Das siebente Kapitel.

[193] Simplex sieht, wie der Avarus abstiehlt,

Julus hingegen die Schulden wohl fühlt.


Avarus stahl so viel Geld zusammen, daß ihm angst dabei war, maßen er nicht wußte, wo er damit hin sollte, damit dem Julo seine Untreue verborgen bliebe; ersonn derowegen diese List, ihm ein Auge zu verkleiben: er verwechselte zum Teil sein Gold in grobe teutsche silberne Sorten, tät solche in ein großes Felleisen und kam damit bei nächtlicher Weile vor seines Herren Bette geloffen, mit gelehrten Worten daherlügende, oder, höflicher zu reden, dahererzählende, was ihm vor ein Fund geraten wäre. »Gnädiger Herr,« sagte er, »ich stolperte über diese Beute, als ich von etlichen von dero Liebsten Losament gejagt ward, und wann der Ton des gemünzten Metalls nit einen andern Klang von sich geben hätte, als das Eingeweid eines Abgestorbenen nit tut, so hätte ich geschworen, ich wäre über einen Toden geloffen.« Damit schüttete er das Geld aus und sagte ferner: »Was geben mir Eur. Gn. wohl für einen Rat, daß dies Geld seinem rechtmäßigen Herrn wieder zukommt? Ich verhoffte, derselbe sollte mir wohl ein stattlich Trinkgeld davon zukommen lassen.« – »Narr,« antwortete Julus, »hast du was, so behalts! Was bringst du aber vor eine Resolution von der Jungfer?« – »Ich konnte«, antwortete Avarus, »diesen Abend mit ihr nicht zu sprechen kommen, weil ich, wie gehört, etlichen mit großer Gefahr entrinnen müssen und mir dieses Geld unversehens zugestanden.« Also behalf sich Avarus mit Lügen, so gut er konnte, wie es alle junge angehende Diebe zu machen pflegen, wann sie vorgeben, sie haben gefunden, was sie gestohlen.

Eben damal bekam Julus von seinem Vatter Briefe und in denselbigen einen scharfen Verweis, daß er so ärgerlich lebe und so schrecklich viel Geldes verschwende; dann er hatte von denen englischen Kaufherren, die mit ihm korrespondiereten und dem Julo jeweils seine Wechsel entrichteten, alles des Juli und seines Avari Tun erfahren, ohn daß dieser seinen Herrn bestahl, jener aber solches nit merkte, weswegen er sich dann solchergestalt bekümmerte, daß er darüber in eine schwere Krankheit fiel. Er schriebe bemeldten Kaufherren, daß sie forthin seinem Sohn mehrers nicht geben sollten als die bloße Notdurft, die ein gemeiner Edelmann haben müßte, sich in Paris zu behelfen, mit dem Anhang, wofern sie ihm mehr reichen würden, daß er ihnen solches nit wieder gutmachen wollte. Den Julum aber bedrohete er, wofern er sich nicht bessern und ein ander[193] Leben anstellen würde, daß er ihn alsdann gar enterben und nimmermehr vor seinen Sohn halten wollte.

Julus ward zwar darüber trefflich bestürzt, fassete aber darum keinen Vorsatz, gesparsamer zu leben, und wanngleich er, seinem Vatter zu begnügen, vor den gewöhnlichen großen Ausgaben hätte sein wollen, so wäre es ihm vor diesmal doch unmüglich gewesen, weil er schon allbereit viel zu tief in den Schulden stak; er hätte dann seinen Kredit erstlich bei seinen Kreditoren und konsequenter auch bei jedermann verlieren wollen, welches ihm aber die Hoffart mächtig widerriet, weil es wider seine Reputation war, die er mit vielen Spendieren erworben. Derowegen redete er seine Landsleute an und sagte: »Ihr Herren wisset, daß mein Herr Vatter an vielen Schiffen, die beides, nach Ost- und Westindien, gehen, nicht allein Part, sonder auch in unsrer Heimat auf seinen Gütern jährlich bei 4 bis 5000 Schafe zu scheren hat, also daß es ihm auch kein Kavalier im Land gleich, noch weniger vorzutun vermag; ich geschweige jetzt der Barschaft und der liegenden Güter, so er besitzet. Auch wisset ihr, daß ich alles seines Vermögens heut oder morgen ein einziger Erbe bin und daß gedachter mein Herr Vatter allerdings auf der Grube gehet; wer wollte mir dann nun zumuten, daß ich hier als ein Bärnhäuter leben sollte? Wäre solches, wann ich es täte, nit unserer ganzen Nation ein Schande? Ihr Herren, ich bitte, lasset mich in solche Schande nicht geraten, sondern helfet mir aus wie bisher mit einem Stück Gelt, welches ich euch wieder dankbarlich ersetzen und bis zur Bezahlung mit Kaufmannsinteresse verpensionieren, auch einem jeden insonderheit mit einer solchen Verehrung begegnen will, daß er mit mir zufrieden sein wird.«

