10.

Vber die Geburt deß Herrn

[55] 1.

Süsses Kind/ der Vätter hoffen:

Kind der Menschen Lösegeldt/[55]

Steht der Himmel nunmehr offen?

Liefert Gott dich jtzt der Welt?

Heyland wirst du nun gebohren

Zu erlösen was verlohren?


2.

Den eh' ewig angebrochen

GOTT jhm ewig gleich gebahr:

Wortt das GOTT hat außgesprochen

Das im anfang war/ vnd wahr;

GOTT das Wort komm't auf die Erden,

Wunder! Gott soll Fleisch hier werden/


3.

Heiligkeit der höchsten Gütte!

Ach! verläst du deinen Thron!

Wie entsetzt sich mein Gemütte!

Wird Gott eines Menschen Sohn?

Den nichts was er schuff kan schlissen:

Kan die zarte Jungfer küssen.


4.

Ach! Er komm't/ er wird gebohren

Weil der bleiche Monden wacht

Vor dem Liecht sein Liecht verlohren/

Kommt verhüll't mit schwartzer Nacht.

Den viel tausend Jahr begehret:

Wird eh' als man meynt beschehret.


5.

Doch er wird/ den alle kennen

Nicht von seinem Volck' erkannt.

Der die Welt sein Hauß kan nennen[56]

Wird in einen Stall verbannt/

Der der Erden grund beweget

Wird auff dürres Hew geleget.


6.

Dem der Donner zu gebotte

Dem der Blitz zu dinste steht

Der an Macht dem höchsten Gotte

Alß an wesen gleiche geht

Der was ist vnd ward/ gebawet

Wird hier alß ein Kind geschawet.


7.

Kan der Schöpffer ein Geschöpffe

Kan die Jungfraw Mutter seyn?

Tritt diß Kind der Drachen Köpffe?

Vnd deß Sathans scheytel eyn?

Wird die Weißheit selbst zum Kinde?

Trägt die Vnschuld meine Sünde?


8.

Irr' ich? nein! ich schaw den Himmel

Selbst mit frewden schwanger gehn?

Vnd mit jauchtzendem getümmel

Tausend Engel vmb mich stehn!

Engel/ die zu Ehren singen

Dem der vnß wil Frieden bringen.


9.

Alles frolock't! alles lachet!

Nur mein hochbetrübtes Hertz;

Das im jammer few're krachet:

Das der Marter-volle Schmertz/

Mit stets newen Geisseln plaget/

Schmacht bey dieser Frewd vnd zaget.
[57]

10.

Augen/ die jhr alles sehet/

Seht was meine Seele schätzt:

Schawt wie mich der Sathan schmähet

Schawt/ wie mich die Welt verletzt/

Schaw't wie mich die Nacht erschrecket

Vnd mit trawrigkeit verdecket.


11.

Arm/ verlassen/ vnd alleine

Fall ich für dir auff die Knie!

Vnd wen wunderts daß ich weyne?

Ist mein Leben nicht voll müh?

Könt ich wol die Thränen zwingen,

Wenn du selbst sie must vor dringen.


12.

Wer die wollust trawrig schawet:

Wer die Frewde klagen hört.

Wenn für dem/ der Erden grawet

Der sich selbst der Welt verehrt?

Könnte man im Thal der zehren:

Sich den Herber Angst erwehren.


13.

Doch dein weynen bringt zu wegen:

Was allein ich wündschen soll.

Daß sich meine Schmertzen legen;

Daß mir in vnd durch dich wol:

Daß ich frey von leid vnd rewen:

Mich mit dir werd' ewig frewen.
[58]

Quelle:
Andreas Gryphius: Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke. Band 1, Tübingen 1963, S. 55-59.
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