1.

Morgen Sonnet

[65] Die ewig helle schar wil nun jhr licht verschlissen/

Diane steht erblaßt; die Morgenrötte lacht

Den grawen Himmel an/ der sanffte Wind erwacht/

Vnd reitzt das Federvolck/ den newen Tag zu grüssen.

Das leben dieser welt/ eilt schon die welt zu küssen/

Vnd steckt sein Haupt empor/ man siht der Stralẽ pracht

Nun blinckern auf der See: O dreymal höchste Macht

Erleuchte den/ der sich jtzt beugt vor deinen Füssen.

Vertreib die dicke Nacht/ die meine Seel vmbgibt/

Die Schmertzen Finsternüß die Hertz vnd geist betrübt/

Erquicke mein gemüt/ vnd stärcke mein vertrawen.

Gib/ daß ich diesen Tag/ in deinem dinst allein

Zubring; vnd wenn mein End' vnd jener Tag bricht ein

Daß ich dich meine Sonn/ mein Licht mög ewig schawen.

Quelle:
Andreas Gryphius: Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke. Band 1, Tübingen 1963, S. 64-65.
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Andreas Gryphius
EAN 9783843004480, 123 Seiten

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