Hierüber zogen etliche die Achsel ein und entschuldigten sich, sie hätten derzeit nicht übrige Mittel; in Wahrheit aber waren sie ehrlich gesinnet und wollten des Juli Vatter nit erzörnen; die andere aber gedachten, was sie vor einen Vogel zu rupfen bekämen, wann sie den Julum in die Klauen kriegten. »Wer weiß,« sagten sie zu sich selbsten, »wielang der Alte lebet? zudem will ein Sparer einen Verzehrer haben. Will ihn der Vatter gleich enterben, so kann er ihm doch das Mütterliche nicht benehmen.« In Summa, diese schossen dem Julo noch 1000 Dukaten dar, wovor er ihnen verpfändete, was sie selbst begehrten, und ihnen jährlich acht pro cento versprach, welches dann alles in bester Form verschrieben ward. Damit reichte Julus nit weit hinaus; dann bis er seine Schulden bezahlete und Avarus sein Part hinwegzwackte, verblieb wenig[194] mehr übrig, maßen er in Bälde wieder entlehnen und neue Unterpfande geben mußte, welches seinen Vatter von andern Engelländern, die nit interessiert waren, zeitlich avisiert ward, darüber sich der Alte dergestalt erzörnete, daß er denen, so seinem Sohn über seine Ordre Gelt geben hätten, eine Protestation insinuieren und sie seinen vorigen Schreibens erinnern, benebens andeuten ließe, daß er ihnen keinen Heller wiederum davor gutmachen, sondern sie noch darzu, wann sie wieder in Engelland anlangen würden, als Verderber der Jugend und die seinem Sohn zu solcher Verschwendung verholfen gewesen, vorm Parlament verklagen wollte. Dem Julo selbst aber schrieb er mit eigner Hand, daß er sich hinfüro nit seinen Sohn mehr nennen noch vor sein Angesicht kommen sollte.

Als solche Zeitungen einliefen, fieng des Juli Sache abermal an zu hinken. Er hatte zwar noch ein wenig Gelt, aber viel zu wenig, weder seinen verschwenderischen Pracht hinauszuführen noch sich auf eine Reise zu mondieren, irgendseinem Herrn mit einem paar Pferden im Krieg zu dienen, worzu ihn beides, Hoffart und Verschwendung, anhetzte; und weil ihm auch hierzu niemand nichts vorsetzen wollte, flehete er seinen getreuen Avarum an, ihm von dem, was er gefunden, die Notdurft vorzustrecken. Avarus antwortete: »Euer Gnaden wissen wohl, daß ich ein armer Schüler bin gewesen und sonst nichts vermag, als was mir neulich Gott bescheret.« (Ach, heuchlerischer Schalk, gedachte ich, hätte dir das nun Gott bescheret, was du deinem Herrn abgestohlen hast, solltest du ihm in sei nen Nöten nit mit dem Seinigen zu Hülf kommen? und das um soviel desto ehender, dieweil du, solang er etwas hatte, mitgemachet und das Seinige hast verfressen, versaufen, verhuren, verbuben, verspielen und verbankettieren helfen? O Vogel, gedachte ich, du bist zwar aus England kommen wie ein Schaf, aber seither dich der Geiz besessen, in Frankreich zu einem Fuchs, ja gar zu einem Wolf worden.) »Sollte ich nun«, sagte er weiter, »solche Gaben Gottes nit in acht nehmen und zu meines künftigen Lebens Aufenthalt anlegen, so müßte ich sorgen, ich möchte mich dadurch alles meines künftigen Glücks unwürdig machen, das ich noch etwan zu hoffen. Wen Gott grüßet, der soll ihm danken! Es dörfte mir vielleicht mein Leben lang kein solcher Fund wieder geraten. Soll ich nun dieses an ein Ort hingeben, dahin auch reiche Engelländer nichts mehr lehnen wollen, weil sie die beste Unterpfande bereits hinweg haben? Wer wollte mir solches raten? Zudem haben mir Euer Gnaden selbst gesagt, wann ich etwas habe, so sollt ichs behalten; und überdies alles lieget[195] mein Geld auf der Wechselbank, welches ich nicht kriegen kann, wann ich will, ich wollte mich dann eines großen Interesse verzeihen.«

