Das zwölfte Kapitel.

[41] Simplex wird von dem Herzbruder erkennt,

Und zugleich damal sein Unfall gewendt.


Also folgte bei mir keine Besserung, sondern ich ward je länger je ärger. Der Obriste sagte einsmals zu mir, er wollte[41] mich, da ich kein gut tun wollte, mit einem Schelmen hinwegschicken. Weil ich aber wohl wußte, daß es ihm nicht Ernst war, sagte ich, dies könne ohne sondere Mühe und Unkosten, zumalen auch ohne meinen Verdruß leicht geschehen, wann er mir nur den Steckenknecht mitgebe. Also ließ er mich wieder passieren, weil er sich wohl einbilden konnte, daß ichs vor keine Strafe, sondern vor eine Wohltat halten würde, wann er mich laufen ließe; mußte demnach wider meines Herzens Willen ein Musketier bleiben und Hunger leiden bis in den Sommer hinein. Je mehr sich aber der Graf von Götz mit seiner Armee näherte, je mehrers näherte sich auch meine Erlösung. Denn als selbiger zu Bruchsal das Hauptquartier hatte, ward mein Herzbruder, dem ich im Läger vor Magdeburg mit meinem Geld getreulich geholfen, von der Generalität mit etlichen Verrichtungen in die Festung geschickt, da man ihm die höchste Ehre antät. Ich stund eben vor des Obristen Quartier Schildwacht, als er daselbst einen guten Rausch geholet hatte; und obzwar er einen schwarzen sammeten Rock antrug, so erkannte ich ihn jedoch gleich im ersten Anblick, hatte aber nicht das Herz, ihn sogleich anzusprechen, dann ich mußte sorgen, er würde der Welt Lauf nach sich meiner schämen oder mich sonst nicht kennen wollen, weil er den Kleidern nach in einem hohen Stand, ich aber nur ein lausiger Musketierer wäre. Nachdem ich aber abgelöst ward, erkundigte ich bei dessen Dienern seinen Stand und Namen, damit ich versichert sei, daß ich vielleicht keinen andern vor ihn anspräche, und hatte dannoch das Herz nicht, ihn anzureden, sondern schrieb dieses Brieflein und ließ es ihm am Morgen durch seinen Kammerdiener einhändigen:


»Monsieur etc. Wann meinem Hochg. Herrn beliebte, denjenigen, den er hiebevor durch Seine Tapferkeit in der Schlacht bei Wittstock aus Eisen und Banden errettet, auch anjetzo durch Sein vortrefflich Ansehen aus dem allerarmseligsten Stand von der Welt zu erlösen, wohinein er als ein Ball des unbeständigen Glücks geraten; so würde Ihm solches nicht allein nicht schwer fallen, sondern er würde Ihm auch vor einen ewigen Diener obligieren Seinen ohnedas getreu verbundenen, anjetzo aber allerelendesten und verlassenen

S. Simplicissimum.«


Sobald er solches gelesen, ließ er mich zu ihm hineinkommen, sagte: »Landsmann, wo ist der Kerl, der Euch dies Schreiben gegeben hat?« Ich antwortete: »Herr, er liegt in[42] hiesiger Festung gefangen.« – »Wohl!« sagte er, »so gehet zu ihm und saget, ich wolle ihm davonhelfen, und sollte er schon den Strick an Hals kriegen.« Ich sagte: »Herr, es wird solcher Mühe nicht bedörfen; doch bedanke ich mich vor die seltne Bereitfertigkeit.« – Und weil ich sahe, daß er so willfährig war, fuhr ich ferner fort und sagte: »Ich bin der arme Simplicius selbsten, der jetzt kommt, Demselben sowohl vor die Erlösung bei Wittstock zu danken, als ihn zu bitten, mich wieder von der Muskete zu erledigen, so ich wider meinen Willen zu tragen gezwungen wurde.« Er ließ mich nicht völlig ausreden, sondern bezeugte mit Umfahen, wie geneigt er sei, mir zu helfen. In Summa, er tät alles, was ein getreuer Freund gegen dem andern tun solle; und eh er mich fragte, wie ich in die Festung und in solche Dienstbarkeit geraten, schickte er seinen Diener zum Juden, Pferd und Kleider vor mich zu kaufen. Indessen erzählte ich ihm, wie mirs ergangen, sint sein Vatter vor Magdeburg gestorben, und als er vernahm, daß ich der Jäger von Soest (von dem er so manch rühmlich Soldatenstück gehöret) gewesen, beklagte er, daß er solches nicht eher gewüßt hätte, dann er mir damals gar wohl zu einer Kompagnie hätte verhelfen können.

Als nun der Jud mit einer ganzen Taglöhnerlast von allerhand Soldatenkleidern daherkam, las er mir das beste heraus, ließ michs anziehen und nahm mich mit ihm zum Obristen. Zu dem sagte er: »Herr, ich habe in Seiner Garnison gegenwärtigen Kerl angetroffen, dem ich so hoch verobligiert bin, daß ich ihn in so niedrigem Stand, wannschon seine Qualitäten keinen bessern meritierten, nicht lassen kann; bitte derowegen den Herrn Obristen, Er wolle mir den Gefallen erweisen, und ihn entweder besser akkommodieren, oder zulassen, daß ich ihn mit mir nehme, um ihm bei der Armee fortzuhelfen, worzu vielleicht der Herr Obrister hier die Gelegenheit nicht hat.« Der Obrister verkreuzigte sich vor Verwunderung, daß er mich einmal loben hörte, und sagte: »Mein hochgeehrter Herr vergebe mir, wann ich glaube, Ihm beliebe nur zu probieren, ob ich Ihm auch so willig zu dienen sei, als Er dessen wohl wert ist; und wofern Er so gesinnet, so begehre Er etwas anders, das in meiner Gewalt stehet, so wird Er meine Willfährigkeit im Werk erfahren. Was aber diesen Kerl anbelanget, ist solcher nit eigentlich mir, sondern seinem Vorgeben nach unter ein Regiment Dragoner gehörig, darneben ein solch abenteurlicher und schlimmer Gast, der meinen Profosen, sint er hier ist, mehr Arbeit geben, als sonst eine ganze Kompagnie, so daß ich von ihm glauben muß,[43] er könne in keinem Wasser ersaufen.« Endete damit seine Rede lächlende und wünschte mir Glück ins Feld.

Dies war meinem Herzbruder noch nicht genug, sondern er bat den Obristen auch, er wolle sich nicht zuwider sein lassen, mich mit an seine Tafel zu nehmen, so er auch erhielt. Er täts aber zu dem Ende, daß er dem Obristen in meiner Gegenwart erzähle, was er in Westfalen nur diskursent von dem Grafen von der Wahl und dem Kommandanten in Soest von mir gehöret hätte, welches alles er nun dergestalt herausstriche, daß alle Zuhörer mich vor einen von den besten Soldaten halten mußten. Dabei hielt ich mich so bescheiden, daß der Obrister und seine Leute, die mich zuvor gekannt, nicht anders glauben konnten, als ich wäre mit andern Kleidern auch ein ganz anderer Mensch worden. Und demnach der Obrister auch wissen wollte, woher mir der Name Doktor, wie man mich damals gemeiniglich nennet, zukommen wäre, erzählte ich ihm meine ganze Reise von Paris aus bis nach Philippsburg und wieviel Bauern ich betrogen, mein Maulfutter zu gewinnen, darüber sie ziemlich lachten. Endlich gestund ich unverhohlen, daß ich willens gewesen, ihn, Obristen, mit allerhand Bosheiten, Insolenzien und Plackereien dergestalt zu perturbiern und abzumatten, daß er mich endlich aus der Garnison hätte schaffen müssen, dafern er anders wegen der vielen Klagen in Ruhe vor mir leben wollen.

Darauf erzählte der Obrister viel Bubenstücklein, die ich begangen, solang ich in der Garnison gewesen, wie ich nämlich Erbsen gesotten, oben mit Schmalz übergossen und solche voi eitel Schmalz verkauft; item ganze Söck voll Sand für Salz, indem ich die Säcke unten mit Sand und oben mit Salz gefüllet; sodann, wie ich einem hier, dem andern dort einen Bärn angebunden und die Leute mit Pasquillen vexieret, also daß man die ganze Mahlzeit nur von mir zu reden hatte, welches alles zur Verwunderung und Gelächter taugte. Hätte ich aber keinen so ansehenlichen Freund gehabt, so wären alle meine Taten strafwürdig gewesen. Darbei nahm ich ein Exempel, wie es bei Hof hergehen müsse, wann ein böser Bub des Fürsten Gunst hat.

Nach geendigtem Imbiß hatte der Jud kein Pferd, so meinem Herzbruder vor mich gefallen wollte; weil er aber in solcher Ästimation war, daß der Obrister seine Gunst schwerlich entbehren konnte, als verehrete er ihm eins mit Sattel und Zeug aus seinem Stall, auf welches sich Herr Simplicius satzte und mit seinem Herzbruder freudenvoll zur Festung hinausritte. Teils seiner Kameraden riefen ihm nach: »Glück zu![44] Bruder, Glück zu!« teils aber aus Neid: »Je größer Schalk, je größer Glück!«, weil sie mich meines guten Glücks halber hasseten.

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 41-45.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch
Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch
Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch: Roman
Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch

Buchempfehlung

Droste-Hülshoff, Annette von

Gedichte (Die Ausgabe von 1844)

Gedichte (Die Ausgabe von 1844)

Nach einem schmalen Band, den die Droste 1838 mit mäßigem Erfolg herausgab, erscheint 1844 bei Cotta ihre zweite und weit bedeutendere Lyrikausgabe. Die Ausgabe enthält ihre Heidebilder mit dem berühmten »Knaben im Moor«, die Balladen, darunter »Die Vergeltung« und neben vielen anderen die Gedichte »Am Turme« und »Das Spiegelbild«. Von dem Honorar für diese Ausgabe erwarb die Autorin ein idyllisches Weinbergshaus in Meersburg am Bodensee, wo sie vier Jahre später verstarb.

220 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon