Das sechzehnte Kapitel.

[134] Simplex ins Mare del Zur wird geführet,

Da er sehr seltsame Sachen verspüret.


Ich pausierte ein wenig und bedachte mich, was ich noch ferners vorbringen wollte; aber der König sagte, er hätte bereits so viel gehöret, daß er nicht mehrers zu wissen vonnöten oder aufs wenigste zu wissen begehre. Wann ich wollte, so sollten mich die Seinige gleich wieder an den Ort bringen, wo sie mich genommen; wollte ich aber (»Dann ich sehe wohl,« sagte er, »daß du ziemlich kurios bist«) in seinem Reich eins und anders beschauen, das meinesgleichen ohn Zweifel seltsam sein würde, so sollte ich in seiner Jurisdiktion sicher hinbegleitet werden, wohin ich nur wollte; und alsdann so wollte er mich mit einer Verehrung abfertigen, daß ich damit zufrieden sein könnte. Da ich mich aber nichts entschließen und ihm nicht antworten konnte, wandte er sich zu etlichen, die eben in den Abgrund des Mare del Zur sich begeben und dorten beides, wie aus einem Garten und wie von einer Jagd, Nahrung holen sollten; zu denen sagte er: »Nehmet ihn mit und bringet ihn bald wieder her, damit er noch heut wieder auf den Erdboden gestellet werde!« Zu mir aber sagte er, ich könnte mich indessen auf etwas besinnen, das in seiner Macht stünde, um solches mir zum Rekompens und einer ewigen Gedächtnüs mit auf den Erdboden zu geben. Also wischte ich mit den Sylphis davon durch ein Loch, welches etliche hundert Meilen lang war, eh wir auf den Grund des obgedachten friedsamen Meers kamen. Darauf stunden Korallenzinken, so groß als die Eichbäume, von welchen sie zur Speise mit sich nahmen, was noch nicht erhartet und gefärbet war; dann sie pflegen sie zu essen, wie wir die junge Hirschgeweihe. Da sähe man Schneckenhäuslein,[134] so hoch als ein ziemlich Rondell und so breit als ein Scheuertor; item, Perlen, so dick als Fäuste, welche sie anstatt der Eier aßen, und andere viel seltsamere Meerwunder, die ich nicht alle erzählen kann; der Boden lag überall mit Smaragden, Türkis, Rubinen, Diamanten, Saphiren und andern dergleichen herrlichen, von den Menschen hochgeschätzten Steinen überstreuet, gemeiniglich in der Größe wie bei uns Wackensteine, so hin und wieder in den fließenden Bächen liegen. Da sahe man hier und dort gewaltige Schröffen viel Meilwegs hoch in die Höhe ragen, welche vor das Wasser hinausgiengen und lustige Insulen trugen. Diese waren rundherum mit allerhand lustigen und wunderbarlichen Meergewächsen gezieret und von mancherlei seltsamen kriechenden, stehenden und gehenden Kreaturen bewohnet, gleichsam als wie der Erdboden mit Men schen und Tieren; die Fische aber, deren wir groß und klein und von unzahlbarer Art eine große Menge hin und wieder über uns im Wasser herumvagieren sahen, ermahneten mich allerdings an so vielerlei Vögel, die sich Frühlingszeit und im Herbst bei uns in der Luft erlustieren; und weil es eben Vollmond und eine helle Zeit war (dann die Sonne war damals über unserm Horizont, also daß ich damals mit unsern Antipodibus Nacht, die Europäer aber Tag hatten), konnte ich durch das Wasser hinauf den Mond und das Gestirn samt dem Polo antarctico sehen, dessen ich mich wohl verwundern mußte. Aber der, dem ich in seine Obhut befohlen war, sagte mir, wann wir sowohl den Tag hätten als die Nacht, so würde mir alles noch verwunderlicher vorkommen, dann man könnte alsdann von weitem sehen, wie es sowohl im Abgrund des Meers als auf dem Land schöne Berge und Täler abgebe, welches schöner schiene als die schönste Landschaften auf dem Erdboden. Als er auch sahe, daß ich mich über ihn und alle die, so mit ihm waren, verwunderte, daß sie als Peruaner, Brasilianer, Mexikaner, Japaner, Indosianer und Insulaner de los latronos aufgezogen und dannoch so gut Teutsch redeten; da sagte er, daß sie nicht mehr als eine Sprache könnten, die aber alle Völker auf dem ganzen Umkreis der Erden in ihrer Sprache verstünden, und sie hingegen dieselbe hinwiederum, welches daher komme, dieweil ihr Geschlecht mit der Torheit, so bei dem babylonischen Turn vorgangen, nichts zu schaffen hätte.

Als sich nun meine Convoy genugsam proviantiert hatte, kehreten wir wiederum durch eine andere Höhle aus dem Meer in das Centrum terrae. Unterwegs erzählete ich ihrer etlichen, daß ich vermeint hätte, das Zentrum der Erden wäre inwendig[135] hohl, in welchem hohlen Teil die Pigmaei wie in einem Kranrad herumliefen und also die ganze Erdkugel herumtrilleten, damit sie überall von der Sonne, welche nach Aristarchi und Copernici Meinung mitten am Himmel unbeweglich stillstünde, beschienen würde; welcher Einfalt wegen ich schrecklich ausgelachet ward mit Bericht, ich sollte sowohl deren obigen beiden Gelehrten Meinung als meine gehabte Einbildung mir einen eitelen Traum sein lassen. Ich sollte mich, sagten sie, anstatt dieser Gedanken besinnen, was ich von ihrem König vor eine Gabe begehren wollte, damit ich nicht mit leerer Hand wiederum auf den Erdboden dürfte. Ich antwortete, die vielfältigen Wunder, die ich seithero gesehen, hätten mich so gar aus mir selbst gebracht, daß ich mich auf nichts bedenken könnte, mit Bitte, sie wollten mir doch raten, was ich von dem König begehren sollte. Meine Meinung wäre, sintemal er alle Brunnenquellen in der Welt zu dirigieren hätte, von ihm einen Gesundbrunn auf meinen Hof zu begehren, wie derjenige wäre, der neulich von sich selbst in Teutschland entsprungen, der gleichwohl doch nur Süßwasser führe. Der Fürst oder Regent über das stille Meer und dessen Hülen antwortete, solches würde in seines Königs Macht nicht stehen; und wanngleich es bei ihm stünde und er mir gern gratifizieren wollte, so hätten jedoch dergleichen Heilbrunnen in die Länge keinen Bestand, etc. Ich bat ihn, er wollte mir doch unbeschwert die Ursache erzählen. Da antwortete er: »Es befinden sich hin und wieder in der Erden leere Stätte, die sich nach und nach mit allerhand Metallen ausfüllen, weil sie daselbst aus einer exhalatione humida, viscosa et crassa generieret werden; indem nun solche Generation geschiehet, schläget sich zuzeiten durch die Spälte der Marchasitae aureae vel argenteae aus dem Centro, davon alle Quellen getrieben werden, Wasser darzu, welches dann um und zwischen den Metallis viel hundert Jahr sich enthält und der Metallen edle Art und heilsame Eigenschaften an sich nimmt. Wann sich dann das Wasser aus dem Centro je länger je mehr vermehret und durch seinen starken Trieb einen Auslauf auf dem Erdboden suchet und findet, so wird das Wasser, welches so viel hundert oder tausend Jahre zwischen den Metallen verschlossen gewesen und dessen Kräfte an sich genommen, zum allerersten ausgestoßen und tut alsdann an denen menschlichen Körpern diejenige wunderbarliche Wartung, die man an solchen neuen Heilbrünnen siehet. Sobald nun solches Wasser, das sich so lang zwischen den Metallen enthalten, verflossen, so folget gemein Wasser hernach, welches zwar auch durch dieselbige Gänge passieret, in seinem schnellen Lauf aber[136] keine Tugenden oder Kräften von den Metallen an sich nehmen, und also auch nicht wie das erste heilsam, kräftig und dem Menschen zur Gesundheit dienlich sein kann.« Wann ich, sagte er, die Gesundheit so sehr affektiere, so sollte ich seinen König ersuchen, daß er mich dem König der Salamandrae, mit welchem er in guter Korrespondenz stünde, in eine Kur rekommendiere; derselbe könne die menschliche Corpora zurichten und durch ein Edelgestein begaben, daß sie in keinem Feuer verbrennen mögen, wie eine sonderbare Leinwat, die wir auf Erden hätten und im Feuer zu reinigen pflegten, wann sie schmutzig worden wäre; alsdann setze man einen solchen Menschen wie eine schleimige alte stinkende Tabakpfeifen mitten ins Feuer; da verzehreten sich dann alle böse Humores und schädliche Feuchtigkeiten und komme der Patient wieder so jung, frisch, gesund und neugeschaffen hervor, als wann er das Elixier Theophrasti eingenommen hätte. Ich wußte nicht, ob mich der Kerl foppete oder ob es ihm ernst war; doch bedankte ich mich der vertraulichen Kommunikation und sagte, ich besorge, diese Kur sei mir, als einem Colerico, zu hitzig; mir würde nichts liebers sein, als wann ich meinen Mitmenschen eine heilsame rare Quelle mit mir auf den Erdboden bringen könnte, welches ihnen zunutz, ihrem König aber zur Ehre, mir aber zu einem unsterblichen Namen und ewigem Gedächtnus gereichen würde. Darauf antwortete mir der Fürst, wann ich solches suche, so wollte er mir schon ein gut Wort verleihen, wiewohl ihr König so beschaffen, daß er der Ehre oder Schande, so ihm auf Erden zugeleget werde, gleich viel achte. Mithin kamen wir wiederum in den Mittelpunkt der Erden und vor des Königs Angesicht, als er und seine Prinzen sich eben speisen wollten. Es war ein Embiß wie die griechische Nephalia, da man weder Wein noch stark Getränke brauchte; aber anstatt dessen tranken sie Perlen wie rohe oder weichgesottene Eier aus, als welche noch nicht erhartet waren und treffliche Stärke gaben, oder, wie die Bauren sagen, fütterten.

Da observierte ich, wie die hellglänzende Sonne einen See nach dem andern beschiene und ihre Strahlen durch dieselbige bis in diese schröckliche Tiefe hinunter warf, also daß es diesen Sylphis niemal an keinem Liecht nicht mangelte. Man sahe sie in diesem Abgrund so heiter wie auf dem Erdboden leuchten, also daß sie auch einen Schatten warf, so daß ihnen, den Sylphis, die See wie Taglöcher oder Fenster taugten, durch welche sie beides, Helle und Wärme, empfiengen; und wann sich solches nicht überall schickte, weil etliche Seen gar krumm hinumgiengen, ward solches durch die Reflexion ersetzt, weil die[137] Natur hin und wieder in die Winkel ganze Felsen von Kristall, Diamanten und Karfunkeln geordnet, so die Hellung und Heitere hinunterfertigten.

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 134-138.
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