Das zwölfte Kapitel.

[213] Simplex bekommt einen Schatz durch das Glück,

Bringet denselben mit Freuden zurück.


Ich hatte zwei schöne Pferde, die waren alle meine Freude, die ich selbiger Zeit in der Welt genoß. Alle Tage ritt ich mit denselben auf die Reitschule oder sonst spazieren, wann ich sonst nichts zu tun hatte; nicht zwar, als hätten die Pferde noch etwas bedörft zu lernen, sondern ich täts darum, damit die Leute sehen sollten, daß die schöne Kreaturen mir zugehörten. Wann ich dann so durch eine Gasse daherprangete oder vielmehr das Pferd mit mir dahintanzte und das albere Volk zusahe und zueinander sagte: »Sehet, das ist der Jäger! Ach! welch ein schön Pferd! Ach! wie ein schöner Federbusch!« oder: »Min God! wat vor en prave Kerl is mi dat!«, so spitzte ich die Ohren gewaltig und ließ mirs so sanft tun, als ob mich die Königin Nichaula dem weisen Salomon, in seiner höchsten Majestät sitzend, verglichen hätte. Aber ich Narr hörete nicht, was vielleicht damals verständige und erfahrne Leute von mir hielten oder meine Mißgönner von mir sagten. Diese letztere wünschten mir ohn Zweifel, daß ich Hals und Bein brechen sollte, weil sie mirs nicht gleichtun konnten. Andere aber gedachten gewißlich, wann jedermann das Seinige hätte, daß ich nicht so toll daherziehen würde. Kurz, die Allerklügste müssen mich ohn allen Zweifel vor einen jungen Lappen gehalten haben, dessen Hoffart notwendig nicht lang dauren noch Bestand haben würde, weil sie auf einem schlechten Fundament bestünde und nur aus ungewissen Beuten unterhalten werden müßte. Und wann ich selber die Wahrheit bekennen soll, muß ich gestehen, daß diese letztere nicht unrecht urteilten, wiewohl ichs damals nicht verstund, dann es war nichts anders mit mir, als daß ich meinem Mann oder Gegenteil, wann einer mit mir zu tun bekommen, das Hemd rechtschaffen heiß machen, also wohl vor einen einfachen guten Soldaten passieren hätte können, wiewohl ich gleichsam noch ein Kind war. Aber diese Ursache machte mich so groß, daß jetziger Zeit der geringste Roßbub den allertapfersten Held von der Welt totschießen kann; wäre aber das Pulver noch nicht erfunden gewesen, so hätte ich die Pfeife wohl im Sack müssen stecken lassen.

Meine Gewohnheit war, wann ich so herumterminierte, daß ich alle Wege und Stege, alle Gräben, Moräste, Büsche, Bühel und Wasser beritten, dieselbige mir bekannt machte und ins Gedächtnüs faßte, damit, wanns etwan an ein oder andern[213] Ort künftig eine Okkasion setzte, mit dem Feind zu scharmützeln, ich mir des Orts Gelegenheit beides offensive und defensive zunutz machen könnte. Zu solchem Ende ritt ich einsmals unweit der Stadt bei einem alten Gemäur vorüber, darauf vorzeiten ein Haus gestanden. Im ersten Anblick gedachte ich, dies wäre ein gelegener Ort, darin aufzupassen oder sich dahin zu retiriern, sonderlich vor uns Dragoner, wann wir von Reutern übermannt und gejagt werden sollten. Ich ritt in den Hof, dessen Gemäur ziemlich verfallen war, zu sehen, ob man sich auch auf den Notfall zu Pferd dahin salvieren und wie man sich zu Fuß daraus wehren könnte. Als ich nun zu solchem Ende alles genau besichtigen und bei dem Keller, dessen Gemäur noch rundumher aufrechtstund, vorüberreiten wollte, konnte ich mein Pferd, welches sonst im geringsten nichts scheuete, weder mit Liebe noch Leid nicht hinbringen, wo ich hin wollte. Ich sporte es, daß michs daurte, aber es half nichts, und konnte ichs im geringsten nicht fortbringen. Ich stieg ab und führte es an der Hand die verfallene Kellerstiegen hinunter, wovon es doch scheuete, damit ich mich ein andermal darnach richten könnte. Aber es hupfte zurück, so sehr es immer mochte; doch brachte ichs endlich mit guten Worten und Streichen hinunter, und indem ichs strich und ihm liebkoste, ward ich gewahr, daß es vor Angst schwitzte und die Augen stets in eine Ecke des Kellers richtete, dahin es am allerwenigsten wollte und ich auch das geringste nicht sahe, darob der schlimmste Kollerer hätte wetterläunisch werden mögen. Als ich nun so mit Verwunderung dastund und dem Pferd zusahe, wie es vor Furcht zitterte, kam mich auch ein solches Grausen an, daß mir nicht anderst ward, als ob man mich bei den Haaren über sich zöge und einen Kübel voll kalt Wasser über mich abgösse. Doch konnte ich nichts sehen; aber das Pferd stellte sich noch viel seltsamer, also daß ich mir nichts anders einbilden konnte, als ich müßte vielleicht samt dem Pferd verzaubert sein und in demselben Keller mein Ende nehmen. Derowegen wollte ich wieder zurück, aber mein Pferd wollte mir durchaus nicht folgen; dahero ward ich noch ängstiger und so verwirrt, daß ich schier nicht wußte, was ich tät. Zuletzt nahm ich eine Pistol auf den Arm und band das Pferd an einen starken Holderstock (der im Keller aufgewachsen war) der Meinung, aus dem Keller zu gehen und Leute in der Nähe zu suchen, die meinem Pferd wieder heraufhülfen; und indem ich hiermit umgehe, fällt mir ein, ob nicht vielleicht in diesem alten Gemäur ein Schatz verborgen läge, dahero es so ungeheur sein möchte. Ich glaubte meinem Einfall und sahe mich genauer um; und sonderlich in[214] der Ecke, dahin mein Pferd so gar nicht wollte, ward ich eines Stück Gemäuers gewahr, ungefähr so groß als ein gemeiner Kammerladen, welches dem andern alten Gemäur beides an der Farb und Arbeit nicht allerdings gleichte. Da ich aber hinzugehen wollte, ward mir abermal wie zuvor, nämlich als ob mir alle Haare gen Berg stünden, welches mich in meiner Meinung stärkte und bekräftigte, daß nämlich ein Schatz daselbst verborgen sein müßte.

