Das vierundzwanzigste Kapitel.

[254] Simplex ein Hasen fängt selbst in der Stadt,

Dessen sich wohl wird, wers liest, lachen satt.


Dieser hatte, wie oben gemeldet, unterschiedliche Handierungen, dadurch er Geld zusammenkratzte; er zehrte mit seinen Kostgängern und seine Kostgänger nicht mit ihm, und er hätte sich und sein Hausgesind mit demjenigen, was sie ihm eintrugen, gar reichlich ernähren können, wann es der Schindhund nur darzu hätte angewendet; aber er mästete uns auf schwäbisch und hielt gewaltig zurück. Ich aß anfangs nicht mit seinen Kostgängern, sondern mit seinen Kindern und Gesind, weil ich nicht viel Geld bei mir hatte; da satzte es schmale Bißlein, so meinem Magen, der nunmehr zu den westfälischen Traktamenten gewöhnet war, ganz spanisch vorkam; kein gut Stück Fleisch kriegten wir auf den Tisch, sondern nur dasjenige, so acht Tage zuvor von der Studenten Tafel getragen, von denselben zuvor überall wohl benagt und nunmehr vor Alter so grau als Mathusalem worden war. Darüber machte dann die Kostfrau (welche die Küche selbst versehen mußte, dann er dingte ihr keine Magd) eine schwarze saure Brühe und überteufelts mit Pfeffer; da wurden dann die Beiner so sauber abgeschleckt, daß man alsbald Schachsteine daraus hätte drehen können, und doch waren sie alsdann noch nicht recht ausgenutzt, sondern sie kamen in einen hierzu verordneten Behalter, und wann unser Geizhals deren ein Quantität beisammen hatte, mußten sie erst klein zerhackt und das übrige Fett bis auf das alleräußerste herausgesotten werden; nicht weiß ich, wurden die Suppen daraus geschmälzt oder die Schuhe damit geschmieret. An den Fasttägen, deren mehr als genug einfielen und alle solenniter gehalten wurden, weil der Hausvatter diesfalls gar gewissenhaft war,[254] mußten wir uns mit stinkenden Bückingen, versalzenen Bolchen, faulen Stock- und andern abgestandenen Fischen herumbeißen; dann er kaufte alles der Wohlfeile nach und ließ sich die Mühe nicht dauren, zu solchem Ende selbst auf den Fischmarkt zu gehen und anzupacken, was jetzt die Fischer auszuschmeißen und hinzuwerfen im Sinn hatten. Unser Brod war gemeiniglich schwarz und altbacken, der Trank aber ein dünn saur Bier, das mir die Därme hätte zerschneiden mögen, wiewohl es mein Kostherr vor ein gut abgelegen Märzbier darstellte. Überdas vernahm ich von seinem teutschen Knecht, daß es Sommerszeit noch schlimmer hergehe; dann da sei das Brot schimmlig, das Fleisch voller Würme und ihre beste Speisen wäre irgends zu Mittag ein paar Rettiche und auf den Abend eine Handvoll Salat. Ich fragte, warum er dann bei dem Filz bleibe. Da antwortete er mir, daß er die meiste Zeit auf der Reise sei und derhalben mehr auf der Reisenden Trinkgelder als seinen Schimmeljuden bedacht sein müßte. Er getraute seinem Weib und Kindern nicht in Keller, weil er ihm selbst den Tropfwein kaum gönne, und sei in Summa ein solcher Geldwolf, dergleichen kaum noch einer zu finden. Das, so ich bisher gesehen, sei noch nichts; wann ich noch eine Weile da verbliebe, würde ich gewahr nehmen, daß er sich nicht schäme, einen Esel um einen Fettmönch zu schinden. Einsmals brachte er sechs Pfund Sülzen oder Rindernkutteln heim; das setzte er in seinen Speiskeller, und weil zu seiner Kinder großem Glück das Tagfenster offen stund, banden sie eine Eßgabel an einen langen Stecken und angelten damit alle Kuttelflecke heraus, welche sie alsobald und halb gekocht in großer Eil verschlangen, und vorgaben, die Katze hätte es getan. Aber der Erbsenzähler wollte es nicht glauben, sondern, nachdem er lang deswegen im Hause rumort hatte, fieng er die Katze, wug sie und befand, daß sie mit Haut und Haar nicht so schwer war, als seine Kutteln gewesen. Dieser kahlen Possen schämte er sich nicht allein [nicht], sondern wollte noch wegen solcher klugen Erfindung, die ihm sein Geiz gelernet, Ruhm haben. Weil er dann so gar unverschämt handlete, als begehrte ich nicht mehr an seiner Leute, sondern an gemeldter Studententafel, es koste auch, was es wolle, zu essen, worbei es zwar etwas herrlicher hergieng, ward mir aber wenig damit geholfen; dann alle Speisen, die man uns fürsatzte, waren nur halb gar, so unserm Kostherrn an zwei Orten zupaß kam, erstlich am Holz, so er gesparet, und daß wir nicht so viel verdauen konnten. Überdas, so dünkte mich, er zählete uns alle Mundvoll in Hals hinein, und kratzte sich hintern Ohren, wann wir recht fütterten. Sein Wein war ziemlich gewässert[255] und nicht derart, die Däuung zu befördern; der Käs, den man am Ende jeder Mahlzeit aufstellete, war gemeinlich steinhart, die holländische Butter aber dermaßen versalzen, daß keiner über ein Lot davon auf einen Imbiß genießen konnte. Das Obs mußte man wohl so lang auf und ab tragen, bis es mürbe und zu essen tauglich war; wann dann etwan ein oder ander darauf stichelte, so fieng er einen erbärmlichen Hader mit seinem Weibe an, daß wirs hörten; heimlich aber befahl er ihr, sie sollte nur bei ihrer alten Geigen bleiben. Sonsten wars sauber in seinem Haus und aufgeraumt, weil er nichts unter den Füßen litte, auch kein geringes Strohhälmlein oder Abschnützling vom Papier, noch sonst etwas, welches das Feuer verzehren kann; dann er hubs ehe selbst auf und trugs in die Küchen, sagend: »Viel kleine Wasser geben auch einen Bach«; dann er gedachte: »Viel Zahnsticher geben auch eine Hitz.« Die Asche hub er viel säuberer auf als mancher den Safran, weil er solche zu verkaufen wußte. Einsmals brachte ihm einer von seinen Klienten einen Hasen zur Verehrung, den sahe ich in der Speiskammer hangen und gedachte, wir würden einmal Wildpret essen dörfen; aber der teutsche Knecht sagte mir, daß er uns nicht an die Zähne brennen würde, dann sein Herr hätte den Kostgängern ausgedingt, daß er so keine Schnabelweide speisen dörfte; ich sollte nur nachmittag auf den Alten Markt gehen und sehen, ob ich ihn nicht dorten zu verkaufen finden würde. Darauf schnitt ich dem Hasen ein Stücklein vom Ohr, und als wir über dem Mittagimbiß saßen und unser Kostherr nicht bei uns war, erzählete ich, daß unser Geizhals einen Hasen zu verkaufen hätte, um den ich ihn zu betrügen gedächte, wann mir einer aus ihnen folgen wollte, also daß wir nicht allein Kurzweile anrichten, sondern den Hasen selbst kriegen wollen. Jeder sagte ja, dann sie hätten unserm Wirt gern vorlängst einen Schabernack angetan, dessen er sich nicht beklagen dorfte. Also verfügten wir uns den Nachmittag an denjenigen Ort, den ich vom Knecht erlernet hatte, da unser Kostherr zu stehen pflegte, wann er so etwas zu verkaufen hingab, um aufzupassen, was der Verkäufer lösete, damit er nicht etwan um ein Fettmönchlein betrogen würde. Wir sahen ihn bei vornehmen Leuten, mit denen er diskutierte. Ich hatte einen Kerl angestellet, der gieng zu dem Hocken, der den Hasen verkaufen sollte, und sagte: »Landsmann! der Has ist mein, und ich nehme ihn als ein gestohlen Gut auf Recht hinweg; er ist mir heunt nacht von meinem Fenster hinweggefischet worden, und läßt du ihn nicht gutwillig folgen, so gehe ich auf deine Gefahr und Unrechtskosten mit dir[256] hin, wo du willt.« Der Unterkäufer antwortete, er sollte sehen, was er zu tun hätte; dort stünde ein vornehmer Herr, der ihm den Hasen zu verkaufen geben hätte, welcher ihn ohn Zweifel nicht gestohlen haben würde. Als nun diese zween so wortwechselten, bekamen sie gleich einen Umstand, so unser Geizhals stracks in acht nahm und hörete, wieviel die Glocke schlug, winkte derowegen dem Unterkäufer, daß er den Hasen folgen lassen sollte, weil er sich gewaltig schämte und den Namen nicht haben wollte, daß er Hasen zu verkaufen und doch so viel Kostgänger hätte, zumalen auch nicht wüßte, wo der Kerl den Hasen hergebracht hätte, der ihme solchen verehret hatte. Mein Kerl aber, den ich hierzu angestellet hatte, wußte dem Umstand gar artlich das Stück vom Ohr zu weisen und dasselbe in dem Ritz zu messen, daß ihm also jedermann recht gab und den Hasen zusprach. Indessen näherte ich mich auch mit meiner Gesellschaft, als ob wir ungefähr daherkämen, stund an dem Kerl, der den Hasen hatte, und fieng an mit ihm darum zu marken, und nachdem wir des Kaufs eins wurden, stellte ich den Hasen meinem Kostherrn zu mit Bitte, solchen mit sich heimzunehmen und auf unsern Tisch zurichten zu lassen, dem Kerl aber, den ich hierzu bestellet, gab ich anstatt der Bezahlung vor den Hasen ein Trinkgeld zu zwei Kannen Bier. Also mußte uns unser Geizhals den Hasen wider seinen Willen zukommen lassen und dorfte noch darzu nichts sagen, dessen wir genug zu lachen hatten; und wann ich länger in seinem Haus hätte verbleiben sollen, wollte ich ihm noch viel dergleichen Stücklein bewiesen haben.[257]

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 254-258.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch
Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch
Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch: Roman
Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch

Buchempfehlung

Aristoteles

Physik

Physik

Der Schluß vom Allgemeinen auf das Besondere, vom Prinzipiellen zum Indiviudellen ist der Kern der naturphilosophischen Lehrschrift über die Grundlagen unserer Begrifflichkeit von Raum, Zeit, Bewegung und Ursache. »Nennen doch die Kinder zunächst alle Männer Vater und alle Frauen Mutter und lernen erst später zu unterscheiden.«

158 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon