Das fünfzehnte Kapitel.

[130] Simplex sich selbst mit dem König besprachet,

Welcher von sehr vielen Dingen ihn fraget.


Dies war das Ende unsers Gesprächs, weil wir uns dem Sitz des Königs näherten, vor welchen ich ohn Zeremonien oder Verlust einziger Zeit hingebracht ward. Da hatte ich nun wohl Ursache, mich über Seine Majestät zu verwundern, da ich doch weder eine wohlbestellte Hofhaltung noch einziges Gepräng, ja aufs wenigste keinen Kanzler oder geheime Räte, noch einzigen Dolmetschen oder Trabanten und Leibguardi, ja sogar keinen Schalksnarrn, noch Koch, Keller, Page, noch einzigen Favoriten oder Tellerlecker nicht sahe; sondern rings um ihn her schwebten die Fürsten über alle Seen, die sich in der ganzen Welt befinden, ein jedweder in derjenigen Landesart aufziehend,[130] in welches sich ihr unterhabender See von dem Centro terrae aus erstreckte. Dannenhero sahe ich zugleich die Ebenbilder der Chineser und Afrikaner, Troglodyten und Novazembler, Tartarn und Mexikaner, Samogeden und Moluccenser, ja auch von denen, so unter den Po1is arctico und antarctico wohnen, das wohl ein seltsames Spektakul war. Die zween, so über den Wilden und Schwarzen See die Inspektion trugen, waren allerdings bekleidet wie der, so mich convoyrt, weil ihre See zunächst am Mummelsee gelegen; zog also derjenige, so über den Pilatussee die Obsicht trug, mit einem breiten ehrbaren Bart und einem Paar Ploderhosen auf, wie ein reputierlicher Schweizer, und derjenige, so über den obgemeldten See Camarina die Aufsicht hatte, sahe beides, mit Kleidern und Gebärden, einem Sicilianer so ähnlich, daß einer tausend Eid geschworen hätte, er wäre noch niemaln aus Sicilia kommen und könnte kein teutsches Wort. Also sahe ich auch wie in einem Trachtenbuch die Gestalten der Perser, Japonier, Moskowitter, Finnen, Lappen und aller andern Nationen in der ganzen Welt.

Ich bedorfte nicht viel Komplimenten zu machen; dann der König fieng selbst an, sein gut und herrlich Teutsch mit mir zu reden, indem sein erstes Wort war, daß er fragte: »Aus was Ursache hast du dich unterfangen, uns gleichsam ganz mutwilligerweise so einen Haufen Steine zuzuschicken?« Ich antwortete kurz: »Weil bei uns einem jeden erlaubt ist, an einer verschlossenen Türe anzuklopfen.« Darauf sagte er: »Wie, wann du aber den Lohn deiner fürwitzigen Importunität empfiengest?« Ich antwortete: »Ich kann mit keiner größern Strafe beleget werden, als daß ich sterbe; sintemal ich aber seithero so viel Wunder erfahren und gesehen, die unter so viel Millionen Men schen keiner das Glück nicht hat, würde mir mein Sterben ein geringes und mein Tod vor gar keine Strafe zu rechnen oder aufzunehmen sein.« – »Ach elende Blindheit!« sagte hierauf der König und hub damit die Augen auf gleichwie einer, der aus Verwunderung gen Himmel schauet, ferner sagende: »Ihr Menschen könnt nur einmal sterben, und ihr Christen solltet den Tod nicht eher getrost zu überstehen wissen, ihr wäret dann vermittelst euers Glaubens und Liebe gegen Gott durch eine unzweifelhafte Hoffnung versichert, daß euere Seelen das Angesicht des Höchsten eigentlich anschauen würden, sobald der sterbende Leib die Augen zutäte. Aber ich habe vor dieses Mal weit anders mit dir zu reden.«

Darauf sagte er: »Es ist mir referiert worden, daß sich die irdische Menschen, und sonderlich ihr Christen, des Jüngsten[131] Tags ehistes versehen, weilen nicht allein alle Weissagung, sonderlich was die Sybillen hinterlassen, erfüllet, sondern auch alles, was auf Erden lebet, den Lastern so schröcklich ergeben sei, also daß der allmächtige Gott nicht länger verziehen werde, der Welt ihr Endschaft zu geben. Weilen dann nun unser Geschlecht mitsamt der Welt untergehen und im Feuer, wiewohl wir des Wassers gewohnt sein, verderben muß, als entsetzen wir sich nicht wenig wegen Zunahung solcher erschröcklichen Zeit, haben dich derowegen zu uns holen lassen, um zu vernehmen, was etwan deswegen vor Sorge oder Hoffnung zu machen sein möchte. Wir zwar können aus dem Gestirn noch nichts dergleichen abnehmen, auch nichts an der Erdkugel vermerken, daß eine so nahe Veränderung obhanden sei, müssen sich derowegen von denen benachrichtigen lassen, welchen hiebevor ihr Heiland selbsten etliche Wahrzeichen seiner Zukunft hinterlassen, ersuchen dich derowegen ganz holdselig, du wollest uns bekennen, ob derjenige Glaube noch auf Erden sei oder nicht, welchen der zukünftige Richter bei seiner Ankunft schwerlich mehr finden wird?« Ich antwortete dem König, er hätte mich Sachen gefraget, die mir zu beantworten viel zu hoch sein, zumaln Künftigs zu wissen, und sonderlich die Ankunft des Herrn, allein Gott bekannt. »Nun wohlan dann,« antwortete der König hinwiederum, »so sage mir dann, wie sich die Stände der Welt in ihrem Beruf halten, damit ich daraus entweder der Welt und unsers Geschlechtes Untergang oder gleich meinen Worten mir und den Meinigen ein langes Leben und glückselige Regierung konjekturieren könne. Hingegen will ich dich sehen lassen, was noch wenig zu sehen bekommen, und hernach mit einer solchen Verehrung abfertigen, deren du dich dein Lebtag wirst zu erfreuen haben, wann du mir nur die Wahrheit bekennest.« Als ich nun hierauf stillschwieg und mich bedachte, fuhr der König ferner fort und sagte: »Nun dran, dran! fang am Höchsten an und beschließ es am Niedersten; es muß doch sein, wann du anders wieder auf den Erdboden willst.«