Zehen-, ja hundertmal lieber hätte ich Kugeln gewechselt, als mich in solcher Angst befunden. Ich ward gequält und wußte doch nicht von wem, dann ich sahe oder hörte nichts. Ich nahm das ander Pistol auch von meinem Pferd und wollte damit durchgehen und das Pferd stehen lassen, vermochte aber die Stiegen nicht hinaufzukommen, weil mich, wie mich deuchte, eine starke Luft aufhielt; da lief mir erst die Katze den Buckel hinauf! Zuletzt fiel mir ein, ich sollte meine Pistolen lösen, damit die Bauren, so in der Nähe im Feld arbeiteten, mir zuliefen und mit Rat und Tat zu Hülf kämen. Das tät ich, weil ich sonst kein Mittel, Rat noch Hoffnung hatte oder wußte, aus diesem ungeheuren Wunderort zu kommen. Ich war auch so erzörnt oder vielmehr so desperat (dann ich weiß selber nicht mehr, wie mir gewesen ist), daß ich im Losschießen meine Pistolen gerad an den Ort kehrete, allwo ich vermeinte, daß die Ursache meiner seltsamen Begegnus stecke, und traf obangeregtes Stück Gemäuer mit zweien Kuglen so hart, daß es ein Loch gab, darein man zwo Fäuste hätte stecken mögen. Als der Schuß geschehen, wieherte mein Pferd und spitzte die Ohren, welches mich herzlich erquickte; nicht weiß ich, ist damals das Ungeheur oder Gespenst verschwunden oder hat sich das arme Tier über das Schießen erfreuet? Einmal, ich faßte wieder ein frisch Herz und gieng ganz unverhindert und ohn alle Furcht zu dem Loch, das ich erst durch den Schuß geöffnet hatte. Da fieng ich an, die Maur vollends einzubrechen und fand von Silber, Gold und Edelgesteinen einen solchen reichen Schatz, der mir noch auf diese Stunde wohl bekäme, wann ich ihn nur recht zu verwahren und anzulegen gewußt hätte. Es waren aber sechs Dutzet altfränkische silberne Tischbecher, ein groß gulden Pokal, etliche Duplet, vier silberne und ein guldenes Salzfaß, eine altfränkische guldne Kette, unterschiedliche Diamanten, Rubinen, Saphiren und Schmaragden, beides in Ringen und andern Kleinodien gefasset; item ein ganz Lädlein voll großer Perlen, aber alle verdorben oder abgestanden, und dann in einem versporten ledernen Sack achtzig von den ältisten Joachimstalern[215] aus feinem Silber, sodann 893 Goldstücke mit dem französischen Wappen und einem Adler, welche Münze niemand kennen wollte, weil man, wie sie sagten, die Schrift nicht lesen konnte. Diese Münze, die Ringe und Kleinodien steckte ich in meine Hosensäcke, Stiefeln, Hosen und Pistolhulftern, und weil ich keinen Sack bei mir hatte, sintemal ich nur spaßgeritten war, schnitt ich meine Schaberacke vom Sattel und packte in dieselbige (weil sie gefüttert war und mir gar wohl vor einen Sack dienen konnte) das übrige Silbergeschirr, hing die güldene Kette an Hals, saß fröhlich zu Pferd und ritt meinem Quartier zu. Wie ich aber aus dem Hof kam, ward ich zweier Bauren gewahr, welche davonlaufen wollten, sobald sie mich sahen; ich ereilte sie leichtlich, weil ich sechs Füße und ein eben Feld hatte, und fragte sie, warum sie hätten wollen ausreißen und warum sie sich so schrecklich förchteten. Da erzählten sie mir, daß sie vermeint hätten, ich wäre das Gespenst, das in gegenwärtigem öden Edelhof wohne, welches die Leute, wann man ihm zu nahe käme, elendiglich zu traktieren pflege. Und als ich ferner um dessen Beschaffenheit fragte, gaben sie mir zur Antwort, daß aus Furcht des Ungeheuers oft in vielen Jahren kein Mensch an denselben Ort komme, es sei dann jemand Fremder, der verirre und ungefähr dahin gerate. Die gemeine Sage gienge im Land, es