11.

Christus wird vor Pilato vnd Herode verklaget

[129] Auff die Melodie/ O Mensch bewein dein Sünde.


1.

Ob gleich der Lichte Tag anbricht:

Lässt man das Werck der Nacht doch nicht/

Man wil den Mord vollenden.

Man eylt Pilati Richtstul zu/

Kein Hertz ist mehr/ das etwas thu/

Den grimmen Schlag zu wenden.

Doch muß mit neuer Sanfftmutschein/

Die Grausamkeit bemäntelt seyn;

Man wil das Blut-Hauß meiden!

Man wil die Ostern rein begehn/

Vnd heisst doch für dem Richter stehn

Der ohne Schuld muß leiden.


2.

Pilatus fragt: was klagt ihr Mir?

Sie sprechen laut; wir hätten dir

Den Mann nicht vorgestellet;

Wenn über seine Mißethat/

Nicht der gesetzte Kirchen-Rath

Ein Vrtheil schon gefället.

Wol/ spricht Pilatus: ist es klar/

Daß man nichts weiter fragen thar?

So last Ihn selbst hinrichten.[129]

Vollziht was eur Gesetz außweist:

(Wo ein Gesetz euch dieses heisst.)

Sie ruffen stracks; mit nichten!


3.

Das Bluttrecht ist vns hier nicht frey;

Doch daß du wissest/ wer Er sey/

So hör auff vnser Klagen:

Der ists/ der Volck auff Volck anhetzt/

Der sich dem Käyser widersetzt/

Vnd lehrt die Steur abschlagen.

Der Christum sich vnd König nennt/

Vnd wider Kirch vnd Regiment/

Ein grimmes Werck beginnet.

Der alle sucht zu machen frey/

Vnd durch verfälschte Ketzerey/

Das weite Land gewinnet.


4.

Drauff fragt Er Jesum gantz allein:

Solst du der Juden König seyn?

Woher mit dieser Frage?

Spricht Christus: hast du diß auß dir?

Sagt es einander wol von mir?

Du sihst wer dich verklage/

Sagt Pontius/ was geht mich an/

Was wol ein Jude glauben kan/

Dein Volck hat dich gefangen.

Hat dich die Schaar der Priester nicht

Geliefert selbst für mein Gericht?

Was hast du doch begangen?


5.

Mein Reich ist nicht von dieser Welt/

Spricht Christus: wenn es hier bestellt

Man würde vor mich kämpffen/

Vnd suchen mit entblöstem Schwerdt/

Ja angesteckter Kirch vnd Heerd/

Der Juden Trotz zu dämpffen.

Pilatus spricht: so wilst du doch

Ein König seyn? Ich bin es noch/

Sagt Jesus: vnd ankommen/

Ja bin geboren in die Welt/

Daß Ich der Warheit Reich anstellt.[130]

Mich hört/ wer sie vernommen.


6.

Was Warheit? Fing Pilatus an.

Vnd zu den Juden: glaubt ich kan

Hier keine Schuld ergründen!

Sie klagten mehr: Doch Ihr Gedicht

War auch der Antwort würdig nicht/

Drumb ließ es Jesus schwinden!

Sie schryen: Er hat das Land bewegt/

Vnd Galileam gantz erregt.

Da diß Pilatus höret/

Sprach Er: Verschont/ daß Ich nichts thu?

Die Sache kömpt Herodi zu/

Den Galilea ehret.


7.

Drauff ward Er vor Herodem bracht/

Der zu dem Fest sich auff gemacht/

Wie ehermal geschehen:

Er hatte Jesum offt begehrt/

Vnd hoffte/ nun Er Ihm gewehrt/

Ein Zeichen anzusehen.

Drumb fragt Er mancherley vnd viel/

Doch weil Er nichts antworten wil/

Gesetzt auch was man sage:

Hat Ihn Herodes nur veracht;

In weisser Kleidung außgelacht/

Mit sambt der Juden Klage.


8.

So wird das Werck nach Art der Welt/

Pilato wider heimgestellt/

Vnd doch der Haß geleget/

Der zwischen beyden vor entbrandt/

Vmb das deß Richters schnelle Hand

Herodiß recht beweget.

Man klagt dich allenthalben an!

Vnd keiner ist/ der richten kan/

Dich Richter aller Heyden.

Doch weil mich meine Sünd anklagt/[131]

Hast du dich/ Herr/ vor mich gewagt/

Die Klag vnd Schmach zu leiden.

Quelle:
Andreas Gryphius: Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke. Band 1, Tübingen 1963, S. 129-132.
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