Das zweiundzwanzigste Kapitel.

[247] Simplex erzählt, wie ablief die Hochzeit,

Was er darzu auch geladen vor Leut.


Die Leute in meinem Losament verwunderten sich alle, da ich diese Jungfer mit mir heimbrachte, und noch viel mehr, da sie sahen, daß sie so ungescheut mit mir schlafen gieng; dann obzwar mir dieser Posse, so mir widerfahren, grandige Grillen in Kopf brachte, so war ich doch so närrisch nicht, meine Braut zu verschmähen. Ich hatte zwar die Liebste im Arm, hingegen aber tausenderlei Gedanken im Kopf, wie ich meine Sache heben und legen wollte. Bald gedachte ich: »Es ist dir recht geschehen!« und bald vermeinte ich, es wäre mir der allergrößte Schimpf von der Welt widerfahren, welchen ich ohn billige Rache mit Ehren nicht verschmerzen könnte. Wann ich aber besann, daß solche Rache wider meinem Schwährvatter, und also auch wider meine unschuldige fromme Liebste laufen müßte, fielen alle meine Anschläge dahin. Ich schämete mich so sehr, daß ich mir vornahm, mich einzuhalten und vor keinem Menschen mehr sehen zu lassen, befand aber, daß ich alsdann erst die allergrößte Narrheit begehen würde. Endlich war mein Schluß, ich wollte vor allen Dingen meines Schwährvatters Freundschaft wieder gewinnen und mich im übrigen gegen jedermann anlassen, als ob mir nichts Übels widerfahren und wegen meiner Hochzeit alles wohl ausgerichtet hätte. Ich sagte zu mir selber: »Weil alles auf eine seltsame ungewöhnliche Weise sich geschickt und seinen Anfang genommen, so mußt du es auch auf solche Gattung ausmachen. Sollten die Leute erfahren, daß du Verdruß an deiner Heurat hättest und wider deinen Willen kopuliert worden wärest, wie eine arme Jungfer an einen alten reichen Ehekrippel, so hättest du nur Spott davon.«

In solchen Gedanken ließ ich mir früh tagen, wiewohl ich lieber länger im Bette verblieben wäre. Ich schickte am allerersten nach meinem Schwager, der meines Weibes Schwester hatte, und hielt ihm kurz vor, wie nahe ich ihm verwandt worden, ersuchte ihn darneben, er wollte seine Liebste kommen lassen, um etwas zurichten zu helfen, damit ich den Leuten auch bei meiner Hochzeit zu essen geben könnte, er aber wollte belieben, unsern Schwähr und Schwieger meinetwegen zu begütigen, so wollte ich indessen ausgehen, Gäste zu bitten, die den Frieden zwischen mir und ihm vollends machten. Solches nahm er willig und gerne zu verrichten auf sich, und ich verfügte mich zum Kommandanten. Dem erzählte ich mit einer kurzweiligen und[247] artlichen Manier, was ich und mein Schwährvatter vor eine neue Mode angefangen hätten, Hochzeit zu machen, welche Gattung so geschwind zugehe, daß ich in einer Stunde die Heuratsabred, den Kirchgang und die Hochzeit auf einmal vollzogen; allein weil mein Schwährvatter die Morgensuppe gesparet hätte, wäre ich bedacht, anstatt deren ehrlichen Leuten von der Specksuppen mitzuteilen, zu deren ich ihn untertänig eingeladen haben wollte. Der Kommandant wollte sich meines lustigen Vortrags schier in Stücken lachen; und weil ich sahe, daß sein Kopf recht stund, ließ ich mich noch freier heraus und entschuldigte mich deswegen, daß ich notwendig jetzt nicht wohl klug sein müßte, weil andere Hochzeiter vier Wochen vor und nach der Hochzeit nicht recht bei Sinnen sein; andere Hochzeiter zwar hätten vier Wochen Zeit, in welchen sie allgemach ihre Torheiten unvermerkt herauslassen und also ihren Mangel an der Witz ziemlich verbergen könnten; weil mich aber die ganze Bräuterei vollkommen überfallen, so müßte ich auch die Narrenpossen häufig fliegen lassen, damit ich mich hernach desto vernünftiger im Ehestand anlassen könnte. Er fragte mich, wie es mit der Heuratsnotul beschaffen wäre und wieviel mir mein Schwährvatter Füchse, deren der alte Schabhals viel hätte, zum Heuratgut gäbe? Ich antwortete, daß unser Heuratsabrede nur in einem Punkt bestünde, der laute, daß ich und seine Tochter sich in Ewigkeit vor seinen Augen nicht mehr sollten sehen lassen; dieweil aber weder Notarien noch Zeugen dabei gewesen, hoffe ich, er sollte wieder revoziert werden, vornehmlich weil alle Heurat zu Fortpflanzung guter Freundschaft gestiftet würden, es wäre dann Sache, daß er mir seine Tochter wie Pythagoras die seinige verheuratet hätte, so ich aber nimmermehr glauben könnte, weil ich ihn meines Wissens niemal beleidiget.

