Das fünfte Kapitel.

[21] Simplex im Venusberg wird wohl traktiert,

Und nach 8 Tagen von dannen geführt.


Ich hörete schon an diesen Worten, daß ich mich nicht nur an diesem Ort beschauen lassen, sondern noch gar was anders tun sollte, sagte derowegen zu meiner alten Landsmännin, es wäre einem Durstigen wenig damit geholfen, wann er bei einem verbottenen Brunn säße. Sie aber sagte, man sei in Frankreich nicht so mißgünstig, daß man einem das Wasser verbiete, sonderlich wo dessen ein Überfluß sei. »Ja,« sagte ich, »Madame, Sie saget mir wohl davon, wann ich nicht schon verheuratet wäre!« – »Das sind Possen!« antwortete das gottlose Weib, »man wird Euch solches heunt nacht nicht glauben; dann die verehelichte Cavaliers ziehen selten in Frankreich; und obgleich dem so wäre, kann ich doch nicht glauben, daß der Herr so alber sei, eher Durst zu sterben, als aus einem fremden Brunn zu trinken, sonderlich wann er vielleicht lustiger ist und besser Wasser hat als sein eigener.« Dies war unser Diskurs, dieweil mir eine adelige Jungfer, so dem Feur pflegte, Schuhe und Strümpfe auszog, die ich überall im Finstern besudelt hatte, wie dann Paris ohndas eine sehr kotige Stadt ist. Gleich hierauf kam Befehl, daß man mich noch vor dem[21] Essen baden sollte, dann bemeldtes Jungfräulein gieng ab und zu und brachte das Badgezeug, so alles nach Bisem und wohlriechender Seife roch. Das Leinengerät war vom reinesten Cammertuch und mit teuren holländischen Spitzen besetzt. Ich wollte mich schämen und vor der Alten nicht nackend sehen lassen; aber es half nichts: ich mußte dran, mich ausziehen und von ihr ausreiben lassen; das Jungferchen aber mußte eine Weile abtretten. Nach dem Bad ward mir ein zartes Hemd gegeben und ein köstlicher Schlafpelz von veielblauem Taffet angelegt samt einem Paar seidener Strümpfe von gleicher Farben. So war die Schlafhaube samt den Pantoffeln mit Gold und Perlen gestickt, also daß ich nach dem Bad dort saß zu protzen wie der Herzkönig. Indessen mir nun meine Alte das Haar trücknete und kämpelte, dann sie pflegte meiner wie einem Fürsten oder kleinen Kind, trug mehrgemeldtes Jungfräulein die Speisen auf, und nachdem der Tisch überstellet war, tratten drei heroische junge Damen in den Saal, welche ihre alabasterweiße Brüste zwar ziemlich weit entblößt trugen, vor den Angesichtern aber ganz vermaskiert. Sie dünkten mich alle drei vortrefflich schön zu sein, aber doch war eine viel schöner als die andre. Ich machte ihnen ganz stillschweigend einen tiefen Bückling, und sie bedankten sich gegen mir mit gleichen Zeremonien, welches natürlich sahe, als ob etliche Stumme beieinander gewesen, so die Redende agieret hätten. Sie satzten sich alle drei zugleich nieder, daß ich also nicht erraten konnte, welche die vornehmste unter ihnen gewesen, viel weniger, welcher ich zu dienen da war. Die erste Rede war, ob ich nicht Französisch könnte? Meine Landsmännin sagte: »Nein!« Hierauf versetzte die andre, sie sollte mir sagen, ich wollte mir belieben niederzusitzen. Als solches geschehen, befahl die dritte meiner Dolmetschin, sie sollte sich auch setzen, woraus ich abermal nicht abnehmen mögen, welche die vornehmste unter ihnen war. Ich saß neben der Alten gerad gegen diesen dreien Damen über, und ist demnach meine Schönheit ohn Zweifel neben einem so alten Gerippe desto besser hervorgeschienen. Sie blickten mich alle drei sehr anmutig, lieb- und huldreich an, und ich dörfte schwören, daß sie viel hundert Seufzen gehen ließen. Ihre Augen konnte ich nicht sehen funklen wegen der Masken, die sie vor sich hatten. Meine Alte fragte mich (sonst konnte niemand mit mir reden), welche ich unter diesen dreien vor die schönste hielte. Ich antwortete, daß ich keine Wahl darunter sehen könnte. Hierüber fieng sie an zu lachen, daß man ihr alle vier Zähne sahe, die sie noch im Maul hatte, und fragte: »Warum[22] das?« Ich antwortete, weil ich sie nit recht sehen könnte; doch soviel ich sähe, wären sie alle drei nicht häßlich. Dieses, was die Alte gefraget und ich geantwortet, wollten die Damen alsobald auch wissen; meine Alte verdolmetschte es und log noch darzu, ich hätte gesagt, einer jeden Mund wäre hunderttausendmal küssenswert; dann ich konnte ihnen die Mäuler unter den Masken wohl sehen, sonderlich deren, so gerad gegen mir über saß. Mit diesem Fuchsschwanz machte die Alte, daß ich dieselbe vor die vornehmste hielt und sie auch desto eiferiger betrachtete. Dies war all unser Diskurs über Tisch, und ich stellete mich, als ob ich kein französisch Wort verstünde. Weil es dann so still hergieng und eine so stumme Mahlzeit nit lustig sein konnte, machten wir desto eher Feirabend. Darauf wünschten mir die Damen eine gute Nacht und giengen ihres Wegs, denen ich das Geleite nicht weiter als bis an die Tür geben dörfte, so die Alte gleich nach ihnen zuriegelte. Da ich das sahe, fragte ich, wo ich dann schlafen müßte. Sie antwortete, ich müßte bei ihr in gegenwärtigem Bette vorliebnehmen. Ich sagte, das Bette wäre gut genug, wann nur auch eine von jenen Dreien darin läge. »Ja,« sagte die Alte, »es wird Euch fürwahr heunt keine von ihnen zuteil, Ihr müßt Euch zuvor mit mir behelfen.« Indem wir so plauderten, zog eine schöne Dame, die im Bette lag, den Umhang etwas zurück und sagte zu der Alten, sie sollte aufhören zu schwätzen und schlafen gehen! Darauf nahm ich ihr das Liecht und wollte sehen, wer im Bette läge. Sie aber löschte solches aus und sagte: »Herr, wann Ihm Sein Kopf lieb ist, so unterstehe Er sich dessen nicht, was Er im Sinn hat! Er lege sich und sei versichert, da Er mit Ernst sich bemühen wird, diese Dame wider ihren Willen zu sehen, daß Er nimmermehr lebendig von hinnen kommt!« Damit gieng sie durch und beschloß die Tür; die Jungfer aber, so dem Feuer gewartet, leschte das auch vollend aus und gieng hinter einer Tapezerei durch eine verborgne Tür auch hinweg. Hierauf sagte die Dame, so im Bette lag: »Alle, Monsieur Beau Alman, gee schlaff, mein Herz! gom, rick su mir!« So viel hatte sie die Alte Teutsch gelernet. Ich begab mich zum Bette, zu sehen, wie dann dem Ding zu tun sein möchte; und sobald ich hinzukam, fiel sie mir um den Hals, bewillkommte mich mit vielem Küssen und bisse mir vor hitziger Begierde schier die unter Lefzen herab; ja sie fieng an, meinen Schlafpelz aufzuklöpfeln und das Hemde gleichsam zu zerreißen, zog mich also zu ihr und stellete sich vor unsinniger Liebe also an, daß nicht auszusagen. Sie konnte nichts anders Teutsch als »Rick su mir, mein Herz!« Das übrige[23] gab sie sonst mit Gebärden zu verstehen. Ich gedachte zwar heim an meine Liebste, aber was half es? Ich war leider ein Mensch und fand eine solche wohlproportionierte Kreatur und zwar von solcher Lieblichkeit, daß ich wohl ein Bloch hätte sein müssen, wann ich keusch hätte davonkommen sollen; überdas operierten die Würste, die mir mein Doktor zu fressen geben hatte, daß ich mich von selbst stellte, als ob ich ein Bock worden wäre.

