Das dreißigste Kapitel.

[166] Simplex heißt Jäger und wird ein Soldat,

Weist, was zu merken ein solcher wohl hat.


Weil dem Kommandanten in Soest ein Kerl im Stall mangelte, wie ich ihn einer zu sein gedünkte, sahe er nicht gern, daß ich ein Soldat worden war, sondern unterstund sich, mich noch zu bekommen, maßen er meine Jugend vorwandte und mich vor keinen Mann passieren lassen wollte. Und als er solches meinem Herrn vorhielt, schickte er auch nach mir und sagte: »Hör, Jägerchen, du sollt mein Diener werden.« Ich fragte, was dann meine Verrichtungen sein sollten? Er antwortete: »Du sollst meiner Pferde helfen warten.« – »Herr,« sagte ich, »wir sind nicht voreinander; ich hätte lieber einen Herrn, in dessen Diensten die Pferde auf mich warten; weil ich aber keinen solchen werde haben können, will ich ein Soldat bleiben.« Er sagte: »Dein Bart ist noch viel zu klein.« – »O nein!« sagte ich, »ich getraue einen Mann zu bestehen,[166] der achtzig Jahr alt ist; der Bart schlägt keinen Mann, sonst würden die Böcke hoch ästimieret werden.« Er sagte: »Wann die Courage so gut ist als das Maulleder, so will ich dich noch passieren lassen.« Ich antwortete: »Das kann in der nächsten Okkasion probiert werden«, und gab damit zu verstehen, daß ich mich vor keinen Stallknecht wollte gebrauchen lassen. Also ließ er mich bleiben, der ich war, und sagte, das Werk würde den Meister loben und in kurzem zu verstehen geben, ob ich dasjenige leisten werde, was ich mir einbilde.

Hierauf wischte ich hinter meines Dragoners alte Hosen her, und nachdem ich dieselbe anatomiert hatte, schaffte ich mir aus deren Eingeweid noch ein gut Soldatenpferd und das beste Gewehr, so ich kriegen konnte: das mußte mir alles glänzen wie ein Spiegel. Ich ließ mich wieder von neuem grün kleiden, weil mir der Name Jäger sehr beliebte; mein altes Kleid aber gab ich meinem Jungen, weil mirs zu klein worden. Also ritt ich selbander daher wie ein junger Edelmann und dünkte mich fürwahr keine Sau zu sein. Ich war so kühn, meinen Hut mit einem tollen Federbusch zu zieren wie ein Offizier; dahero bekam ich bald Neider und Mißgönner; zwischen denselben und mir satzte es ziemlich empfindliche Worte und endlich gar Ohrfeigen. Ich hatte aber kaum einem oder dreien gewiesen, was ich im Paradeis vom Kürschner gelernet hatte und daß ich Stöße auszuteilen gewohnt, wie man mir sie darzählte, da ließ mich nicht allein jedermann zufrieden, sondern es suchte auch ein jeglicher meine Freundschaft. Darneben ließ ich mich beides, zu Roß und Fuß, aufs Parteigehen gebrauchen, dann ich war wohlberitten und schneller auf den Füßen als einer meinesgleichen; und wann es etwas mit dem Feind zu tun gab, warf ich mich herfür wie das Böse in einer Wanne und wollte allzeit vorndran sein. Davon ward ich in kurzer Zeit bei Freunden und Feinden bekannt und so berühmt, daß beide Teile viel von mir hielten, allermaßen mir die gefährlichste Anschläge zu verrichten und zu solchem Ende ganze Parteien zu kommandieren anvertraut wurden. Da fieng ich an zuzugreifen wie ein Böhme, und wann ich etwas Namhaftes erschnappte, gab ich meinen Offizierern so reich Part davon, daß ich selbig Handwerk auch an verbotenen Orten treiben dorfte, weil mir überall durchgeholfen ward. Der General Graf von Götz hatte in Westfalen drei feindliche Garnisonen übriggelassen, nämlich zu Dorsten, Lippstadt und Koesfeld; denen war ich gewaltig molest, dann ich lag ihnen mit geringen Parteien bald hier, bald dort schier täglich vor den Toren und erhaschte manche[167] gute Beute; und weil ich überall glücklich durchkam, hielten die Leute von mir, ich könnte mich unsichtbar machen und wäre so fest wie Eisen und Stahl. Davon ward ich geförchtet wie die Pestilenz, und schämten sich 30 Mann vom Gegenteil nicht, vor mir durchzugehen, wann sie mich nur mit 15 in der Nähe wußten. Zuletzt kam es dahin, wo nur ein Ort in Kontribution zu setzen oder sonst mit Gefahr bei den saumseligen Kontribuenten militarisch zu exequieren war, daß ich solches alles verrichten mußte. Davon ward mein Beutel so groß als mein Name; meine Offizierer und Kameraden liebten ihren Jäger; die vornehmste Parteigänger vom Gegenteil entsatzten sich, und den Landmann hielt ich durch Forcht und Liebe auf meiner Seiten; dann ich wußte meine Widerwärtige zu strafen und die, so mir nur den geringsten Dienst täten, reichlich zu belohnen, allermaßen ich beinahe die Hälfte meiner Beuten wieder verspendierte und auf Kundschaften auslegte. Solcher Ursachen halber gieng keine Partei, keine Konvoi, noch keine Reis aus des Gegenteils Posten, deren Ausfahrt mir nicht zu wissen getan ward; alsdann konjekturierte ich ihr Vorhaben und machte meine Anschläge darauf, und weil ich solche mehrenteils durch Beistand des Glücks wohl ins Werk satzte, verwunderte sich jedweder über meine Jugend so gar, daß mich auch viel Offizierer und wackerer Soldaten vom Gegenteil nur zu sehen wünscheten. Darneben erzeigte ich mich gegen meine Gefangenen überaus diskret, also daß sie mich oft mehr kosteten, als meine Beuten wert waren; und wann ich einem vom Gegenteil, sonderlich den Offizierern, obschon ich sie nicht kannte, ohn Verletzung meiner Pflicht und Herrendienste eine Courtoisie tun konnte, unterließ ichs nicht.

