41.
Auf das Absterben einer Adlichen Frauen

[114] Auf Seel! auf! mag ein Mensch die Greuel länger sehn.

Sucht man die Tugend nicht gantz aus der Welt zu dringen;

Was soll mich länger dann allhier zu wohnen zwingen/

Solt ich vor jener Lust nicht diese Noth verschmähn?

Zwar scheint es um dein Hauß/ der Glieder Bau/ geschehn/

Den Jahre/ Sorg/ und Qual bestürmen und bespringen/

Doch wird des Grabes Ruh ihn in Beschützung bringen/

Laß Länder um die Cron/ in der du prangest/ flehn

Auf/ Gott dein Heyland kommt; erwart/ O müde nicht!

Daß er dich schlummernd find/ entzünde Lamp und Licht/

Und eil/ eh er erschein/ entgegen ihm zu gehen/

Auf! rechte Liebe sucht auch bey der finstern Nacht/

Du weist schon wo er sey: Fand ihn/ als er erwacht/

Maria nicht ergötzt/ dem Grabe nahe stehen?

Quelle:
Andreas Gryphius: Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke. Band 1, Tübingen 1963, S. 114-115.
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