Das fünfzehnte Kapitel.

[122] Simplex muß bei den kroatischen Scharen

Unfalls und Übels genugsam erfahren.


Ob zwar nun die Hanauer gleich Lärmen hatten, sich zu Pferd herausließen und die Kroaten mit einem Scharmützel etwas aufhielten und bekümmerten, so mochten sie ihnen jedoch nichts abgewinnen; dann diese leichte Ware gieng sehr vorteilhaftig durch und nahm ihren Weg auf Büdingen zu, allwo sie fütterten und den Bürgern daselbst die gefangene hanauische reiche Söhnlein wieder zu lösen gaben, auch ihre gestohlene Pferde und andere Ware verkauften. Von dannen brachen sie wieder auf, schier[122] eh es recht Nacht, geschweige wieder Tag worden, giengen schnell durch den Büdinger Wald dem Stift Fulda zu und nahmen unterwegs mit, was sie fortbringen konnten. Das Rauben und Plündern hinderte sie an ihrem schleunigen Fortzug im geringsten nichts; dann sie konntens machen wie der Teufel, von welchem man zu sagen pflegt, daß er zugleich laufe und (s.v.) hofiere und doch nichts am Wege versaume; maßen wir noch denselben Abend im Stift Hirschfeld, allwo sie ihr Quartier hatten, mit einer großen Beute ankamen: das ward alles partiert, ich aber ward dem Obristen Corpes zuteil.

Bei diesem Herrn kam mir alles widerwärtig und fast spanisch vor: Die hanauische Schleckerbißlein hatten sich in schwarzes grobes Brot und mager Rindfleisch, oder, wanns wohl abgieng, in ein Stuck gestohlnen Speck verändert. Wein und Bier war mir zu Wasser worden, und ich mußte anstatt des Bettes bei den Pferden in der Streu vorliebnehmen. Vor das Lautenschlagen, das sonst jedermann belustiget, mußte ich zuzeiten gleich andern Jungen untern Tisch kriechen, wie ein Hund heulen und mich mit Sporen stechen lassen, welches mir ein schlechter Spaß war. Vor das hanauische Spazierengehen dorfte ich mit auf Furage reiten, Pferde striegeln und denselben ausmisten. Das Furagiern aber ist nichts anders, als daß man mit großer Mühe und Arbeit, auch oft nicht ohn Leib- und Lebensgefahr, hinaus auf die Dörfer schwaifet, drischt, mahlt, backt, stiehlt und nimmt, was man findet, drillt und verderbt die Bauern, ja schändet wohl gar ihre Mägde, Weiber und Töchter, zu welcher Arbeit ich aber noch zu jung war. Und wann den armen Bauren das Ding nicht gefallen will oder sie sich etwan erkühnen dörfen, einen oder den andern Furagierer über solcher Arbeit auf die Finger zu klopfen, wie es dann damals dergleichen Gäste in Hessen viel gab, so hauet man sie nieder, wann man sie hat, oder schicket aufs wenigste ihre Häuser im Rauch gen Himmel. Mein Herr hatte kein Weib (wie dann diese Art Krieger keine Weiber mitzuführen pflegen, weil die nächste die beste deren Stell vertretten müssen), keinen Page, keinen Kammerdiener, keinen Koch, hingegen aber einen Haufen Reutknechte und Jungen, welche ihm und den Pferden zugleich abwarteten, und schämte er sich selbst nicht, ein Roß zu satteln oder demselben Futter fürzuschütten. Er schlief allezeit auf Stroh oder auf der bloßen Erde und bedeckte sich mit seinem Pelzrock; daher sahe man oft die Müllerflöhe auf seinen Kleidern herumwandern, deren er sich im geringsten nicht schämete, sondern noch darzu lachte, wann ihm jemand eine herablas. Er trug kurze[123] Haupthaar und einen breiten Schweizerbart, welches ihm wohl zustatten kam, weil er sich selbst in Baurenkleider zu verstellen und darin auf Kundschaft auszugehen pflegte. Wiewohl er nun, wie gehöret, keine Grandezza speisete, so ward er jedoch von den Seinen und andern, die ihn kannten, geehrt, geliebt und geförchtet. Wir waren niemals ruhig, sondern bald hier, bald dort; bald fielen wir ein, und bald wurd uns eingefallen; so gar war keine Ruhe da, der Hessen Macht zu ringern; hingegen feirete uns Melander auch nicht, als welcher uns manchen Reuter abjagte und nach Kassel schickte.

Dieses unruhige Leben schmeckte mir ganz nicht, dahero wünschte ich mich oft vergeblich wieder nach Hanau. Mein größtes Kreuz war, daß ich mit den Burschen nicht recht reden konnte und mich gleichsam von jedwederm hin und wieder stoßen, plagen, schlagen und jagen lassen mußte. Die größte Kurzweile, die mein Obrister mit mir hatte, war, daß ich ihm auf teutsch singen und wie andere Reuterjungen aufblasen mußte, so zwar selten geschahe; doch kriegte ich alsdann solche dichte Ohrfeigen, daß der rote Saft hernach gieng und ich lang genug daran hatte. Zuletzt fieng ich an, mich des Kochens zu unterwinden und meinem Herrn das Gewehr, darauf er viel hielt, sauber zu halten, weil ich ohn das auf Furage zu reiten noch nichts nutz war. Das schlug mir so trefflich zu, daß ich endlich meines Herrn Gunst erwarb, maßen er mir wieder aus Kalbfellen ein neu Narrenkleid machen lassen mit viel größern Eselsohren, als ich zuvor getragen; und weil meines Herrn Mund nicht ekelicht war, bedorfte ich zu meiner Kochkunst desto weniger Geschicklichkeit. Demnach mirs aber zum öftern an Salz, Schmalz und Gewürz mangelte, ward ich meines Handwerks auch müde, trachtete derowegen Tag und Nacht, wie ich mit guter Manier ausreißen möchte, vornehmlich weil ich den Frühling wieder erlanget hatte. Als ich nun solches ins Werk setzen wollte, nahm ich mich an, die Schaf- und Kühkutteln, deren es voll um unser Quartier lag, fern hinwegzuschleifen, damit solche keinen so üblen Geruch mehr machten: solches ließ ihm der Oberste gefallen. Als ich nun damit umgieng, blieb ich, da es dunkel ward, zuletzt gar aus und entwischt in den nächsten Wald.[124]

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 122-125.
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