Durch solch mein Verhalten wäre ich zeitlich zu Offizien befördert worden, wann meine Jugend es nicht verhindert hätte; dann welcher in solchem Alter, als ich trug, ein Fähnlein haben wollte, mußte ein guter von Adel sein; zudem konnte mich mein Hauptmann nicht befördern, weil keine ledige Stellen bei seiner Kompagnie waren, und keinem andern mochte er mich gönnen, weil er an mir mehr als eine melkende Kuhe verloren hätte; doch ward ich ein Gefreiter. Diese Ehre, daß ich alten Soldaten vorzogen ward, wiewohl es eine geringe Sache war, und das Lob, das man mir täglich verliehe, waren gleichsam wie Sporn, die mich zu höhern Dingen antrieben. Ich spekulierte Tag und Nacht, wie ich etwas anstellen möchte, mich noch größer, namhaftiger und verwunderlicher zu machen; ja ich konnte vor solchem närrischen Nachsinnen oft nicht schlafen. Und weil ich sahe, daß es mir an Gelegenheit manglete, im Werk zu erweisen,[168] was ich vor einen Mut trüge, bekümmerte ich mich, daß ich nicht täglich Gelegenheit haben sollte, mich mit dem Gegenteil in Waffen zu üben. Ich wünschte mir oft den Trojanischen Krieg oder eine Belägerung wie zu Ostende, und ich Narr gedachte nicht, daß der Krug so lang zum Brunnen gehet, bis er einmal zerbricht. Es gehet aber nicht anders, wann ein junger, unbesonnener Soldat Geld, Glück und Courage hat; dann da folget Übermut und Hoffart, und aus solcher Hoffart hielt ich anstatt eines Jungen zween Knechte, die ich trefflich herausstaffierte und beritten machte, womit ich mir aller Offizierer Neid aufbürdete, als welche mir mißgönneten, was sie selbst zu erobern das Herz nicht hatten.

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 166-169.
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