Das neunte Kapitel.

[32] Simplex als Doktor nimmt eine Musketen,

Hilft ihm selbst durch Hasenfangen aus Nöten.


Da ich durch Lothringen passierte, gieng mir meine Ware aus; und weilen ich die Garnisonen scheuete, hatte ich keine Gelegenheit, andere zuzurichten. Derhalben mußte ich wohl was anders anfangen, bis ich wieder Theriak machen könnte. Ich kaufte mir zwei Maß Branntewein, färbte ihn mit Safran, füllete ihn in halblötige Gläslein und verkaufte solchen den Leuten[32] vor ein köstlich Göldenwasser, das gut vors Fieber sei, brachte also diesen Branntewein auf 30 fl. Demnach mirs auch an kleinen Gläslein zerrinnen wollte, ich aber von einer Glashütte hörete, die in dem Fleckensteinischen Gebiet läge, begab ich mich darauf zu, mich wieder zu mondieren; und indem ich so Abwege suchte, ward ich ungefähr von einer Partei aus Philippsburg, die sich auf dem Schloß Wagelnburg aufhielt, gefangen; kam also um all dasjenige, was ich den Leuten auf der Reise durch meine Betrügerei abgezwackt hatte. Und weil der Baur, so mir den Weg zu weisen mitgieng, zu den Kerln gesagt, ich wäre ein Doktor, ward ich wider des Teufels Dank vor einen Doktor nach Philippsburg geführet.

Daselbst ward ich examinieret und scheuete mich gar nicht zu sagen, wer ich wäre, so man mir aber nicht glauben, sondern mehr aus mir machen wollte, als ich hätte sein können; dann ich sollte und müßte ein Doktor sein. Ich mußte schwören, daß ich unter die kaiserliche Dragoner in Soest gehörig und von den Schwedischen in L. gefangen worden wäre. Item sagte ich, daß ich vom Gegenteil, so mich um die Ranzion nicht losgeben wollen, auf Köln durchgangen, mich wieder zu mondieren, von dannen ich wider meinen Willen in Frankreich, und also jetzt wieder herauskommen, mich wieder bei meinem Regiment einzustellen. Daß ich aber ein Weib beim Gegenteil genommen und Fähndrich alldort werden sollen, das konnte ich meisterlich verschweigen, der Hoffnung, mich ledig zu reden. So wollte ich alsdann den Rhein hinunter gewischet sein und die westfälische Schinken wieder einmal versuchet haben. Aber es hieße weit anders, dann mir wurde geantwortet, der Kaiser brauche sowohl in Philipptsburg als in Soest Soldaten; man würde mir bei ihnen Aufenthalt geben, bis ich gleichwohl mit guter Gelegenheit zu meinem Regiment kommen könnte. Wann mir aber dieser Vorschlag nicht schmecke, so möchte ich im Stockhaus vorliebnehmen und mich, bis ich wieder loskäme, als einen Doktor traktieren lassen, vor welchen sie mich dann auch gefangen bekommen hätten.

