Der Vierdte Auffzug.


[57] Cornelia. Levin. Chloris. Sulpicius.

Fabricius. Flavia. Cassander.

Jn Sulpiciuss Behausung.


CORNELIA.

Jst denn der herbe Tag erschinen.

Da wir zu letzte dich bedinen.

Vnd kanst du von des Lebens Gaben /

Nichts als den Leichen-Zirath haben?

So nim von der / die dich gelibet /

Doch die unwissend dich betrübet /

Den Blumen-Schmuck / die ernste Reue /

Die Thränen / dieses Pfand der Treue[57]

Kan auch dein Geist nicht sanffte schlaffen /

Bleibt er stets wach umb mich zu straffen:

So ruh er / nun ich seinen Willen

Durchaus bereit bin zu erfüllen.

LEVIN.

Bleib de / hochwerther Freūd zu guter Nacht gegrüst /

Der du in jener Ruh umb mich nicht ruhig bist.

Der du durch deinen Tod / zu liben die beweget /

Die nicht mehr meinen Dinst / nun du es heist / ausschläget.

Cornelie soll denn mein Hertz das ihre seyn?

Erkauff ich dises Gutt durch des Verlustes Pein?

O Lib / ich steh' erstarrt / ob deinen Wunder-Thaten /

Du kanst in höchster Noth durch höchste Mittel rathen.

CHLORIS.

Jhm leider / doch nicht mir /

Mein Hertz / mein Trost und Zir /

Vns kan die Libe nicht / uns wird der Tod vermählen.

Hör Lib auff mich zu qvälen.

Nim du den Blumen-Krantz /

Wie diser Rosen Glantz

Verwelckt eh jemands meynt / so mustest du erblassen /

So plötzlich mich verlassen.

Jedoch dein Geist verspricht

Daß dich mein Seelen-Licht

Nichts könne mehr von mir: Nichts mich von dir abtrennen /

Laß dis mich bald erkennen.

Dis soll der Traw-Ring seyn /

Dis klägliche Gewein /

Die Thränen die von mir / auff deine Leiche flissen;

Gesell ich mit den Küssen.

Was schaw ich / sein Gesicht / erröthet mehr und mehr /

Die kalte Faust erwarmt.

CASSANDER.

He las traut nicht zu sehr

Es sont des visions, des histoires tragiques

Das Ding geht alles zu per certains traicts magiques.

LEVIN.

Schweig / Thor / Sulpicius, Freund /

CORNELIA.

Sulpicius,

CHLORIS.

Meine Sonn.

FABRICIUS.

Mein Herr.

FLAVIA.

Wer tod / bleibt tod.

CHLORIS.

Sulpicius meine Wonn /

CASSANDER.

Ha, l' extreme frayeur. Er eilt sich aufzurichten /

Reprennons vistement die Haus-Thür /

CHLORIS.

Ach / mit nichten.

CORNELIA.

Was schaw ich / sinds Gespenst? Woher der neue Geist?[58]

CHLORIS.

Hat Lib auf meine Bitt / diß Wunder-werck erweist.

LEVIN.

Sulpicius werther Freund. Kan ich dich lebend schauen?

CASSANDER.

Messieurs. Es ist fürwahr Phantosmes nicht zu trauen.

SULPICIUS.

Wer öffnet mir die Augenlider?

Vnd rufft mich in das Leben wider?

Wo bin ich? Chloris dein Gesichte /

Begabt es mich mit neuem Lichte?

Cornelie kan ihr Verlangen

Mich / den der Tod itzt hilt gefangen /

Herfodern aus der Leichen Scharen /

Vnd retten von der Todten-Bahren?

Levin läst mich nun dein Vergnügen

Nicht in dem kalten Grabe ligen?

Wie? War in Ohnmacht ich vergangen?

Hilt mich schon Phlegeton gefangen?

ALLE ZUSAMMEN.

O Wunder treuer Lib / O unerhörte Krafft /

Der Tod legt seine Pfeil vor Libes-Pfeilen nider /

Der längst entleibte Geist besucht die kalten Glider /

Vnd fängt zu leben an / nun es die Libe schafft!

CHLORIS.

Wiewol hab ich gesehn /

Es werde bald geschehn;

Daß / wie mich heint dein Geist vertröstet sonder scheiden /

Entsetzt von Leid und Leiden /

Jch mich mit dir / mein Hertz

Vermählet / ausser Schmertz /

Jn fest verknüpffter Trew / würd inniglich erquicken.

Diß kan die Libe schicken /

CORNELIA.

Jsts möglich daß / O mein Verlangen /

Du nun bist Tod und Grab entgangen /

Soll mit liebreicher Seel vertrauen

Jch dich als meinen Sohn anschauen?

Ja / möglich ists / was ich versprochen /

Wird durch dein Leben nicht gebrochen.

Ko i / und umbfang uns beyd / sie als ein Bräutigam /

Mich als ein libster Sohn. Es grüne beyder Stamm

Biß sich der Zeiten Zeit in Ewigkeit verkehrt /

Vnd in der Libe Glutt der Tod sich selbst verzehrt.

SULPICIUS.

Ach / wer ist mehr vergnügt in dieser Welt / als wir /[59]

LEVIN.

Cornelia, mein Hertz vertraut sich einig dir.

CORNELIA.

Es traue. Wir sind fest / und ni iermehr zu scheiden.

FABRICIUS.

Vnd wie denn Flavia? Wie steht es mit uns beyden?

FLAVIA.

Hir hast du meine Trew: Gib du mir deine Hand.

CASSANDER.

Et moy! hab' ich allein die Zeit mal angewand?

ALLE ZUSAMMEN.

Es lebe die Libe / was Libe wird binden:

CASSANDER.

Es sterbe die Libe / was Libe wird binden:

ALLE.

Wird nicht die Hitze der Trübsal entzünden.

CASSANDER.

Wird stets die Hitze der Trübsal empfinden.

ALLE.

Es lebe die Libe / was Libe bewehret:

CASSANDER.

Es sterbe die Libe / was Libe bewehret:

ALLE.

Wird nicht von Neid und Verleumdung verzehret.

CASSANDER.

Wird stets durch Neid und Verleumdung beschweret.

ALLE.

Es lebe die Libe / was Libe gekrönet:

CASSANDER.

Es sterbe die Libe / was Libe gekrönet:

ALLE.

Hat Tod und Jammer und Elend verhöhnet.

CASSANDER.

Wird nun von Jammer und Elend verhöhnet.

ALLE.

O wunder treuer Lib / O unerhörte Krafft.

CASSANDER.

O rasen toller Lib / O unerhörte Krafft /

ALLE.

Der Tod legt seine Pfeil vor Libes-Pfeilen nider.

CASSANDER.

Der Tod wirfft selbst die Pfeil vor Libes-Pfeilen nider.

ALLE.

Der längst entleibte Geist besucht die kalten Glieder /

Vnd fängt zu leben an. Nun es die Libe schafft.

ALLE.

Es lebe die Libe / etc.

CASSANDER.

Es sterbe die Libe / etc.

Quelle:
Andreas Gryphius: Verliebtes Gespenst, Die geliebte Dornrose. Berlin 1963, S. 57-60.
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