Mit solchen Schwänken, deren man an mir diesorts sonst nicht gewohnt war, erhielt ich, daß der Kommandant samt meinem Schwährvatter, welchen er hierzu wohl persuadieren wollte, bei meiner Specksuppen zu erscheinen versprach. Er schickte auch gleich ein Faß köstlichen Wein und einen Hirsch in meine Küchen; ich aber ließ dergestalt zurichten, als ob ich viel Fürsten, Grafen und andere hohe Standspersonen hätte traktieren wollen, brachte auch eine ansehenliche Gesellschaft zuwege, die sich nicht allein miteinander recht lustig machten, sondern auch vor allen Dingen meinen Schwährvatter und Schwieger dergestalt mit mir und meinem Weib versöhneten, daß sie uns mehr Glücks wünschten, als sie uns die vorige Nacht fluchten. In der ganzen Stadt aber ward ausgesprengt,[248] daß unsre Kopulation mit Fleiß auf so eine fremde Gattung wäre angestellet worden, damit uns beiden kein Posse von bösen Leuten widerfahre. Mir aber war diese schnelle Hochzeit trefflich gesund, dann wann ich doch verehlichet und gemeinem Gebrauch nach über die Kanzel hätte abgeworfen werden sollen, so hätten sich besorglich Schleppsäcke gefunden, die mir ein verhinderliches Gewirr dreinzumachen unterstanden; dann ich hatte solcher unter den Bürgerstöchtern ein ganz halb Dutzet, die mich mehr als allzuwohl kannten und nunmehr recht in der Brühe saßen.

Den andern Tag traktierte mein Schwährvatter die Hochzeitgäste, aber bei weitem nicht so wohl als ich, dann er war karg; da ward erst mit mir geredet, was ich vor eine Handierung treiben und wie ich die Haushaltung anstellen wollte. Da merkte ich erst, daß ich meine edle Freiheit verloren hatte und unter einer Bottmäßigkeit leben sollte. Ich ließ mich gar gehorsamlich an und begehrte zuvor meines lieben Schwährvatters, als eines verständigen Kavaliers, getreuen Rat zu vernehmen und dem zu folgen, welche Antwort der Kommandant lobte und sagte: »Dieweil er ein junger frischer Soldat ist, so wäre es eine große Torheit, wann er mitten in jetzigen Kriegsläuften ein anders als das Soldatenhandwerk zu treiben vor die Hand nähme; es ist weit besser, sein Pferd in eines andern Stall zu stellen, als eines andern in dem seinigen zu füttern. Was mich anbelangt, so will ich ihm ein Fähnlein geben, wann er will.« Mein Schwäher und ich bedankten sich, und ich schlugs nicht mehr aus wie zuvor, wiese doch dem Kommandanten des Kaufmanns Handschrift, der meinen Schatz zu Köln in Verwahrung hat. »Dieses«, sagte ich, »muß ich zuvor holen, eh ich schwedische Dienste annehme; dann sollte man gewahr werden, daß ich ihrem Gegenteil diene, so werden sie mir zu Köln die Feige weisen und das Meinige behalten, welches sich so leichtlich nicht im Weg finden lässet.« Sie gaben mir beide recht, und ward also zwischen uns dreien abgeredet, zugesaget und beschlossen, daß ich in wenig Tagen mich nach Köln begeben, meinen Schatz dort erheben und nachgehend wieder damit in der Festung einstellen und ein Fähnlein annehmen sollte; dabei ward auch ein Tag ernennet, an welchem meinem Schwähervatter eine Kompagnie samt der Obristleutenantstelle bei des Kommandanten Regiment übergeben werden sollte, dann sintemal der Graf von Götz damals mit vielen kaiserlichen Völkern in Westfalen lag und sein Quartier zu Dortmund hatte, versahe sich der Kommandant auf den künftigen Frühling einer Belägerung[249] und bewarb sich dahero um gute Soldaten, wiewohl diese Sorge vergeblich war, dieweil ermeldter Graf von Götz, weil Johann de Werd in Brißgäu geschlagen worden, selbigen Frühling Westfalen quittieren und am Ober-Rheinstrom wegen Breisach wider den Fürsten von Weimar agieren mußte.

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 247-250.
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