Diese Worte waren dem Julo zwar schwer zu verdauen, als deren er sich weder von seinem getreuen Diener versehen noch von andern zu hören gewohnet war; aber der Schuh, den ihm Hoffart und Verschwendung angeleget, druckte ihn so hart, daß er sie leichtlich verschmerzete, vor billig hielt und durch Bitten so viel vom Avaro brachte, daß er ihm alles sein erschundenes und abgestohlenes Geld vorliehe mit dem Geding, daß sein, des Avari, Liedlohn samt demjenigen, so er noch in vier Wochen an Interesse davon haben können, zur Hauptsumma geschlagen, mit 8 pro cento jährlich verzinset und, damit er um Hauptsumma und Pension versichert sein möchte, ihm ein frei adelig Gut, so Julo von seiner Mutter Schwester vermachet worden, verpfändet werden sollte; welches auch alsobalden in Gegenwart der andern Engeländer als erbetene Zeugen in der allerbesten Form geschahe; und belief sich die Summa allerdings auf sechshundert Pfund Sterling, welches nach unsrer Münze ein namhaftes Stück Geldes machet.

Kaum war obiger Kontrakt geschlossen, die Verschreibung verfertiget und das Geld dargezählet, da kam Julo die Verkündigung eines erfreulichen Leides, daß nämlich sein Herr Vatter die Schuld der Natur bezahlet hätte, weswegen er dann gleichsam eine fürstliche Traur anlegte und sich gefaßt machte, ehistens nach Engeland zu verreisen, mehr die Erbschaft anzutretten, als seine Mutter zu trösten. Da sahe ich meinen Wunder, wie Julus wieder einen Haufen Freunde bekam, weder er vor etlichen Tagen gehabt. Auch ward ich gewahr, wie er heuchlen konnte; dann wann er bei den Leuten war, so stellete er sich um seinen Vatter gar leidig; aber bei dem Avaro allein sagte er: »Wäre der Alte noch länger lebendig blieben, so hätte ich endlich heimbettlen müssen, sonderlich wann du, Avare, mir mit deinem Gelt nicht wärest zu Hülfe kommen.«

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 193-196.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch
Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch
Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch: Roman
Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch

Buchempfehlung

Musset, Alfred de

Gamiani oder zwei tolle Nächte / Rolla

Gamiani oder zwei tolle Nächte / Rolla

»Fanni war noch jung und unschuldigen Herzens. Ich glaubte daher, sie würde an Gamiani nur mit Entsetzen und Abscheu zurückdenken. Ich überhäufte sie mit Liebe und Zärtlichkeit und erwies ihr verschwenderisch die süßesten und berauschendsten Liebkosungen. Zuweilen tötete ich sie fast in wollüstigen Entzückungen, in der Hoffnung, sie würde fortan von keiner anderen Leidenschaft mehr wissen wollen, als von jener natürlichen, die die beiden Geschlechter in den Wonnen der Sinne und der Seele vereint. Aber ach! ich täuschte mich. Fannis Phantasie war geweckt worden – und zur Höhe dieser Phantasie vermochten alle unsere Liebesfreuden sich nicht zu erheben. Nichts kam in Fannis Augen den Verzückungen ihrer Freundin gleich. Unsere glorreichsten Liebestaten schienen ihr kalte Liebkosungen im Vergleich mit den wilden Rasereien, die sie in jener verhängnisvollen Nacht kennen gelernt hatte.«

72 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon