Das vierte Kapitel.

[17] Simplex, Beau Alman geheißen, der wird

Ganz wider Willen in Venusberg geführt.


Hierdurch ward ich bei hohen Personen bekannt, und es schien, als ob mir das Glück wieder auf ein neues hätte leuchten wollen; dann mir wurden gar des Königs Dienste angebotten,[17] welches manchen großen Hansen nicht widerfähret.. Einsmals kam ein Lakai, der sprach meinen Monsigneur Canard an und brachte ihm meinetwegen ein Brieflein, eben als ich bei ihm in seinem Laboratorio saß und reverberierte (dann ich hatte aus Lust bei meinem Doktor schon perlutieren, resolvieren, sublimieren, koagulieren, digerieren, kalcinieren, filtrieren und dergleichen unzählig viel alkühmistische Arbeit gelernet, dadurch er seine Arzneien zuzurichten pflegte). »Monsieur Beau Alman,« sagte er zu mir, »dies Schreiben betrifft Euch. Es schicket ein vornehmer Herr nach Euch, der begehret, Ihr wollet gleich zu ihm kommen, er wolle Euch ansprechen und vernehmen, ob Euch nicht beliebe, seinen Sohn auf der Laute zu informieren. Er bittet mich, Euch zuzusprechen, daß Ihr ihm diesen Gang nit abschlagen wollet, mit sehr cortoisem Versprechen, Euch diese Mühe mit freundlicher Dankbarkeit zu belohnen.« Ich antwortete, wann ich seinet- (verstehe Monsigneur Canard) wegen jemand dienen könne, so würde ich meinen Fleiß nicht sparen. Darauf sagte er, ich sollte mich nur anders anziehen, mit diesem Lakaien zu gehen; indessen, bis ich fertig, wollte er mir etwas zu essen machen lassen, dann ich hätte einen ziemlich weiten Weg zu gehen, daß ich kaum vor Abend an den bestimmten Ort kommen würde. Also butzte ich mich ziemlich und verschluckte in Eil etwas von der herzugeschafften Kollation, sonderlich aber ein paar kleiner delikaten Würstlein, welche, als mich deuchte, ziemlich stark apothekerten; gieng demnach mit gedachtem Lakai durch seltsame Umwege einer Stunde lang, bis wir gegen Abend vor eine Gartentür kamen, die nur zugelehnt war. Dieselbe stieß der Lakai vollends auf, und demnach ich hinter ihm hineingetretten, schlug er selbige wieder zu und beschlosse das Nachtschloß, so inwendig an der Tür war, führete mich nachgehends in das Lusthaus, so in einer Eck des Gartens stund, und demnach wir einen ziemlich langen Gang passierten, klopfte er vor einer Tür, so von einer alten adeligen Dame stracks aufgemachet ward. Diese hieß mich in teutscher Sprache sehr höflich willkommen sein und zu ihr vollends hineintretten; der Lakai aber, so kein Teutsch konnte, blieb zurück, gegen welchem ich mich auch mit einem Kopfwinken bedankte, [und] nahm mit tiefer Reverenz seinen Abschied. Die Alte nahm mich bei der Hand und führete mich vollend ins Zimmer, das rundumher mit den köstlichsten Tapeten behängt, sonsten auch zumal schön gezieret war. Sie hieß mich niedersitzen, damit ich verschnauben und zugleich vernehmen könnte, aus was Ursachen ich an diesen Ort geholet worden wäre. Ich folgte gern und satzte mich auf[18] einen Sessel, den sie mir zu einem Feur stellete, so in demselben Saal wegen ziemlicher Kälte brannte; sie aber satzte sich neben mich auf einen andern und sagte: »Monsieur! wann Er etwas von den Kräften der Liebe weiß, daß nämlich solche die allertapferste, stärkste und klügste Männer überwältige und zu beherrschen pflege, so wird Er sich um so viel desto weniger verwundern, wann dieselbe auch ein schwaches Weibsbild meistert. Er ist nicht seiner Laute halber, wie man Ihn und Monsigneur Canard überredet gehabt, von einem Herrn, aber wohl seiner übertrefflichen Schönheit halber von der allervortrefflichsten Dame in Paris hieher berufen worden, die sich allbereit des Todes verstehet, da sie nicht bald des Herrn überirdische Gestalt zu beschauen und sich damit zu erquicken das Glück haben sollte. Derowegen hat sie mir befohlen, dem Herrn als meinem Landsmann solches anzuzeigen und ihn höher zu bitten, als Venus ihren Adonidem, daß er diesen Abend sich bei ihr einfinden und seine Schönheit genugsam von ihr betrachten lasse, welches er ihr verhoffentlich als einer vornehmen Damen nicht abschlagen wird.« Ich antwortete: »Madame! ich weiß nicht, was ich gedenken, viel weniger hierauf sagen solle. Ich erkenne mich nicht, darnach beschaffen zu sein, daß eine Dame von so hoher Qualität nach meiner Wenigkeit verlangen sollte. Überdas kommt mir in Sinn, wann die Dame, so mich zu sehen begehret, so vortrefflich und vornehm sei, als mir meine hochgeehrte Frau Landsmännin vorbracht und zu verstehen gegeben hat, daß sie wohl bei früher Tagszeit nach mir schicken dörfen und mich nicht erst hieher an diesen einsamen Ort bei so spätem Abend hätte berufen lassen. Warum hat sie nicht befohlen, ich solle strackswegs zu ihr kommen? Was habe ich in diesem Garten zu tun? Mein hochgeehrte Frau Landsmännin vergebe mir, wann ich als ein verlassener Fremder in die Forcht gerate, man wolle mich sonst hintergehen, sintemal man mir gesagt, ich sollte zu einem Herrn kommen, so sich schon im Werk anders befindet. Sollte ich aber merken, daß man mir so verräterisch mit bösen Tücken an Leib wollte kommen, würde ich vor meinem Tod meinen Degen noch zu gebrauchen wissen!« – »Sachte, sachte, mein hochgeehrter Herr Landsmann! Er lasse diese unnötige Gedanken aus dem Sinn,« antwortete sie mir; »die Weibsbilder sind seltsam und vorsichtig in ihren Anschlägen, daß man sich nicht gleich anfangs so leicht darein schicken kann. Wann diejenige, die ihn über alles liebet, gern hätte, daß Er Wissenschaft von ihrer Person haben sollte, so hätte sie Ihn freilich nicht erst hieher, sondern den geraden Weg zu sich kommen lassen.[19] Dort liegt eine Kappe (wiese damit auf den Tisch): die muß der Herr ohnedas aufsetzen, wann Er von hier aus zu ihr geführet wird, weil sie auch so gar nicht will, daß Er den Ort, geschweige, bei wem Er gesteckt, wissen sollte; bitte und ermahne demnach den Herrn, so hoch als ich immer kann, Er erzeige sich gegen diese Dame sowohl wie es ihre Hoheit als ihre gegen Ihm tragende unaussprechliche Liebe meritiret, da Er anders nicht gewärtig sein will, zu erfahren, daß sie mächtig genug sei, Seinen Hochmut und Verachtung auch in diesem Augenblick zu strafen. Wird Er sich aber der Gebühr nach gegen ihr einstellen, so sei Er versichert, daß Ihm auch der geringste Tritt, den Er ihrentwegen getan, nicht unbelohnt verbleiben wird.«

