Das siebente Kapitel.

[197] Simplex, der Jäger, macht abermal Beuten

Und gelangt wieder nach Soest mit Freuden.


Wir dorften nicht rechtschaffen lachen, beides, weil wir sich stillhalten mußten und weils der Phantast nicht gern hatte, wovon Springinsfeld hätte zerbersten und zerspringen mögen. Eben damals zeigte unsere hohe Wacht an, die wir auf einem Baum hatten, daß er in der Ferne etwas kommen sehe. Ich stieg auch hinauf und sahe durch mein Perspektiv, daß es zwar die Fuhrleute sein müßten, denen wir aufpaßten; sie hatten aber niemand zu Fuß, sondern ungefähr etlich und dreißig Reuter zur Konvoi bei sich. Dahero konnte ich mir die Rechnung leicht machen, daß sie nicht oben durch den Wald, darin wir lagen, gehen, sondern sich im freien Feld behelfen würden, da wir ihnen nichts hätten abgewinnen mögen, wiewohl es daselbst einen bösen Weg hatte, der ungefähr 600 Schritte von uns und etwan 300 Schritte vom Ende des Waldes oder Berges durch die Ebne vorbeigieng. Ich wollte ungern so lang daselbst umsonst gelegen oder nur einen Narrn erbeutet haben, machte derhalben geschwind einen andern Anschlag, der mir auch wohl angienge.

Von unsrer Lägerstatt gieng eine Wasserrunze in einer Klämme hinunter (die bequem zu reiten war) gegen dem Feld warts. Deren Ausgang besatzte ich mit 20 Mann, nahm auch selbst meinen Stand bei ihnen und ließ den Springinsfeld schier an dem Ort, wo wir zuvor gelegen waren, sich in seinem Vorteil halten; befahl auch meiner Bursch, wann die Konvoi hinkomme, daß jeder seinen Mann gewiß nehmen sollte, sagte auch jedem, wer Feur geben und welcher seinen Schuß im Rohr zum Vorrat behalten sollte. Etliche alte Kerl sagten, was ich gedächte, und ob ich wohl vermeinte, daß die Konvoi an diesen Ort kommen würde, da sie nichts zu tun hätten und dahin wohl in hundert Jahren kein Baur kommen sei. Andere aber, die da glaubten,[197] ich könne zaubern (maßen ich damals deswegen in einem großen Ruf war), gedachten, ich würde den Feind in unsere Hände bannen. Aber ich brauchte hierzu keine Teufelskunst, sondern nur meinen wohlabgefeimten und durchtriebenen Springinsfeld; dann als die Konvoi, welche ziemlich Truppen hielte, recta gegen uns über vorbeipassieren wollte, fieng Springinsfeld aus meinem Befelch so schröcklich an zu brüllen wie ein Ochs und zu wiehern wie ein Pferd, daß der ganze Wald einen Widerschall davon gab und einer hoch geschworen hätte, es wären Rosse und Rinder vorhanden. Sobald die Konvoi das hörete, gedachten sie, Beuten zu ma chen und an diesem Ort etwas zu erschnappen, das doch in derselben ganzen Gegend nicht anzutreffen, weil das Land ziemlich erödet war. Sie ritten sämtlich so geschwind und unordentlich in unsern Halt, als wann ein jeder der erste hätte sein wollen, die beste Schlappe zu holen, welche es dann so dichte setzte, daß gleich im ersten Willkommen, den wir ihnen gaben, 13 Sättel geläret und sonst noch etliche aus ihnen gequetscht wurden.

Hierauf lief Springinsfeld gegen ihnen die Klämme herunter und schriee: »Jäger, hieher! hieher, Jäger!« davon die Kerl noch mehr erschreckt und so irr wurden, daß sie weder hinter sich, für sich, noch nebenaus reiten konnten, absprangen und sich zu Fuß davonmachen wollten. Aber ich bekam sie alle siebenzehen samt dem Leutenant, der sie kommandiert hatte, gefangen und gieng damit auf die Wägen los, spannete 24 Pferde aus und bekam nur etliche wenige Seidenware und holländische Tücher; dann ich dorfte nicht so viel Zeit nehmen, die Tode zu plündern, geschweige die Wägen recht zu durchsuchen, weil sich die Fuhrleute zu Pferd bald aus dem Staub gemacht, als die Aktion angieng, durch welche ich zu Dorsten hätte verraten und unterwegs wieder aufgehoben werden können. Da wir nun aufgepackt hatten, lief Jupiter auch aus dem Wald und schriee uns nach, ob ihn dann Ganymedes verlassen wollte? Ich antwortete ihm, ja, wann er den Flöhen das begehrte Privilegium nicht mitteilen wollte. »Ich wollte lieber (antwortete er wieder), daß sie miteinander im Cocytho lägen!« Ich mußte lachen, und weil ich ohndas noch läre Pferde hatte, ließ ich den Narren aufsitzen; demnach er aber nicht besser reiten konnte als eine Nuß, mußte ich ihn aufs Pferd binden lassen. Da sagte er, daß ihn unser Scharmützel an diejenige Schlacht gemahnet hätte, welche die Lapithae hiebevor mit den Centauris bei des Pirithoi Hochzeit angefangen hätten.

