Das zwanzigste Kapitel.

[243] Simplex ein Köchin erlanget und kriegt,

Die sie vergnüget, doch endlich betrügt.


Dieses war der erste Imbiß, den wir auf unsrer Insul einnahmen; und nachdem wir solchen vollbracht, täten wir nichts anders als dürr Holz zusammensuchen, unser Feur zu unterhalten. Wir hätten gern gleich die ganze Insul vollends besichtiget, aber wegen überstandener Abmattung drang uns der Schlaf, daß wir sich zur Ruhe legen mußten, welche wir auch kontinuierten bis an den lichten Morgen. Als wir solchen erlebet, giengen wir dem Bächlein oder Revier nach hinunter, bis an Mund, da es sich ins Meer ergeußt, und sahen mit höchster Verwunderung, wie sich eine unsägliche Menge Fische in der Größe als mittelmäßige Salmen oder große Karpfen dem süßen Wasser nach ins Flüßlein hinaufzog, also daß es schiene, als ob man eine große Herde Schweine mit Gewalt hineingetrieben hätte. Und weil wir auch etliche Bonanas und Battades antrafen, so treffliche gute Früchte sein, sagten wir zusammen, wir hätten Schlauraffenland genug (obzwar kein vierfüßig Tier vorhanden), wann wir nur Gesellschaft hätten, beides, die Fruchtbarkeit,[243] als auch die vorhandene Fische und Vögel dieser edlen Insul genießen zu helfen; wir konnten aber kein einzig Merkzeichen spüren, daß jemalen Menschen daselbsten gewesen wären.

Als wir derowegen anfiengen zu beratschlagen, wie wir unsre Haushaltung ferner anstellen und wo wir Geschirr nehmen wollten, sowohl darin zu kochen als den Wein von Palmen hineinzufangen und seiner Art nach verjähren zu lassen, damit wir ihn recht genießen könnten, und in solchem Gespräch so am Ufer herumspaziereten, sahen wir auf der Weite des Meers etwas dahertreiben, welches wir in der Fern nicht sehen konnten, wiewohl es größer schien, als es an sich selbsten war; dann nachdem es sich näherte und an unsrer Insul gestrandet, war es ein halbtodes Weibsbild, welches auf einer Kisten lag und beide Hände in die Handhaben an der Kisten eingeschlossen hatte. Wir zogen sie aus christlicher Liebe auf trucken Land, und demnach wir sie beides, wegen der Kleidung und etlicher Zeichen halber, die sie im Angesicht hatte, vor eine Abyssiner Christin hielten, waren wir desto geschäftiger, sie wieder zu sich selbst zu bringen, maßen wir sie, jedoch mit aller Ehrbarkeit, als sich solches mit ehrlichen Weibsbildern in solchen Fällen zu tun geziemet, auf den Kopf stelleten, bis eine ziemliche Menge Wasser von ihr geloffen. Und obzwar wir nichts Lebhaftiges zu ferner Erquickung bei uns hatten als Zitronen, so ließen wir doch nit nach, ihro die spiritualische Feuchtigkeit, die sich in den äußersten Enden der Zitronenschelfe enthält, unter die Nase zu drücken und sie mit Schüttlen zu bewegen, bis sie sich endlich von sich selbst regte und Portugesisch anfieng zu reden. Sobald mein Kamerad solches hörete und sich in ihrem Angesicht wiederum eine lebhafte Farbe erzeigete, sagte er zu mir: »Diese Abyssinerin ist einmal auf unserm Schiff bei einer vornehmen portugesischen Frau eine Magd gewesen; dann ich habe sie beide wohl gekannt: sie seind zu Macao aufgesessen und waren willens, mit uns in die Insul Annabon zu schiffen.« Sobald jene diesen reden hörete, erzeigete sie sich sehr fröhlich, nannte ihn mit Namen und erzählete nicht allein ihre ganze Reise, sondern auch wie sie [sich erfreue], sowohl daß sie und er noch im Leben, als auch, daß sie als Bekannte einander auf truckenem Land und außer aller Gefahr wieder angetroffen hätten. Hierauf fragte mein Zimmermann, was wohl vor Waren in der Kiste sein möchten; darauf antwortete sie, es wären etliche chinesische Stücke Gewand, etliche Gewehr und Waffen und dann unterschiedliche so große[244] als kleine porzellanen Geschirr, so in Portugal einem vornehmen Fürsten von ihrem Herrn hätten geschickt werden sollen. Solches erfreuete uns trefflich, weil es lauter Sachen, deren wir am allermeisten bedürfig waren. Demnach ersuchte sie uns, wir wollten ihr doch solche Leutseligkeit erweisen und sie bei uns behalten: sie wollte uns gern mit Kochen, Wäschen und andern Diensten als eine Magd an die Hand gehen und uns als eine leibeigene Sklavin untertänig sein, wann wir sie nur in unserm Schutz behalten und ihr den Lebensunterhalt so gut, als es das Glück und die Natur in dieser Gegend beschere, neben uns mit zu genießen gönnen wollten.

Darauf trugen wir beide mit großer Mühe und Arbeit die Kiste an denjenigen Ort, den wir uns zur Wohnung auserkoren hatten. Daselbsten öffneten wir sie und fanden so beschaffene Sachen darin, die wir zu unserm damaligen Zustand und Behuf unsrer Haushaltung nimmermehr anders hätten wünschen mögen. Wir packten aus und trückneten solche Ware an der Sonnen, worzu sich unsre neue Köchin gar fleißig und dienstbar erzeigte. Folgends fiengen wir an, Geflügel zu metzgen, zu sieden und zu braten, und indem mein Zimmermann hingieng, Palmwein zu gewinnen, stieg ich aufs Gebürge vor uns, Eier auszunehmen, solche hart zu sieden und anstatt des lieben Brods zu brauchen. Unterwegs betrachtete ich mit herzlicher Danksagung die große Gaben und Gnaden Gottes, die uns dessen barmherzige Vorsehung so vättermiltiglich mitgeteilet und, ferners zu genießen, vor Augen stellete; ich fiel nieder auf das Angesicht und sagte mit ausgestreckten Armen und erhabenem Herzen: »Ach! ach! du allergütigster himmlischer Vatter! nun empfinde ich im Werk selbsten, daß du williger bist, uns zu geben, als wir, von dir zu bitten! Ja, allerliebster Herr, du hast uns mit dem Überfluß deiner göttlichen Reichtümer ehender und mehrers versehen, als wir arme Kreaturen bedacht waren, im geringsten etwas dergleichen von dir zu begehren. Ach, getreuer Vatter, deiner unaussprechlichen Barmherzigkeit wolle allergnädigst gefallen, uns zu verleihen, daß wir diese deine Gaben und Gnaden nicht, anders gebrauchen, als wie es deinem allerheiligsten Willen und Wohlgefallen beliebet und zu deines großen unaussprechlichen Namens Ehre gereichet, damit wir dich neben allen Auserwählten hier zeitlich und dort ewiglich loben, ehren und preisen mögen!« Mit solchen und viel mehr dergleichen Worten, die alle aus dem innersten Grund meiner Seelen ganz herzlich und andächtiglich daherflossen, gieng ich um, bis ich die Notdurft an Eiern hatte und damit wiederum[245] zu unsrer Hütte kam, allwo die Abendmahlzeit auf der Kiste, die wir selbigen Tag samt der Köchin aus dem Meer gefischet, und mein Kamerad anstatt eines Tisches gebrauchte, bestens bereitstund.

Indessen ich nun um obige Eier ausgewesen, hatte mein Kamerad, welcher ein Kerl von etlich zwanzig Jahren, ich aber über die vierzig Jahr alt, mit unserer Köchin einen Akkord gemachet, der beides, zu seinem und meinem Verderben, gereichen sollte. Dann nach dem sie sich in meiner Abwesenheit allein befanden und von alten Geschichten, zugleich aber auch von der Fruchtbarkeit und großen Nutznießung dieser überaus gesegneten, ja mehr als glückseligen Insul miteinander gesprochen, wurden sie so verträulich, daß sie auch von einer Trauung zwischen ihnen beiden zu reden begunnten, von welcher aber die vermeinte Abissinerin nichts hören wollte, es wäre dann Sache, daß mein Kamerad, der Zimmermann, sich allein zum Herrn der Insul mache und mich aus dem Weg raume. Es wäre, sagte sie, unmüglich, daß sie eine friedsame Ehe miteinander haben können, wann noch ein unverheurater neben ihnen wohnen sollte. »Er bedenke nur selbst,« sagte sie ferner zu meinem Kamerad, »wie Ihn Argwahn und Eifersucht plagen würde, wann Er mich heuratet und der Alte täglich mit mir konversieret, obgleich er ihn zum Cornuto zu machen niemal in Sinn nehme. Zwar weiß ich einen bessern Rat, wann ich mich je vermählen und auf dieser Insul, die wohl 1000 oder mehr Personen ernähren kann, das menschliche Geschlecht vermehren soll, nämlich diesen, daß mich der Alte eheliche; dann wann solches geschähe, so wäre es nur um ein Jahr oder 12 oder längst 14 zu tun, in welcher Zeit wir etwan eine Tochter miteinander erzeugen werden, Ihm solche, verstehe den Zimmermann, ehelich beizulegen. Alsdann wird Er nicht so bei Jahren sein, als jetzund der jetzige Alte ist, und würde interim zwischen euch beiden die unzweiflige Hoffnung, daß der erste des andern Schwähervatter, und der ander des ersten Tochtermann werden sollte, allen bösen Argwahn aus dem Weg tun und mich aller Gefahr, darin ich anderwärts geraten möchte, befreien. Zwar ist es natürlich, daß ein junges Weibsbild, wie ich bin, lieber einen jungen als alten Mann nehmen wird; aber wir müssen sich jetzunder miteinander in die Sache schicken, wie es unser gegenwärtiger Zustand erfodert, um vorzusehen, daß ich und die, so aus mir geboren werden möchten, das Sichere spielen.«

Durch diesen Diskurs, der sich weit auf ein mehrers erstreckte[246] und auseinanderzohe, als ich jetzunder beschreibe, wie auch durch der vermeinten Abissinerin Schönheit, so beim Feur in meines Kamerads Augen viel vortrefflicher herumglänzete als zuvor, und durch ihre hurtige Gebärden ward mein guter Zimmermann dergestalt eingenommen und betöret, daß er sich nicht entblödete zu sagen, er wollte eh den Alten (mich vermeinende) ins Meer werfen und die ganze Insul ruinieren, eh er eine solche Dame, wie sie wäre, überlassen wollte. Und hierauf ward auch obengedachter Akkord zwischen ihnen beiden beschlossen, doch dergestalt, daß er mich hinterrucks oder im Schlaf mit seiner Axt erschlagen sollte, weil er sich sowohl vor meiner Leibsstärke als meinem Stab, den er mir selbst wie einen böhmischen Ohrlöffel verfertiget, entsatzte.

Nach solchem Vergleich zeigte sie meinem Kamerad zunähest an unsrer Wohnung eine schöne Art Hafnererde, aus welchem sie nach Art der indianischen Weiber, so am guineischen Gestad wohnen, schön irden Geschirr zu machen getraue, täte auch allerlei Vorschläge, wie sie sich und ihr Geschlecht auf dieser Insul ausbringen, ernähren und bis in das hundertste Glied ihnen ein geruhiges und vergnügsames Leben verschaffen wollte. Da wußte sie nicht gnugsam zu rühmen, was sie vor Nutzen aus den Kokosbäumen ziehen und aus der Baumwolle, so selbige tragen oder hervorbringen, sich und aller ihrer Nachkömmlingen Nachkömmlinge mit Kleidungen versehen könnte.

Ich armer Stern kam und wußte kein Haar von diesem Schluß und Laugenguß, sondern satzte mich, zu genießen, was zugerichtet dastund, sprach auch nach christlichem und hochlöblichem Brauch das Benedicite. Sobald ich aber das Kreuz beides, über die Speisen und meine Mitesser, machte und den göttlichen Segen anrufte, verschwand beides, unsre Köchin und die Kiste samt allem dem, was in besagter Kisten gewesen war, und ließ einen solchen grausamen Gestank hinter sich, daß meinem Kamerad ganz unmächtig davon ward.

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 243-247.
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