Es ward allgemach finster, und ich hatte allerhand Sorgen und forchtsame Gedanken, also daß ich dasaß wie ein geschnitzt Bild, konnte mir auch wohl einbilden, daß ich von diesem Ort so leicht nicht wieder entrinnen könnte, ich willigte dann in alles, so man mir zumutete, sagte derohalben zu der Alten: »Nun dann, meine hochgeehrte Frau Landsmännin, wann ihm dann so ist, wie Sie mir vorgebracht, so vertraue ich meine Person Ihrer angebornen teutschen Redlichkeit, der Hoffnung, Sie werde nicht zulassen, viel weniger selbst vermittlen, daß einem unschuldigen Teutschen eine Untreue widerfahre. Sie vollbringe, was Ihr meinetwegen befohlen ist; die Dame, von deren Sie mir gesagt, wird verhoffentlich keine Basiliskenaugen haben, mir den Hals abzusehen.« – »Ei behüte Gott!« sagte sie, »es wäre schade, wann ein solcher wohlproportionierter Leib, mit welchem unsre ganze Nation prangen kann, jetzt schon sterben sollte. Er wird mehr Ergetzung finden, als er sich sein Tag niemals einbilden dörfen.« Wie sie meine Einwilligung hatte, rufte sie Jean und Pierre; diese tratten alsobald, jeder in vollem blanken Küriß, von der Scheitel bis auf die Fußsohlen gewaffnet, mit einer Helleparten und Pistol in der Hand, hinter einer Tapezerei herfür, davon ich dergestalt erschrak, daß ich mich ganz entfärbte. Die Alte nahm solches wahr und sagte lächelnd: »Man muß sich so nicht förchten, wann man zum Frauenzimmer gehet!«, befahl darauf ihnen beiden, sie sollten ihren Harnisch ablegen, die Latern nehmen und nur mit ihren Pistolen mitgehen. Demnach streifte sie mir die Kappe, die von schwarzem Sammet war, übern Kopf, trug meinen Hut unterm Arm und führete mich durch seltsame Wege an der Hand. Ich spürete wohl, daß ich durch viel Türen und auch über einen gepflasterten Weg passierte. Endlich mußte ich etwan nach einer halben Viertelstunde eine kleine steinerne Stege[20] steigen. Da tät sich ein klein Türlein auf; von dannen kam ich über einen besetzten Gang und mußte eine Windelstege hinauf, folgends etliche Staffeln wieder hinab, allda sich etwa sechs Schritte weiters eine Tür öffnete. Als ich endlich durch solche kam, zog mir die Alte die Kappe wieder herunter; da befand ich mich in einem Saal, der da überaus zierlich aufgebutzet war. Die Wände waren mit schönen Gemälden, das Trysur mit Silbergeschirr und das Bette, so darin stund, mit Umhängen von güldenen Stücken gezieret. In der Mitten stund der Tisch prächtig gedeckt, und bei dem Feur befand sich eine Badwanne, die wohl hübsch war; aber meinem Bedünken nach schändete sie den ganzen Saal. Die Alte sagte zu mir: »Nun willkommen, Herr Landsmann! Kann Er noch sagen, daß man Ihn mit Verräterei hintergehe? Er lege nur allen Unmut ab und erzeige sich wie neulich auf dem Theatro, da Er Seine Euridicen vom Plutone wieder erhielt. Ich versichere Ihn, Er wird hier eine schönere antreffen, als er dort eine verloren.«

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 17-21.
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