9.

Beschluß deß Jahres

[87] 1.

Je mehr wir Jahre zehlen:

Je mehr vns Tage fehlen/

Je mehr vns Zeit abgeht:

Diß Leben selbst verschwindet:

Weil sich das Alter findet.

Vnd seine Maß erhöht.


2.

Wie vns die Jahr entfallen

Weil wir auff Erden wallen/

Wie sich das Ziel abkürtzt:

So wird mit ihm verlohren/

Was in der Zeit geboren

Die alles fäll't vnd stürtzt.


3.

In dem ein Jahr vergangen:

Hat eines angefangen/

Den Anfang führt das End/

Vor stig die Sonne nieder:

Itzt kommt ihr Wagen wieder

Der schon was höher rennt.
[87]

4.

So/ ob wir hier veralten:

Ob Händ vnd Hertz erkalten/

Gehn wir doch gar nicht ein:

So viel wir abgenommen/

So nahe sind wir kommen

Der Wollust oder Pein.


5.

Ach Menschen/ diese Jahre

Die führen nach der Baare

Vnd noch der Baar zur Kron:

Sie führen zu dem Throne/

Dem ewig hohen Lohne

Wo nicht zu stetem Hohn.


6.

Vnendlich ewig Wesen:

Durch dessen Tod genesen/

Was Zeit vnd Jahre zehlt!

Ach laß vnendlich Leben

Für die du dich gegeben/

Vnd zu der Braut erwehlt!


7.

Sol sie die Zeit bewehren/

So laß sie nicht beschweren

Mit dem was zeitlich ist/

Gib ewige Gedancken:

Der; die in diesem Schrancken

Zur Ewigkeit erkist


8.

Daß wenn sie abgeleget/

Was sie als sterblich träget/[88]

Der rauen Jahre Last.

Sich zu dir mög' erheben

Der du ein Mensch im Leben/

Jahr' auch gezehlet hast.

Quelle:
Andreas Gryphius: Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke. Band 1, Tübingen 1963, S. 87-89.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Klingemann, August

Die Nachtwachen des Bonaventura

Die Nachtwachen des Bonaventura

Erst 1987 belegte eine in Amsterdam gefundene Handschrift Klingemann als Autor dieses vielbeachteten und hochgeschätzten Textes. In sechzehn Nachtwachen erlebt »Kreuzgang«, der als Findelkind in einem solchen gefunden und seither so genannt wird, die »absolute Verworrenheit« der Menschen und erkennt: »Eins ist nur möglich: entweder stehen die Menschen verkehrt, oder ich. Wenn die Stimmenmehrheit hier entscheiden soll, so bin ich rein verloren.«

94 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon