17.

Deß Herren Jesu letzte Wort

[142] In der Melodie: O Mensch schau Jesum Christum an!


1.

Das ew'ge Wort! deß höchsten Kind/

Dein Trost/ dein Heil vnd Ruh.

Das Opffer Mensch vor deine Sünd

Spricht dir vom Creutze zu:

Ach! gib acht/ an diesem Ort

Auff's Mittlers letzte Wort.


2.

Er hängt am Holtz vol Pein vnd Spot

Mit Schmach vnd Blutt bedeckt/

Er ringt mit Gottes Zorn vnd Tod/

Doch wird sein Geist erweckt/

Daß/ wie hoch der Schmertz Ihn kränckt

Er dich/ nicht sich bedenckt.


3.

Verzeih (spricht Er) der blinden Schaar/

Mein Vater! Ach verzeih!

Sie fühle keine Zorn-Gefahr:

Sprich sie der Straffe frey!

Heische nicht von Ihr mein Blutt/

Sie weiß nicht was sie thut.
[142]

4.

Der Mörder rufft: Herr denck an mich:

Wenn du dein Reich erlangst!

In Warheit/ Ich versich're dich/

Spricht Er : daß du auß Angst

Heut ins Paradiß versetzt/

Mit mir solst sein ergetzt.


5.

Als Er des liebsten Jüngers Leid/

Der Mutter Schmertz erblickt:

Hat Er mit Trost vnd Rathe beyd

Wie vor mit Hülff erquickt:

Weib! diß ist dein Sohn/ thu nun/

Du/ was ein Sohn kan thun.


6.

Vmbringt mit Ach! mit Hohn vnd Weh:

Schreyt Er zu Gott für sich!

Gott/ mein Gott/ mein Gott ie vnd eh/

Ach warumb hast du Mich!

Warumb hast du Mich allein

Verlassen in der Pein?


7.

Verbluttet/ matt/ ohn Stärck vnd Krafft

Vons Himmels Zorn durchbrennt/

Gleich einer Scherben sonder Safft

Vnd näher seinem End/

Hört wie Er: Mich dürstet/ klag'

Vnd nach Erquickung frag'.


8.

Als man mit Myhrren-Eßig Ihn

In höchster Wehmut tränckt/

Mit dem Elias fort heisst zihn/

Vnd mit viel höhnen kränckt/

Gibt Er allen gutte Nacht/

Vnd spricht: Es ist vollbracht.


9.

Rufft auch bald laut: In deine Händ

Befehl Ich meinen Geist!

O Vater: Vnd eylt selbst zum End/

Eh' Schmertz vnd Tod es heisst/

Er neigt sein Haupt/ dem der Tod

Vnd Leben zu gebott.
[143]

10.

Herr der du für mein Leben stirb'st/

Vnd durch deß Creutzes Pein/

Mir deines Vatern Reich erwirbst/

Sprich mir die Trost-Wort ein:

Wenn der Tod nun auff mich harrt/

Vnd Aug vnd Zunge starrt.

Quelle:
Andreas Gryphius: Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke. Band 1, Tübingen 1963, S. 142-144.
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