Das bethränte Breßlau bey Hr. C. von H. Beerdigung

Budorgis sazte sich, weil, was Sie vor gezieret,

Mit ihrem ATLAS fiel, in blassen Todten-Graus.

Und starrt', als wäre sie vom Donner-Strahl gerühret,

Brach aber doch zulezt in diese Seufzer aus:

Erzürnter Himmel komm', und schütte deine Blizen

Auf die gekränckte Schos! Komm, häuffe Streich auf Streich,

Und mache meinen Thron, der auf den Ceder-Stützen,

Die du zerschmettert, stund, der Gräber Asche gleich!

Ich hab' es längst verdient. Ich tadel deine Schlüsse

Und ernste Strafen nicht, ich ehre deinen Schlag:

Nur steh mir dieses zu, daß ich die Hertzens-Risse,

Den kläglichen Verlust genung beweinen mag.

Ihr Töchter Schlesiens bejammert meine Schmertzen,

Schaut eurer Fürstin Angst nicht sonder Thränen an,

Nehmt meine Seelen-Quaal, mein Leiden, recht zu Hertzen

Und sprecht: Budorgis, ach! es ist umb dich gethan!

Dein Lorber-Baum verdorrt, dein Rosen-Stock verblühet,

Dein Ancker bricht entzwey, dein Schutz-Gestirn vergeht,

Dein stärckster Pfeiler fällt. Wer in die ferne siehet,

Sieht wol, daß über dir ein schwer Gewiter steht.

Ach Schwestern! Freylich ist des Höchsten Zorn-Gerichte

Auf überhäufte Pein und neues Weh bedacht:

Als meine Sonne schien, war alles klar und lichte,

Auf ihren Untergang folgt eine düstre Nacht.

Ach Sonne! die zu früh, zu plötzlich hingegangen,

Wie herrlich zierte mich dein angenehmer Glantz!

Ich konte mit dem Kern der Wissenschafften prangen,

Und Frembde liessen mir den schönen Sieges-Krantz.

[381] Der Guarini schwieg vor meines Pindus singen,

Sein Schäfer schmückte sich mit unsrer Landes-Tracht:

Marin vermochte nicht sich gegen uns zu schwingen,

Wie hönisch er vorhin ein deutsches Lied verlacht:

Erhub Venedig gleich des Loredano Sinnen,

Erlangte Gratian vom Tagus ein Altar:

Mein Phöbus zeigte schon den deutschen Pierinnen,

Was mehr als Gratian und Loredano war.

Der Britten Lichter sind vor seinem Licht' erblichen,

Das kluge Franckreich warf ein neidisch Aug' auf mich:

Rom hat die Segel oft vor mir und Ihm gestrichen,

Von Deutschland sag' ich nichts, weil Opitz selber mich.

Ach Fürst der Poesi! Ach Brunqvell edler Künste!

Was hätte nicht die Welt von deiner Hand erblickt?

Wenn nicht Bescheidenheit, das köstlichste Gespinste,

Das Seid' und Scharlach trozt, entwunden und zerstückt.

Du hast, was seltsam ist, den Ehren-Durst bezwungen,

Und deinem eignen Ruhm selbst Ziel und Maaß gesezt;

Biß andrer Frevel-Faust dir Schrifften abgedrungen,

So die gelehrte Welt vor Wnnder-Wercke schäzt.

Doch hat dich nicht allein der Lorber-Krantz gezieret,

Die Klugheit legte dir der Würde Purpur an;

Du hast mein wanckend Schif vernünftig angeführet,

Und mehr als Phocion und Fabius gethan.

Dein himmlischer Verstand gefiel den Majestäten

Des grossen Oesterreichs: Sie sahen deinen Witz

Mehr als genädigst an, und gönten bey den Räthen

Des hohen Kayser-Stuls dir einen Ehren-Sitz.

Daß kein erhizter Sturm mein Glück' und Wolseyn fällte,

Erhielt ich meistentheils durch deinen weisen Rath,

Biß dich der Sternen-Schluß selbst an das Ruder stellte,

Das deine Hand zwar kurtz, doch wohl gelencket hat.

Ach Auge! das so scharf zu meinem Heil gesehen,

Ach Auge! das vor Kirch' und Rathhaus stets gewacht.

Ach Sinnen! die ihr diß, was vormals ie geschehen,

Was gegenwärtig war, was künftig schien, bedacht:

[382] Ach nie gesparter Fleiß! der täglich unverdrossen

Vor meine Ruh gesorgt: Gelehrt- und kluger Mund!

Aus dem der Grichen Schertz, der Römer Ernst geflossen!

Der vor so manchen Riß des Vaterlandes stund.

Standhafte Redligkeit! die keine List, kein Dräuen,

Kein schnöder Eigen-Nutz, kein Silber überwog.

Magneten-gleiche Huld! die ieden kont' erfreuen,

Die meiner Bürger Hertz und Neigung nach sich zog:

Die von den Dornen selbst oft Blumen abgelesen,

Und in das schärfste Recht viel Honig eingeflöst.

Ach Tugend! sol dein Haus, dein Tempel izt verwesen?

O Zufall! der ein Schwerd durch meine Brüste stöst.

Pflegt das Verhängnis denn so wunderlich zu spielen?

Kan Klett' und Hagedorn des Winters Grimm bestehn?

Muß nur der Rosen-Glantz des Nordens Toben fühlen?

Und, was aufs schönste blüht, zum ersten untergehn?

Muß auch ein Ceder-Stamm sich vor dem Donner beugen?

Macht Kunst und Wissenschaft nicht von dem Sterben frey?

So ists: Mein itzig Leid wird diesen Satz bezeugen,

Ich lerne nur zu viel, daß nichts beständig sey.

Verworffener Aprill! in meinen Tage-Büchern

Sol dein betrübtes Licht, dein Wolcken-voller Schein,

Der Florens Schmuck verhüllt mit schwarzen Klage-Tüchern,

Durch Thränen ausgelöscht und ausgetilget seyn:

Durch Thränen, welche die zugleich mit mir vergissen,

Die wahre Vater-Treu und ungefärbte Pflicht

Der keuschen Liebes-Glutt durch diesen Schlag vermissen,

Der Ihr- und meinen Stab in tausend Stücke bricht.

Weint, Schwestern, über mir! Ich habe diß verlohren,

Was mich ins göldne Buch der Ewigkeit geprägt:

Der bleiche Kummer wohnt in allen meinen Thoren:

Mit kurtzem: Meine Pracht ist in den Staub gelegt.

Izt solt' ich auf Dein Grab, erblaster ATLAS, dencken,

Und wäre nur die Kraft, wie Wunsch und Willen ist,

So wolt' ich dich in Gold und Alabaster sencken,

Es würde nichts, was groß und ewig macht, vermißt:

Bernini solte Dich in theuren Jaspis hauen,

Die Grab-Schrift legte man mit Amethysten ein;

Weil aber mir versagt, dergleichen Gruft zu bauen,

[383] So sol Dein bestes Grab der Bürger Seele seyn.

Ich schwere bey dem Schmertz, der meine Sinnen kräncket,

Der diese Brust verzehrt: Wer nicht mit steter Pflicht

Dein Helden-Bild verehrt, und doch darbey gedencket

Mein rechter Sohn zu seyn, den kennt Budorgis nicht.

Quelle:
Deutsche Nationalliteratur, Band36, Stuttgart [o.J.], S. 381-384.
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