Ich antwortete: »Wann es dann nicht anders sein kann [und] ich an dem Höchsten ansahen soll, so mache ich billig den Anfang an den Geistlichen. Dieselbe nun seind gemeiniglich alle, sie sein auch gleich was vor Religion sie immer wollen, wie sie Eusebius in einer Sermon beschrieben, nämlich: ›rechtschaffene Verächter der Ruhe, Vermeider der Wollüste, in ihrem Beruf begierig zur Arbeit, gedultig in Verachtung, ungedultig zur Ehre, arm an Hab und Geld, reich am Gewissen, demütig gegen ihren Verdiensten und hochmütig gegen den Lastern‹; und[132] gleichwie sie sich allein befleißen, Gott zu dienen und auch andere Menschen mehr durch ihr Exempel als ihre Worte zum Reich Gottes zu bringen; also haben die weltliche hohe Häupter und Vorsteher allein ihr Absehen auf die liebe Justitiam, welche sie dann ohn Ansehen der Person, einem jedwedern, Armen und Reichen, durch die Bank hinaus schnurgerad erteilen und widerfahren lassen. Die Theologi sind gleichsam lauter Hieronymi und Bedä, die Kardinäle eitel Borromäi, die Bischöfe Augustini, die Äbte andere Hylariones und Pachomi, und die übrige Religiosen miteinander wie die Kongregation der Eremiten in der thebanischen Wildnüs. Die Kaufleute handeln nicht aus Geiz oder um Gewinns willen, sondern damit sie ihren Nebenmenschen mit ihrer Ware, die sie zu solchem Ende mit großer Mühe und Gefahr aus fernen Landen herbringen, bedient sein können. Die Wirte treiben nicht deswegen ihre Wirtschaften, reich zu werden, sondern damit sich der Hungerige, Durstige und Reisende bei ihnen erquicken und sie die Bewirtung als ein Werk der Barmherzigkeit an den müden und kraftlosen Menschen üben können. Also suchet der Medikus nicht seinen Nutz, sondern die Gesundheit seines Patienten, wohin dann auch die Apotheker zielen. Die Handwerker wissen von keinen Vörteln, Lügen und Betrug, sondern befleißigen sich, ihre Kunden mit daurhafter und rechtschaffener Arbeit am besten zu versehen. Den Schneidern tut nichts Gestohlenes im Aug wehe, und die Weber bleiben aus Redlichkeit so arm, daß sich auch keine Mäus bei ihnen ernähren können, denen sie etwan ein Knäul Garn nachwerfen müßten. Man weiß von keinem Wucher, sondern der Wohlhäbige hilft dem Dürftigen aus christlicher Liebe ganz ungebeten. Und wann ein Armer nicht zu bezahlen hat ohn merklichen Schaden und Abgang seiner Nahrung, so schenkt ihm der Reiche die Schuld von freien Stücken. Man spüret keine Hoffart, dann jeder weiß und bedenkt, daß er sterblich ist. Man merket keinen Neid, dann es weiß und erkennet je einer den andern vor ein Ebenbild Gottes, das von seinem Schöpfer geliebet wird. Keiner erzörnt sich über den andern, weil sie wissen, daß Christus vor alle gelitten und gestorben. Man höret von keiner Unkeuschheit oder unordentlichen fleischlichen Begierden, sondern was so vorgehet, das geschiehet aus Begierde und Liebe zur Kinderzucht, damit das Reich Gottes gemehret werde. Da findet man keine Trunkenbolde oder Vollsäufer, sondern wann einer den andern mit einem Trunk ehret, so lassen sich beide nur mit einem christlichen Räuschlein benügen. Da ist keine Trägheit im Gottesdienst, dann ein jeder erzeiget einen emsigen Fleiß und Eifer, wie er vor allen andern[133] Gott rechtschaffen dienen möge; und eben deswegen sind jetzund so schwere Kriege auf Erden, weil je ein Teil vermeinet, das andere diene Gott nicht recht. Es gibet keine Geizige mehr, sondern Gesparsame, keine Verschwender, sondern Freigebige, keine Kriegsgurgeln, so die Leute berauben und verderben, sondern Soldaten, die das Vatterland beschirmen, keine mutwillige faule Bettler, sondern Verächter der Reichtümer und Liebhaber der freiwilligen Armut, keine Korn- und Weinjuden, sondern vorsichtige Leute, die den überflüssigen Vorrat auf den besorgenden künftigen Notfall vor das Volk aufheben und sein zusammen halten.«

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 130-134.
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