Das dreizehnte Kapitel.

[117] Simplex erzählt viel, wers alles will wissen,

Laß es zu lesen ihm gar nicht verdrießen.


Hierauf fielen unterschiedliche Urteil über mich, die meines Herrn Tischgenossen gaben. Der Sekretarius hielt davor, ich sei vor närrisch zu halten, weil ich mich selbst vor ein unvernünftig Tier schätze und dargebe, maßen diejenige, so einen Sparren zu viel oder zu wenig hätten und sich jedoch weis zu sein dünkten, die allerartlichste oder visierlichste Narren wären. Andere sagten, wann man mir die Imagination benähme, daß ich ein Kalb sei, oder mich überreden könnte, daß ich wieder zu einem Menschen worden wäre, so würde ich vor vernünftig oder witzig genug zu halten sein. Mein Herr selbst sagte: »Ich halte ihn vor einen Narrn, weil er jedem die Wahrheit so ungescheut sagt; hingegen seind seine Diskursen so beschaffen, daß solche keinem Narrn zustehen.« Und solches alles redeten sie auf Latein, damit ichs nicht verstehen sollte. Er fragte mich, ob ich studiert hätte, als ich noch ein Mensch gewesen? »Ich wüßte nicht, was studieren sei,« war meine Antwort; »aber lieber Herr,« sagte ich weiters, »sage mir, was Studen vor Dinger sein, damit man studieret. Nennest du vielleicht die Kegel so, damit man keglet?« Hierauf antwortete der tolle Fähnrich: »Wat wolts meet deesem Kerl sin? hey hett den Tüfel in Liff, hey ist beseeten; de Tüfel, de kühret ut jehme.« Dahero nahm mein Herr Ursache, mich zu fragen, sintemal ich dann nunmehr zu einem Kalb worden wäre, ob ich noch, wie vor diesem, gleich andern Menschen zu beten pflege und in Himmel zu kommen getraue? »Freilich!« antwortete ich, »ich habe ja meine unsterbliche menschliche Seele noch, die wird ja, wie du leichtlich gedenken kannst, nicht in die Hölle begehren, vornehmlich weil mirs schon einmal so übel darin ergangen. Ich bin nur verändert, wie vor diesem Nabuchodonosor, und dörfte ich noch wohl zu einer Zeit wieder zu einem Menschen werden.« – »Das wünsche ich dir,« sagte mein Herr mit einem ziemlichen Seufzen, daraus ich leichtlich schließen konnte, daß ihn eine Reue ankommen, weil er mich zu einem Narrn zu machen unterstanden. »Aber laß hören,« fuhr er weiter fort, »wie pflegst du zu beten?«[117]

Darauf kniete ich nieder, hub Augen und Hände auf gut einsiedlerisch gen Himmel, und weilen meines Herrn Reue, die ich gemerkt hatte, mir das Herz mit trefflichem Trost berührte, konnte ich auch die Tränen nicht enthalten, bat also dem äußerlichen Ansehen nach mit höchster Andacht nach gesprochenem Vatterunser vor alles Anliegen der Christenheit, vor meine Freunde und Feinde, und daß mir Gott in dieser Zeitlichkeit nach seinem Willen also zu leben verleihen wolle, daß ich würdig werden möchte, ihn in ewiger Seligkeit zu loben; maßen mich mein Einsiedel ein solches Gebet mit andächtigen konzipierten Worten gelehret hat. Hiervon fiengen etliche weichherzige Zuseher auch beinahe an zu weinen, weil sie ein trefflich Mitleiden mit mir trugen; ja meinem Herrn selbst stunden die Augen voller Wasser, dessen er sich, wie mich deuchte, selbst schämte und dahero sich entschuldigt mit Vorwand, sein Herz im Leib möchte ihme zerspringen, wann er eine solche betrübte Gestalt sehe, die seine verlorne Schwester so natürlich vor Augen stelle.