Also kam ich vom Pferd auf den Esel und mußte ein Musketierer werden wider meinen Willen. Das kam mich blutsaur an, weil der Schmalhans dort herrschte und das Kommißbrod daselbst schröcklich klein war. Ich sage nicht vergeblich: schröcklich klein; dann ich erschrak alle Morgen, wann ichs empfieng, weil ich wußte, daß ich mich denselben ganzen Tag damit behelfen mußte, da ich's doch ohn einzige Mühe auf einmal aufreiben konnte. Und die Wahrheit zu bekennen, so ist es wohl eine[33] elende Kreatur um einen Musketierer, der solchergestalt sein Leben in einer Garnison zubringen und sich allein mit dem lieben trocken Brod, und noch darzu kaum halb satt, behelfen muß. Dann da ist keiner anders als ein Gefangener, der mit Wasser und Brod der Trübsal sein armselig Leben verzögert. Ja, ein Gefangener hat es noch besser und ist weit glückseliger; dann er darf weder wachen, Runden gehen, noch Schildwacht stehen, sondern bleibet in seiner Ruhe liegen und hat so wohl Hoffnung als ein so elender Garnisoner, mit der Zeit einmal aus solcher Gefängnus zu kommen. Zwar waren auch etliche, die ihr Auskommen um ein kleines besser hatten, und auf unterschiedliche Gattungen, doch keine einzige Manier, die mir beliebte und, solchergestalt mein Maulfutter zu erobern, anständig sein wollte. Dann etliche nahmen (und sollten es auch verloffene Huren gewesen sein) in solchem Elend keiner andern Ursache halber Weiber, als daß sie durch solche entweder mit Arbeiten als Nähen, Wäschen, Spinnen oder mit Krämpeln und Schachern oder wohl gar mit Stehlen ernährt werden sollen. Da war eine Fähnrichin unter den Weibern, die hatte ihre Gage wie ein Gefreiter; eine andre war Hebamme und brachte dardurch sich selbsten und ihrem Mann manchen guten Schmaus zuwege. Eine andre konnte stärken und wäschen; diese wuschen den ledigen Offizierern und Soldaten Hemde, Strümpfe, Schlafhosen und ich weiß nicht was als mehr, davon sie ihre sondere Namen kriegten. Andere verkauften Toback und versahen der Kerl ihre Pfeifen, die dessen Mangel hatten; andere handelten mit Branntewein und waren im Ruf, daß sie ihn mit Wasser, so sich von ihnen selbsten distilliert, verfälschten, davon es doch seine Probe nicht verlor. Eine andre war eine Näherin und konnte allerhand Stich und Mödel machen, damit sie Geld erwarb; eine andre wußte sich blößlich aus dem Feld zu ernähren: im Winter grub sie Schnecken, im Frühling grasete sie Salat, im Sommer nahm sie Vogelnester aus, und im Herbst wußte sie sonst tausenderlei Schnabelwaide zu kriegen. Etliche trugen Holz zu verkaufen wie die Esel, und andere handelten auch mit etwas anders. Solchergestalt nun meine Nahrung zu haben und das Maulfutter zu erwerben, war nicht vor mich, dann ich hatte schon ein Weib. Etliche Kerl ernährten sich mit Spielen, weil sie es besser als Spitzbuben konnten und ihren einfältigen Kameraden das Ihrige mit falschen Würfeln und Karten abzuzwacken wußten; solche Profession aber war mir ein Ekel. Andere arbeiteten auf der Schanze und sonsten wie die Bestien; aber hierzu war ich zu faul. Etliche konnten und trieben etwan ein Handwerk; ich Tropf aber hatte[34] keins gelernet. Zwar wann man einen Musikanten vonnöten gehabt hätte, so wäre ich wohl bestanden; aber dasselbe Hungerland behalf sich nur mit Trommeln und Pfeifen. Etliche schillerten vor andere und kamen Tag und Nacht niemal von der Wacht; ich aber wollte lieber hungern als meinen Leib so abmergeln. Etliche brachten sich mit Parteigehen durch; mir aber ward nicht einmal vor das Tor zu gehen vertraut. Etliche konnten besser mausen als Katzen; ich aber haßte solche Hantierung wie die Pest. In Summa, wo ich mich nur hinkehrte, da konnte ich nichts ergreifen, das meinen Magen hätte stillen mögen. Und was mich am allermeisten verdroß, war dieses, daß ich mich noch darzu mußte foppen lassen, wann die Bursch sagten: »Solltest du ein Doktor sein und kannst anders keine Kunst als Hunger leiden?« Endlich zwang mich die Not, daß ich etliche schöne Karpfen aus dem Graben zu mir auf den Wall gaukelte; sobald es aber der Obrister inward, mußte ich den Esel darvor reiten, und war mir meine Kunst ferner zu üben bei Hängen verbotten. Zuletzt war anderer Unglück mein Glück; dann nachdem ich etliche Gelbsüchtige und ein paar Febrizitanten kurierte, die einen besondern Glauben an mir gehabt haben müssen, ward mir erlaubt, vor die Festung zu gehen, meinem Vorwand nach, Wurzeln und Kräuter zu meinen Arzneien zu sammlen. Da richtete ich hingegen den Hasen mit Stricken und hatte das sonderbare Glück, daß ich die erste Nacht zween bekam; dieselbe brachte ich dem Obristen und erhielt dadurch nicht allein einen Taler zur Verehrung, sondern auch Erlaubnüs, daß ich hinaus dörfte gehen, den Hasen nachzustellen, wann ich die Wacht nicht hätte. Weil dann nun das Land ziemlich erödet und niemand war, der diese Tiere auffieng, zumal sie sich trefflich gemehret hatten, als kam das Wasser wieder auf meine Mühle, maßen es das Ansehen hatte, als ob es mit Hasen schneiete oder ich in meine Strick bannen könnte. Da die Offizierer sahen, daß man mir trauen dörfte, ward ich auch mit andern hinaus auf Partei gelassen. Da fieng ich nun mein soestisch Leben wieder an, außer daß ich keine Parteien führen und kommandieren dörfte wie hiebevor in Westfalen; dann es war vonnöten, zuvor Wege und Stege zu wissen und den Rheinstrom zu kennen.[35]

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 32-36.
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