Das dreizehnte Kapitel.

[217] Simplex hat törichte Grillen bei sich,

Läßt sein gefunden Geld nicht gern im Stich.


Diejenige, die wissen, was das Geld gilt, und dahero solches vor ihren Gott halten, haben dessen nicht geringe Ursache;[217] dann ist jemand in der Welt, der dessen Kräfte und beinahe göttliche Tugenden erfahren hat, so bin ichs. Ich weiß, wie einem zumut ist, der dessen einen ziemlichen Vorrat hat; so habe ich auch nicht nur einmal erfahren, wie derjenige gesinnet sei, der keinen einzigen Heller vermag. Ja, ich dörfte mich vermessen zu erweisen, daß es alle Tugenden und Würkungen viel kräftiger hat und vermag, als alle Edelgestein; dann es vertreibet alle Melancholei wie der Diamant; es machet Lust und Beliebung zu den Studiis wie der Smaragd; darum werden gemeiniglich mehr reicher als armer Leute Kinder Studenten. Es nimmt hinweg Forchtsamkeit, machet den Menschen fröhlich und glückselig wie der Rubin; es ist dem Schlaf oft hinderlich wie die Granaten; hingegen hat es auch eine große Kraft, die Ruhe und den Schlaf zu befördern wie der Hyazinth; es stärket das Herz, vertreibet vergebliches Erschröcken und machet den Menschen freudig, sittsam, frisch und mild wie der Saphir und Amethyst; es vertreibet böse Träume, machet fröhlich, schärfet den Verstand, und so man mit jemand zanket, machet es, daß man sieget wie der Sardus, vornehmlich wann man alsdann den Richter brav damit schmieret. Es löschet aus die geile und unkeuschen Begierden, sonderlich weil man schöne Weiber um Geld kriegen kann. In Kürze, es ist nicht auszusprechen, was das liebe Geld vermag, wie ich dann hiebevor in meinem »Schwarz und Weiß« etwas davon geschrieben, wann man es nur recht zu gebrauchen und anzulegen weiß.

Was das meinige anbelanget, das ich damals beides, mit Rauben und Findung dieses Schatzes, zuwegen gebracht, so hatte dasselbe eine seltsame Natur an sich; dann erstlich machte es mich hoffärtiger, als ich zuvor war, so gar, daß mich auch im Herzen verdroß, daß ich nur Simplicius heißen sollte. Es hinderte mir den Schlaf wie der Amethyst; dann ich lag manche Nacht und spekulierte, wie ich solches anlegen und noch mehr darzu bekommen möchte. Es machte mich zu einem perfekten Rechenmeister; dann ich überschlug, was mein ungemünztes Silber und Gold wert sein möchte, summierte solches zu demjenigen, das ich hin und wieder verborgen und noch bei mir im Säckel hatte, und befand ohn die Edelgesteine ein namhaftes Fazit. Es gab mir auch seine eigne angeborne Schalkheit und böse Natur zu versuchen, indem es mir das Sprichwort: wo viel ist, begehrt man immer mehr, rechtschaffen auslegte und mich so geizig machte, daß mir jedermann hätte feind werden mögen. Ich bekam von ihm wohl närrische Anschläge und seltsame Grillen ins Hirn und folgte doch keinem einzigen Einfall, den ich kriegte.[218] Einmal kam mirs in Sinn, ich sollte den Krieg quittieren, mich irgendhin setzen und mit einem schmutzigen Maul zum Fenster aussehen. Aber geschwind reuete michs wieder, vornehmlich da ich bedachte, was vor ein freies Leben ich führte und was vor Hoffnung ich hätte, ein großer Hans zu werden; da gedachte ich dann: »Hui, Simplici, laß dich adeln und wirb dem Kaiser eine eigene Kompagnie Dragoner aus deinem Säckel, so bist du schon ein ausgemachter junger Herr, der mit der Zeit noch hoch steigen kann.« Sobald ich aber zu Gemüt führete, daß meine Hoheit durch ein einzig unglücklich Treffen fallen oder sonst durch einen Friedenschluß samt dem Krieg in Bälde ein End nehmen könnte, ließ ich mir diesen Anschlag auch nicht mehr belieben. Alsdann fieng ich an, mir mein vollkommen männlich Alter zu wünschen. »Dann wann ich solches hätte,« sagte ich zu mir selber, »so nähmest du eine schöne, junge, reiche Frau; alsdann kauftest du irgendeinen adeligen Sitz und führtest ein geruhiges Leben.« Ich wollte mich auf die Viehzucht legen und mein ehrlich Auskommen reichlich haben können; da ich aber wußte, daß ich noch viel zu jung hierzu war, mußte ich diesen Anschlag auch fahren und unterwegen lassen. Solcher und dergleichen Einfälle hatte ich viel, bis ich endlich resolvierte, meine beste Sachen irgendhin in einer wohlverwahrten Stadt einem begüterten Mann in Verwahrung zu geben und zu verharren, was das Glück ferner mit mir machen würde. Damals hatte ich meinen Jupiter noch bei mir, dann ich konnte seiner nicht los werden; derselbe redte zuzeiten sehr subtil und war etliche Wochen gar klug, hatte mich auch über alle Maßen lieb, weil ich ihm viel Gutes täte; und demnach er mich immer in tiefen Gedanken gehen sahe, sagte er zu mir: »Liebster Sohn! schenket Euer Schindgeld, Gold und Silber hinweg!« Ich sagte: »Warum, mein lieber Jove?« – »Darum,« antwortete er, »damit Ihr Euch Freunde dadurch machet und Eurer unnützen Sorgen los werdet.« – Ich sagte, daß ich lieber gern mehr hätte. »Wer weiß, wo ichs noch brauche?« Darauf sagte er: »So sehet, wo Ihr mehr bekommt; aber auf solche Weise werdet Ihr Euch Euer Lebtag weder Ruhe noch Freunde schaffen. Lasset die alte Schabhälse geizig sein, Ihr aber haltet Euch, wie es einem jungen wackern Kerl zustehet; Ihr sollt noch viel eher Mangel an guten Freunden als Geld erfahren.« Ich dachte der Sache nach und befand zwar, daß Jupiter wohl von der Sache rede, der Geiz aber hatte mich schon dergestalt eingenommen, daß ich gar nicht gedachte, etwas hinzuschenken. Doch verehrte ich zuletzt dem Kommandanten ein paar silberne und übergoldte Duplet,[219] meinem Hauptmann aber ein paar silberne Salzfässer, damit ich aber nichts anders ausrichtete, als daß ich ihnen nur das Maul auch nach dem übrigen wässerig machte, weil es rare Antiquitäten waren. Meinem getreusten Kameraden Springinsfeld schenkte ich zwölf Reichstaler; der riet mir dargegen, ich sollte mein Reichtum von mir tun oder gewärtig sein, daß ich dadurch in Unglück käme, dann die Offizierer sähen nicht gern, daß ein gemeiner Soldat mehr Geld hätte als sie. So hätte er auch wohl ehmals gesehen, daß ein Kamerad den andern um Geldes halber heimlich ermordet; bisher hätte ich wohl heimlich halten können, was ich an Beuten erschnappt und erüberigt, dann jedermann glaubete, ich hätte alles wieder an Kleider, Pferde und Gewehr gehängt, nunmehr aber würde ich niemand kein Ding mehr verklaiben oder weismachen können, daß ich kein übrig Geld hätte, dann jeder machte den gefundenen Schatz jetzt größer, als er an sich selbst sei, und ich ohndas nicht mehr wie hiebevor spendierte. Er müsse oft hören, was unter der Bursch vor ein Gemurmel gehe; sollte er anstatt meiner sein, so ließe er den Krieg Krieg sein, setzte sich irgendhin in Sicherheit und ließe den lieben Gott walten. Seine Meinung wäre, ich sollte das Glück nicht weiters versuchen, ich hätte Ehr und Gut genug erworben und meine Sache so weit gebracht, daß es unter tausenden kaum einem so wohl geraten. Ich antwortete: »Höre Bruder! wie kann ich die Hoffnung, die ich zu einem Fähnlein habe, so leichtlich in Wind schlagen?« – »Ja, ja!« sagte Springinsfeld, »hole mich dieser und jener, wann du ein Fähnlein bekommst; die andere, so auch darauf hoffen, sollten dir eh tausendmal den Hals brechen helfen, wann sie sehen, daß eins ledig und du bekommen solltest. Lerne mich nur keine Karpfen kennen; dann mein Vatter war ein Fischer. Halt mirs zugut, Bruder! dann ich habe länger zugesehen, wie es im Krieg hergehet, als du! Siehest du nicht, wie mancher Feldwaibel bei seinem kurzen Gewehr grau wird, der vor vielen eine Kompagnie zu haben meritierte; vermeinest du, sie sein nicht auch Kerl, die etwas haben hoffen dörfen? zudem so gebühret ihnen von Rechts wegen mehr als dir solche Beförderung, wie du selber erkennest.« Ich mußte schweigen, weil Springinsfeld aus einem teutschen aufrichtigen Herzen mir die Wahrheit so getreulich sagte und nicht heuchelte; jedoch biß ich die Zähne heimlich übereinander, dann ich bildete mir damals trefflich viel ein.

Doch erwug ich diese und meines Jupiters Reden sehr fleißig und bedachte, daß ich keinen einzigen angebornen Freund[220] hätte, der sich meiner in Nöten an nehmen oder meinen Tod, so er geschehe, heimlich oder öffentlich rächen würde. Auch konnte ich mir leicht einbilden, wie die Sache umständlich und an sich selbsten war, dannoch aber ließ weder mein Ehr-noch Geldgeiz zu, viel weniger die Hoffnung, groß zu werden, den Krieg zu quittiern und mir Ruhe zu schaffen; sondern ich verblieb bei meinem ersten Vorsatz, und indem sich eben eine Gelegenheit auf Köln präsentierte (indem ich neben 100 Dragonern etliche Kaufleute und Güterwägen von Münster dorthin konvojirn helfen mußte), packte ich meinen gefundenen Schatz zusammen, nahm ihn mit und gab ihn einem von den vornehmsten Kaufleuten daselbst gegen Aushändigung einer spezifizierten Handschrift aufzuheben. Das waren vierundsiebenzig Mark ungemünzt fein Silber, fünfzehen Mark Gold, achtzig Joachimstaler und in einem verpetschierten Kästlein unterschiedliche Ringe und Kleinodien, so mit Gold und Edelgesteinen achthalb Pfund in allem gewogen, samt 893 antiquische gemünzte Goldstücke, deren jedes anderthalb Goldgülden schwer war. Meinen Jupiter brachte ich auch dahin, weil ers begehrte und in Köln ansehnliche Verwandten hatte. Gegen denselben rühmte er die Guttaten, die er von mir empfangen, und machte, daß sie mir viel Ehre erwiesen. Mir aber riet er noch allezeit, ich sollte mein Geld besser anlegen und mir Freunde davor kaufen, die mich mehr als das Gold in der Kisten nutzen würden.

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 217-221.
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