2.

Unsers Erlösers Fußwaschen

[105] Auff die Melodie: Nun last vns Gott den Herren.


1.

Dem Tausend Seraphinen

Vnd Zehnmal Tausend dienen:

Dem alle Welt sich neiget/

Vnd zitternd' Ehr erzeiget.


2.

Hat das Er gleich gesetzet

Dem Vater nicht geschetzet/

Dem Vater/ der die Erden

Durch ihn/ sein Wort hieß werden.


3.

Er ist vmb vns zu dienen[105]

In Knechts Gestalt erschienen.

Vnd als das Maal geheget/

Hat Er sich abgeleget.


4.

Mit einem Schurtz vmbhüllet/

Ein Becken eingefüllet/

Vnd vor der Jünger Füssen

Zu knyen sich beflissen.


5.

Die fangt Er an zuwaschen!

O Mensch! O Erd! O Aschen!

Hat der/ den Gott gezeuget!

Sich dir so tieff gebeuget.


6.

Kan dieses Liebe-Zeichen

Nicht Judas Hertz erweichen/

Nein! Die verstockte Sinnen/

Mag keine Treu gewinnen!


7.

Doch Petrus/ als Er siehet/

Wie sich sein Jesus mühet:

Fängt eilends an zu fragen!

Was wilst du Meister wagen?


8.

Was ich ietzt wil verrichten!

Versteht dein Hertz mit nichten!

Spricht Jesus: Wenn's geschehen!

Wirst du was ferner sehen.


9.

Herr! saget Petrus wider:

Hör: eh du fallest nieder:

Eh ich mir meine Füsse

Von dir berühren lisse/


10.

Solt' Himmel/ Lufft vnd Erden

Mir feind' vnd herbe werden.

Wasch ich dir nicht die Füsse/

Fährt Jesus fort/ so wisse/


11.

Daß du kein Theil kanst haben[106]

An Mir vnd meinen Gaben.

Drauff spricht Er/ wil ich eben

Dir Herr/ nicht widerstreben.


12.

Ich wil dir Füß/ ingleichen

Auch Haupt vnd Hände reichen.

Nein/ sagt der Herr/ wer reine/

Wäscht nur die Füß alleine.


13.

Rein seyd ihr/ doch nicht Jeder.

Er trucknet' alle wider/

Bekleidet sich vnd lehrte/

Warumb Er so sie ehr'te.


14.

Ihr pflegt mich Herr zu nennen:

Sprach Er; vnd must bekennen:

Daß ich zur Himmels-Thüre

Euch/ als ein Meister/ führe.


15.

Wenn nun ich meine Hände

Zu euren Füssen wende/

Mögt ihr mir wol nacharten/

Einander selbst auffwarten.


16.

Diß Beyspiel könnt ihr nehmen/

Es darff kein Knecht sich schämen/

Der weise nach zu leben/

Die ihm sein Herr gegeben.


17.

Wie hoch seyd ihr zuschätzen/

Wo ihr dem nach könn't setzen.

Wie selig wil ich preisen:

Die würcklich diß erweisen.


18.

O Qvell der Lieb vnd Lebens!

Der wäscht vnd liebt vergebens:

Der durch dein Blut nicht reine

Dich durch dich lib't alleine.

Quelle:
Andreas Gryphius: Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke. Band 1, Tübingen 1963, S. 105-107.
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