5.

Deß Herren Christi Todes-Angst vnd Blut-Schweiß in dem Oelberg

[112] Auff die Melodie deß 130. Psalms. Oder: Hertzlich thut mich verlangen.


1.

Ihr Hertzen: voll von Sünden/

Die grimme Schuld' ansteckt.

Die böse Lüst entzünden/

Die ihr den Zorn erweckt/

Der schon mit Schwefel-Regen

Vnd lichter Blitzen macht/

Vnd harten Donnerschlägen:

Auff eurem Haupt erkracht.


2.

Schaut/ wie das Leben zage

Ob eurer Laster Last/

Wie sehnlich Jesus klage/

Vnd wie die Stärck erblasst.

Wie wolt ihr doch bestehen/

Vor Gottes Richter-Thron!

Wenn schier in Angst vergehen

Wil sein Gerechter Sohn?


3.

Er heisst die Jünger wachen

Auff einem Ort' allein:

Vnd bey so schweren Sachen

Mit beten embsig seyn:

Doch Zebedeus Kinder

Vnd Petrum führt Er mit:

Bald bebet für vns Sünder

Sein freudenreich Gemüth/


4.

Ach! spricht Er! Furcht vnd Schmertzen

Dringt häuffig zu mir ein/

Die Krafft in meinem Hertzen

Verschwindt' in Todes Pein.

Bleibt munter hier; Ich gehe[113]

Zu klagen meine Noth/

Die Angst in der Ich stehe

Dem Allmacht-vollen Gott.


5.

Da Er von Ihnen kommen

Schier einen Steinwurff weit/

Fällt Er/ gantz eingenommen

Von überschwerem Leid

Auff sein Gesicht zur Erden/

Der sonst die gantze Welt

Vnd was Er ie hieß werden/

In festem Stand erhält.


6.

Ach! Schöpffer aller Sachen;

Ach Vater/ fäng't Er an:

Dem/ wenn Er was wil machen/

Nichts widerstehen kan.

Ists möglich/ das dein schlissen

Sonst' außzuführen sey/

Als durch mein Bluttvergiessen/

So sprich deß Kelchs mich frey.


7.

Doch nicht nach meinem bitten/

Nach deinem Willen thu:

Schick eh der Hellen wütten

Auff diese Seele zu/

Zeuch Schwefellichte Flammen/

Ruff' Ewig-Ach vnd Weh

Eh' über mich zusammen/

Als nicht dein Rath fortgeh.


8.

Bald weckt Er seine Schaaren

Vnd sprach dem Simon zu/

Köñt' ihr so sicher fahren/

Wilst du die süsse Ruh

Nicht eine Stund auffschieben?

Ach wacht vnd schreyt zu Gott!

Den Geist mag nichts betrüben/

Dem Fleisch graut vor dem Tod!
[114]

9.

Er gieng mit mattem Hertzen/

Vnd schrey zum andernmal/

Sol Ich den Kelch voll Schmertzen/

Voll Wermuth-herber Qual/

Voll Jammers/ gantz außtrincken/

Mein Vater/ so besteh

Dein weises Gut-Bedüncken!

Dein/ nicht mein Wuntsch ergeb!


10.

Die Jünger mochten eben

Vor fauler Traurigkeit:

Die Augen kaum erheben/

Drumb eilt in solchem Leid

Der Herr für Gott zu treten/

Kans/ sprach er/ Vater seyn/

Was ich so hoch gebeten:

Erlaß mich dieser Pein.


11.

Biß auff so sehnlich klagen

Ein Engel ihn erblickt;

Vnd seyn/ in grimmen Zagen

Beklemmtes Hertz erquickt:

Doch hilt Er an mit bitten/

Der nun in höchstem Zwang

Beb't ob der Hellen wütten/

Vnd mit dem Tode rang.


12.

Sein Blutt/ das durch die Glieder

Schwitzt vnd die Wangen netzt

Vnd vmb die Augenlieder/

Sich Tropfenweiß ansetzt/[115]

Troff dichter auff die Erden.

Was Gott vermaledeyt

Wird rein vnd fruchtbar werden

Weil dieser Tau es weyht.


13.

Als er in dessen innen/

Das Feind vnd Waffen nah/

Vnd schon das Mord-beginnen

Deß Ertztverräthers sah;

Weckt Er die in dem Garten;

Auff! liebsten Jünger auff/

Itzt ists nicht zeit zu warten/

Dort kommt der Sünder Hauff'.


14.

O wahre Freud! O Leben/

In dem mir ewig wol!

Wenn ich die Welt begeben/

Vnd vor Gott treten sol;

So hilff mirs frölich wagen

Auff den Angst-Schweiß allein/

Dein jammervolles Zagen

Laß mein' erquickung seyn.

Quelle:
Andreas Gryphius: Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke. Band 1, Tübingen 1963, S. 112-116.
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