Nach der Mahlzeit schickte mein Herr nach obgemeldtem Pfarrherrn; dem erzählte er alles, was ich vorgebracht hatte, und gab damit zu verstehen, daß er besorge, es gehe nicht recht mit mir zu, und daß vielleicht der Teufel mit unter der Decke läge, dieweil ich vor diesem ganz einfältig und unwissend mich erzeigt, nunmehr aber Sachen vorzubringen wisse, daß sich darüber zu verwundern. Der Pfarrer, dem meine Beschaffenheit am besten bekannt war, antwortete, man sollte solches bedacht haben, eh man mich zum Narrn zu machen unterstanden hätte; Menschen sein Ebenbilder Gottes, mit welchen, und bevorab mit so zarter Jugend, nicht wie mit Bestien zu scherzen sei. Doch wolle er nimmermehr glauben, daß dem bösen Geist zugelassen worden, sich mit in das Spiel zu mischen, dieweil ich mich jederzeit durch inbrünstiges Gebet Gott befohlen gehabt. Sollte ihm aber wider Verhoffen solches verhängt und zugelassen worden sein, so hätte man es bei Gott schwerlich zu verantworten, maßen ohnedas beinahe keine größere Sünde sei, als wann ein Mensch den andern seiner Vernunft berauben und also dem Lob und Dienst Gottes, darzu er vornehmlich erschaffen worden, entziehen wollte. »Ich habe hiebevor Versicherung getan, daß er Witz genug gehabt; daß er sich aber in die Welt nicht schicken können, war die Ursache, daß er bei seinem Vatter, einem groben Baur, und bei euerm Schwager in der Wildnüs in aller Einfalt erzogen worden. Hätte man sich anfänglich ein wenig mit ihm geduldet, so würde er sich mit der Zeit schon besser angelassen haben; es war eben ein fromm einfältig Kind, das die[118] boshaftige Welt noch nicht kannte. Doch zweifle ich gar nicht, daß er nicht wiederum zurechtzubringen sei, wann man ihm nur die Einbildung benehmen kann und ihn dahin bringet, daß er nicht mehr glaubet, er sei zum Kalb worden. Man lieset von einem, der hat festiglich geglaubt, er sei zu einem irdinen Krug worden, bat dahero die Seinige, sie sollten ihn wohl in die Höhe stellen, damit er nicht zerstoßen würde. Ein anderer bildete sich nicht anders ein, als er sei ein Hahn; dieser krähete in seiner Krankheit Tag und Nacht. Noch ein anderer vermeinte nicht anders, als er sei bereits gestorben und wandere als ein Geist herum, wollte derowegen weder Arznei noch Speise und Trank mehr zu sich nehmen, bis endlich ein kluger Arzt zween Kerl anstellete, die sich auch vor Geister ausgaben, darneben aber tapfer zechten, sich zu jenem geselleten und ihn überredeten, daß jetziger Zeit die Geister auch zu essen und zu trinken pflegen, wodurch er dann wieder zurechtgebracht worden. Ich habe selbsten einen kranken Baur in meiner Pfarr gehabt; als ich denselben besuchte, klagte er mir, daß er auf drei oder vier Ohm Wasser im Leib hätte; wann solches von ihm wäre, so getraute er wohl, wieder gesund zu werden, mit Bitte, ich wollte ihn entweder aufschneiden lassen, damit solches von ihm laufen könnte, oder ihn in Rauch hängen lassen, damit dasselbe auströckne. Darauf sprach ich ihm zu und überredete ihn, ich könnte das Wasser auf eine andre Manier wohl von ihm bringen, nahm demnach einen Hahn, wie man zu den Wein- oder Bierfässern brauchet, band einen Darm daran, und das andere Ende band ich an den Zapfen eines Bauchzubers, den ich zu solchem Ende voll Wasser tragen lassen, stellete mich darauf, als wann ich ihm den Hahn in Bauch steckte, welchen er überall mit Lumpen umwinden lassen, damit er nicht zerspringen sollte. Hierauf ließ ich das Wasser aus dem Zuber durch den Hahn hinweglaufen, darüber sich der Tropf herzlich erfreuete, nach solcher Verrichtung die Lumpen von sich tät und in wenig Tagen wieder allerdings zurechtkam. Auf solche Weise ist einem andern geholfen worden, der sich eingebildet, er habe allerhand Pferdgezeug, Zäume und sonst Sachen im Leib; demselben gab sein Doktor eine Purgation ein und legte dergleichen Dinge untern Nachtstuhl, also daß der Kerl glauben mußte, solches sei durch den Stuhlgang von ihm kommen. So saget man auch von einem Phantasten, der geglaubt habe, seine Nase sei so lang, daß sie ihm bis auf den Boden reiche; dem habe man eine Wurst an die Nase gehängt, dieselbe nach und nach bis an die Nase selbst hinweggeschnitten, und als er das Messer an der Nase empfunden, hätte er geschrieen,[119] seine Nase sei jetzt wieder in rechter Form; kann also, wie diesen Personen, dem guten Simplicio wohl auch wieder geholfen werden.«

»Dieses alles glaubte ich wohl,« antwortete mein Herr, »allein liegt mir an, daß er zuvor so unwissend gewesen, nunmehr aber von Sachen zu sagen weiß, solche auch so perfekt dahererzählet, dergleichen man bei älteren, erfahrnen und belesneren Leuten, als er ist, nicht leichtlich finden wird. Er hat mir viel Eigenschaften der Tiere erzählet und meine eigene Person so artlich beschrieben, als wann er sein Lebtag in der Welt gewesen, also daß ich mich darüber verwundern und seine Reden beinahe vor ein Orakul oder Warnung Gottes halten muß.«

»Herr!« antwortete der Pfarrer, »dieses kann natürlicherweise wohl sein. Ich weiß, daß er wohl belesen ist, maßen er sowohl als sein Einsiedel gleichsam alle meine Bücher, die ich gehabt, und deren zwar nicht wenig gewesen, durchgangen, und weil der Knabe ein gut Gedächtnüs hat, jetzo aber in seinem Gemüt müßig ist und seiner eigenen Person vergißt, kann er gleich hervorbringen, was er hiebevor ins Hirn gefaßt. Ich versehe mich auch, daß er mit der Zeit wieder zurechtzubringen sei.« Also satzte der Pfarrer den Gubernator zwischen Forcht und Hoffnung; er verantwortete mich und meine Sache auf das beste und brachte mir gute Tage, ihm selbst aber einen Zutritt bei meinem Herrn zuwege. Ihr endlicher Schluß war, man sollte noch eine Zeitlang mit mir zusehen; und solches tät der Pfarrer mehr um seines als meines Nutzens wegen; dann mit diesem, daß er so ab- und zugieng und sich stellete, als wann er meinethalben sich bemühe und große Sorge trage, überkam er des Gubernators Gunst; dahero gab ihm derselbige Dienste und machte ihn bei der Garnison zum Kaplan, welches in so schwerer Zeit kein Geringes war und ich ihm herzlich wohl gönnete.

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 117-120.
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