußten wir ihm zuvor folgende fünf Punkte wahr, stet, fest und unzerbrüchlich zu halten bei christlicher Treu und altteutschem Biedermanns-Glauben versprechen.

Erstlich daß wir diejenigen, so wir anfänglich auf die Insel gesendet, wegen dessen damit sie sich gegen ihn vergriffen, weder mit Worten noch Werken nicht strafen sollten; zweitens daß hingegen auch vergessen, tot und ab sein[597] sollte, daß er, der Teutsche, sich vor uns verborgen, und so lange nicht in unser Bitten und Begehren verwilligen wollen; drittens daß wir ihn als eine freie Person die niemand unterworfen, wider seinen Willen nicht müßigen wollten, mit uns wiederum nach Europam zu schiffen; viertens daß wir keinen aus den Unserigen auf der Insel hinterlassen wollten, und fünftens daß wir niemanden weder schrift-noch mündlich, viel weniger durch eine Mappa kund oder offenbar machen wollten, wo und unter welchem Gradu diese Insel gelegen. Nachdem wir nun solches zu halten beteuert, ließ er sich gleich mit vielen Lichtern sehen, welche aus dem Finstern wie die hellen Stern hervorglänzten; wir sahen wohl daß es kein Feur war, weil ihm Haar und Bart vollhing, welches auf solchen Fall verbrannt wäre, hielten es derowegen für eitel Karfunkelstein, die wie man sagt im Finstern leuchten sollen; da stieg er einen Felsen auf den andern ab, und mußte auch an etlichen Orten durchs Wasser waten, also daß er durch seltsame Krümme und Umweg (welche uns unmöglich zu finden gewesen wären, wenn wir gleich wie er mit solchen Lichtern versehen gewesen wären) sich gegen uns nähern mußte; es sah alles mehr einem Traum als einer wahren Geschichte, der Teutsche selbst aber mehr einem Gespenst als einem wahrhaftigen Menschen gleich; also daß sich etliche einbildeten, wir wären auch gleich unseren Leuten auf der Insel mit einer aberwitzigen Wahnsucht behaftet.

Als er nun nach einer halben Stund (denn so lange Zeit mußte er mit Auf- und Absteigen zubringen, ehe er zu uns kommen konnte) bei uns anlangte, gab er jedem nach teutschem Gebrauch die Hand, hieß uns freundlich willkommen, und bat wir wollten ihm verzeihen, daß er aus Mißtrauen so lang verzogen hätte, uns wieder an Tageslicht zu bringen; reichte darauf jedem eins von seinen Lichtern, welches aber keine Edelgestein, sondern schwarze Käfer waren in der Größe als die Schröter in Teutschland, diese hatten unten am Hals einen weißen Flecken so groß als ein Pfennig, der leuchtete in der Finstere viel heller als ein Kerze, maßen wir durch diese wunderbarlichen Lichter mit[598] unserm Teutschen wieder glücklich aus der grausamen Höhlen kamen.

Dieser war ein langer starker wohl proportionierter Mann mit geraden Gliedern, lebhafter schöner Farb, korallenroten Lefzen, lieblichen schwarzen Augen, sehr heller Stimm, und einem langen schwarzen Haar und Bart hie und da mit sehr wenigen grauen Haaren besprengt, die Haupthaar hingen ihm bis über die Hüfte, und der Bart bis über den Nabel hinunter; um die Scham hatte er einen Schurz von Palmblättern und auf dem Haupt einen breiten Hut aus Binsen geflochten, und mit Gummi überzogen, der ihn wie ein Parasol, beides vor Regen und Sonnenschein beschützen konnte; und im übrigen sah er beinahe aus, wie die Papisten ihren Sanctum Onoffrium abzumalen pflegen. Er wollte in der Höhlen mit uns nit reden, aber sobald er herauskam, sagte er uns die Ursach, nämlich daß sie die Art an sich: wenn man darin ein groß Getös hätte, daß alsdann die ganze Insel davon erschüttere, und ein solches Erdbidem erzeige, daß diejenigen so darauf seien, vermeinen sie würde untergehen, so er bei Lebzeiten seines Kameraden vielmal probiert hätte, welches uns erinnerte an dasjenige Loch in der Erden ohnweit der Stadt Wiborg in Finnland, davon Johann Rauhe in seiner Cosmographia am 22. Kap. schreibet; er verwies uns daneben, daß wir uns so freventlich hineinbegeben, und erzählte zugleich, daß er und sein Kamerad wohl ein ganz Jahr zugebracht, ehe sie sich des Wegs hinein erkundigt, welches ihnen aber gleichwohl ohne gedachte Käfer, weil sonst alle Feur darin auslöschen, in vielen Jahren nimmermehr möglich gewesen wäre. Mithin näherten wir uns zu seiner Hütten, die hatten die Unserigen spoliert und allerdings ruiniert, welches mich heftig verdroß, er aber sah sie kaltsinnig an, und tat nicht dergleichen, daß ihm ein Leid dadurch widerfahren wäre; doch tröstet' er mich, mit Entschuldigung, daß solches wider mein Willen und Befehl geschehen, Gott geb aus was Verhängnis oder Befehl, vielleicht ihm zu erkennen zu geben, wieweit er sich der Gegenwart und Beiwohnung der Menschen, vornehmlich aber der Christen und zwar seiner europäischen Landsleut[599] zu erfreuen; die Beute so die Zerstörer in seiner armen Wohnung gemacht hätten, würde über dreißig Dukaten in specie nit sein, die er ihnen gern gönne, hingegen wäre der größte Verlust, den er erlitten, ein Buch das er mit großer Mühe von seinem ganzen Lebenslauf, und wie er in diese Insel kommen, beschrieben; doch könnte ers auch leicht verschmerzen, weil er ein anders verfertigen könnte, wenn wir ihm anders die Palmbäum nit alle abhauen, und ihm selbst das Leben lassen würden; darauf erinnerte er selbst zu eilen, damit wir denen so ihre Vernunft in den Pflaumen verfressen hatten, fein zeitlich wieder zu Hilf kommen möchten.

Also gelangten wir zu angeregten Bäumen, dabei die Unserigen beides Kranke und Gesunde ihr Lager aufgerichtet; da sah man nun ein wunderbarlichs abenteuerlichs Wesen; kein einziger unter allen war noch bei Sinnen; diejenigen aber so ihre Vernunft noch hatten, waren zerstoben und von den Verrückten entweder auf das Schiff oder sonsten hin in die Insel geflohen; der erste der uns aufstieß, war ein Büchsenmeister, der kroch auf allen Vieren daher, krächzete wie ein Sau, und sagte immerfort: »Malz, Malz«; der Meinung weil er sich einbildete, er wäre zu einer Sau worden, wir sollten ihm Malz zu fressen geben; derohalben gab ich ihm auf Rat des Hochteutschen ein paar Kern von den Pflaumen, darin sie alle ihren Witz verfressen, mit Versprechen, wenn er solche gessen haben würde, daß er solches zu sich genommen; da er nun solche zu sich genommen, also daß sie kaum warm bei ihm worden, richtete er sich wieder auf und fing an vernünftig zu reden; und solchergestalt brachten wir alle ehender als in einer Stund wieder zurecht; da kann sich nun jeder wohl einbilden, wie hoch mich solches erfreute, und wasgestalten ich mich obgedachtem Hochteutschen verbunden zu sein erkannte, sintemal wir ohne sein Hilf und Rat mit allem Volk samt dem Schiff und Gütern ohn allen Zweifel hätten verderben müssen.

Quelle:
Grimmelshausen, [H. J. Christoffel von]: Der abenteuerliche Simplicissimus. München 1956, S. 596-600.
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