wäre ein eiserner Trog voller Geldes darin, den ein schwarzer Hund hüte zusamt einer verfluchten Jungfer; und wie die alte Sage gienge, sie auch selbsten von ihren Großeltern gehört hätten, so sollte ein fremder Edelmann, der weder seinen Vatter noch Mutter erkenne, ins Land kommen, dieselbe Jungfer erlösen, den eisernen Trog mit einem feurigen Schlüssel aufschließen und das verborgene Geld davonbringen. Dergleichen albern Dings erzählten sie mir noch viel und sagten, es wäre nie gehört worden, daß jemand ohnverletzt oder sonst ohne Abenteur dort gewesen oder ohne überstandne schröckliche Angst, die ihm greuliche Ungeheur eingejaget, wieder glücklich darvon kommen wäre. Es hätten sich zwar noch bei Mannsgedenken einige fahrende Schuler oder Teufelsbanner dorthin begeben, den Platz zu graben, sie seien aber seltsam empfangen und wieder abgewiesen worden, daß seithero niemand gelüste, demselben weiters nachzusuchen, vornehmlich weil sie den Bescheid mitgebracht, daß der Schatz keinem zuteil werden möge, der nur ein einigsmal Weibermilch getrunken hätte. Ich sagte, so müßte er wohl ewig da liegen bleiben. »Wer sagt euch aber, daß eine verfluchte Jungfrau da wohne?« Die Bauren antworteten, es wäre vor wenig Jahren ein Mägdlein aus ihrem Dorf mit etlichen Gaißen derorten auf der Waid[216] gewesen, solche zu hüten. Als ihr aber eine davon entloffen und in besagten Hof kommen, hätte ihr das Mägdlein, als welches von dem Ungeheur nichts gewußt, nachgefolget, solche wieder zu den andern zu treiben; zu demselben seie die Jungfrau kommen und hätte es gefragt, was es da zu schaffen habe; und demnach das Mägdlein geantwortet, es wolle seine Gaiß wieder holen, die ihm wider seinem Willen daher geloffen wäre, hätte die Jungfrau demselben ein Körblein voller Kirschen gewiesen und gesagt: »So gehe und nimm dort von dem, was du vor dir siehest, mitsamt deiner Gaiß; komme mir aber nicht wieder und siehe dich auch nicht um, damit dir nichts Arges widerfahre.« Darauf seie das Mägdlein erschrocken und habe in solcher Angst sieben Kirschen ertappet, welche, sobald sie vor das Gemäuer kommen, zu Geld worden. Hernach fragte ich sie, was dann sie beide da gewollt hätten, da sie doch ohndas nicht in das Gemäur gehen dörften. Sie antworteten, sie hätten einen Schuß samt einem lauten Schrei gehöret; da sein sie zugeloffen, zu sehen, was da zu tun sein möchte. Als ich ihnen aber sagte, daß ich zwar geschossen hätte, der Hoffnung, es würden Leute zu mir ins Gemäur kommen, weil mir auch ziemlich angst worden, wüßte aber von keinem Geschrei nichts, da antworteten sie: »Man möchte in diesem Schloß lang hören schießen, bis jemand hineinlauft aus unsrer Nachbarschaft; dann es ist in Wahrheit so abenteurlich damit beschaffen, daß wir dem Junkern nicht glauben würden, wann er sagte, er wäre darin gewesen, dafern wir ihn nicht selbst wieder hätten sehen herausreuten.« Hierauf wollten sie viel Dings von mir wissen, vornehmlich wie es darin beschaffen wäre und ob ich die Jungfer samt dem schwarzen Hund auf dem eisernen Trog nicht gesehen hätte, also daß ich ihnen, wann ich nur aufschneiden wollen, seltsame Bären hätte anbinden können; aber ich sagte ihnen im geringsten nichts, auch nicht ein mal, daß ich den köstlichen Schatz ausgehoben, sondern ritt meines Wegs in mein Quartier und beschauete meinen Fund, der mich herzlich erfreuete.

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 213-217.
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