Wie nun alles vorüber war und wir mit unsern Gefangenen[198] davonpostierten, als ob jemand hinter uns her wäre und uns jagte, bedachte erst der gefangene Leutenant, was er vor einen groben Fehler begangen, daß er nämlich einen so schönen Trupp Reuter dem Feind so unvorsichtig in die Hände geführet und 13 so wackere Kerl auf die Fleischbank geliefert hätte, fieng derowegen an zu desperieren und kündete mir das Quartier wieder auf, das ich ihm selbsten gegeben hatte; ja er wollte mich gleichsam zwingen, ich sollte ihn totschießen lassen, dann er gedachte nicht allein, daß dieses übersehen ihm eine große Schande sein und unverantwortlich fallen, sondern auch an seiner künftigen Beförderung verhinderlich sein würde, wofern es anders nicht gar darzu käme, daß er den Schaden mit seinem Kopf bezahlen müßte. Ich aber sprach ihm zu und hielt ihm vor, daß manchem rechtschaffenem Soldaten das unbeständig Glück seine Tücke bewiesen; ich hätte aber darum noch keinen gesehen, der deswegen verzagt oder gar verzweifelt sei. Sein Beginnen sei ein Zeichen der Kleinmütigkeit; tapfere Soldaten aber gedächten, die empfangene Schäden ein andermal wieder einzubringen und wettzumachen; mich würde er nimmermehr dahin bringen, daß ich das Kartell verletze oder eine so schändliche Tat wider alle Billigkeit und löblicher Soldaten Gewohnheit und Herkommen begienge. Da er nun sahe, daß ich nicht dran wollte, fieng er an mich zu schmähen in Meinung, mich zum Zorn zu bewegen, und sagte, ich hätte nicht aufrecht und redlich mit ihm gefochten, sondern wie ein Schelm und Strauchmörder gehandelt und seinen bei sich gehabten Soldaten das Leben als ein Dieb und Erzkujon abgestohlen, worüber seine eigene Bursch, die wir gefangen hatten, mächtig erschraken, die Meinigen aber ebensosehr ergrimmten, also daß sie ihn wie ein Sieb durchlöchert hätten, wann ichs nur zugelassen, maßen ich genug abzuwehren bekam. Ich aber bewegte mich nicht einmal über seine Reden, sondern nahm beides, Freund und Feind, zum Zeugen dessen, was da geschahe, und ließ ihn, Leutenant, binden und als einen Unsinnigen verwahren; versprach auch ihn, Leutenant, sobald wir in unsern Posten kämen und es meine Offizier zulassen wollten, mit meinen eigenen Pferden und Gewehr, worunter er dann die Wahl haben sollte, auszustaffieren und ihm offentlich mit Pistolen und Degen zu weisen, daß Betrug im Krieg wider seinen Gegenteil zu üben, im Rechten erlaubt sei; warum er nicht bei seinen Wägen geblieben, darauf er bestellt gewesen, oder, da er ja hätte sehen wollen, was im Walde stecke, warum er dann zuvor nicht rechtschaffen hätte rekognoszieren lassen, welches ihm besser angestanden wäre, als daß er jetzund so unsinnige Narrenpossen[199] anfienge, daran sich doch niemand im geringsten kehren würde. Hierüber gaben mir beides, Freund und Feind, recht und sagten, sie hätten unter hundert Parteigängern nicht einen angetroffen, der auf solche Schmäheworte nicht nur den Leutenant totgeschossen, sondern auch alle Gefangene mit der Leiche geschickt hätte. Also brachte ich meine Beute und Gefangene den andern Morgen glücklich in Soest und bekam mehr Ehre und Ruhm von dieser Partei als zuvor nimmer. Jeder sagte: »Dies gibt wieder einen jungen Joh. de Werd!« welches mich trefflich kützelte; aber mit dem Leutenant Kugeln zu wechseln oder zu raufen, wollte der Kommandant durchaus nicht zugeben, dann er sagte, ich hätte ihn schon zweimal überwunden. Je mehr sich nun dergestalt mein Lob wieder vermehrte, je mehr nahm der Neid bei denen zu, die mir ohndas mein Glück nicht gönneten.

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 197-200.
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