Dergestalt brachte ich acht Täg und so viel Nächte an diesem Ort zu, und ich glaube, daß die andern drei auch bei mir gelegen sein; dann sie redeten nicht alle wie die erste und stelleten sich auch nicht so närrisch. Und weil man mir auch so Würste am selben Ort vorstellte, mußte ich glauben, daß Mons. Canard solche auch zugerichtet und gnugsame Wissenschaft umb meine Händel gehabt habe. Ich war damals in der besten Blüt meiner Jugend, und sahe man blößlich die schwarze Milchhaar über den Lefzen herausstäuben. Wiewohl ich nun acht ganzer Tage bei diesen vier Damen war, so kann ich doch nicht sagen, daß mir zugelassen worden, eine einzige anders als durch eine Florhauben, oder es sei dann finster gewesen, im bloßen Angesicht zu beschauen. Nach geendigter Zeit der acht Tage satzte man mich im Hof mit verbundenen Augen in eine zugemachte Kutsche zu meiner Alten, die mir unterwegs die Augen wieder aufband, und führete mich in meines Herrn Hof; alsdann fuhr die Kutsche wieder schnell hinweg. Meine Verehrung war 200 Pistolet, und da ich die Alte fragte, ob ich niemand kein Trinkgeld davon geben sollte, sagte sie: »Beileib nicht, dann wann Ihr solches tätet, so würde es die Dames verdrießen; ja sie würden gedenken, Ihr bildet Euch ein, Ihr wäret in einem Hurenhaus gewesen, da man alles belohnen muß.« Nachgehends bekam ich noch mehr dergleichen Kunden, welche es mir so grob machten, daß ich endlich aus Unvermügen der Narrenpossen ganz überdrüssig ward, weiln die gewürzte Würste schier nichts mehr helfen wollten, woraus ich abnahm, daß sich Mons. Canard auch vor einen halben Ruffianen gebrauchen ließe, weil er dieselbe zurichtete.[24]

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 21-25.
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