XII. Der Stern des Bundes

[243] Um jeden Gott entsteht neuer Kosmos, neues Weltbild, einerlei wie viele es sehen. Jede sogenannte »Weltanschauung« ist nur der Nachglanz eines verblaßten oder vergessenen Gottgesichtes. Kommt das Gottgesicht einem Willensmenschen, so verdichtet er sein Weltbild zur Menschenordnung, d.h. zum Reich. Jedes wahre Sein der Welt enthält unmittelbar ein Sollen des Menschen. Die Geburt der Sittlichkeit aus der Weltschau und der Gottesschau wird uns am deutlichsten bei Platon: »Tugend ist Wissen« heißt nicht daß man sich erst vergewissern solle was das Rechte sei und dann es tun, sondern daß das rechte Sein und Tun unmittelbar mit der wahren Schau der Weltordnung, des Kosmos gegeben sei. Das rechte Sein und die wahre Schau sind miteinander nicht kausal verknüpft – wie Intellektualisten oder Voluntaristen meinen in ihrem Streit ob Einsicht oder Trieb zuerst sei – sondern sie sind eines: man schaut nur was und soweit man ist. Die Trennung der Ethik vom Gesamtweltbild, das Sollen an sich, das abgesonderte und abgezogene Sittengesetz, das quer durch die wie immer beschaffene Welt schneidet, kennt Platon noch so wenig wie er eine gesonderte Wissenschaft vom Wahren, Guten und Schönen kennt, nach der man dann hinterher den Willen reguliert Er kennt eine wahre Ordnung der Welt kraft erleuchteter Schau, die mit einem Wesen gegeben ist, und er sieht deren Mißwendung in seiner Zeit – denn das jeweils Vorhandene ist nicht immer das ewig Wirkliche. Sein sogenannter »ethischer Wille« ist die Leidenschaft die wahre Ordnung an seinen Mitbürgern zu verwirklichen, seine sogenannte »wissenschaftliche Methode« ist sein Mittel sie ihnen zu zeigen, damit sie das Wahre schauend unmittelbar richtig seien. Man hat ihn dann durch die Jahrhunderte hin mißdeutet als einen Mann der nebeneinander bestimmte durch begriffliches Nachdenken erworbene Wesenslehren, durch sittliches Nachdenken erworbene Wertlehren auf verschiedenen Gebieten durch mehr oder minder wissenschaftliches Verfahren und in möglichst gefälliger, daher oft poetischer Form vermitteln wollte. Aus solchen Mißverständnissen[243] kamen die bildlose Ethik, die willenlose Ästhetik, die leibfreie Metaphysik und die seelenfreie Physik der späteren Zeiten, die Zerreißungen des einen gottdurchwirkten vermöge des Eros, der welthaltigen Liebeskraft, dem hohen Menschen offenbarten Kosmos, dessen Ordnung unser Wissen, dessen Wirkung unser Sollen enthält. Seine Wirkung ist mit seiner Ordnung gegeben: seine Ordnung ist ordo in ihm und ordinatio durch uns: wir wirken ihn aus und er durchwirkt uns, und mit tiefer Ahnung (wenn auch vielleicht flacherer Deutung) hat Spinoza sein geschlossenes Weltbild Ethik genannt, er, dem die Ordnung der Wirklichkeit und die Ordnung des Denkens identisch waren.

Wo immer einem ursprünglich gottsuchenden Menschen ein Gottgesicht und Weltbild wird, da wiederholt sich der platonische Kreislauf von Glaube – das ist


Kraft von Blut, Kraft des schönen Lebens –


zu Liebe, von Liebe zu Schau und von Schau zu Wille, der nur auf gegenwärtige und künftige Menschen dieselbe »Kraft des Blutes« wieder ausstrahlt, die frühere und gegenwärtige ihm eingewirkt und zugestrahlt haben. Von Platons ewigem Vorgang aus ist George leichter zu fassen als aus allen zeitlichen Voraussetzungen neuerer Literatur.

Der Stern des Bundes enthält das Sollen des Seins das sich in seinen früheren Büchern als Lebens-gesicht, im Siebenten Ring als Weltgesicht darstellt. Dies Sollen ist bei ihm platonischerweise Wirkung des Seins, nicht modernerweise Teil oder Gegensatz oder Ursache oder Folge des Seins. Es ist nicht abgelöste Forderung des Verstandes und des Willens, sondern – als Wirkung – so gut Schau wie die Ordnung und wie diese ihm erglühend aus dem gottsuchenden Eros und offenbart durch die göttliche Mitte. Es ist ihm, eben als Wirkung eines Wesens, niemals freischwebende Lehre. Wie die Mussgesetze der Natur nur erscheinen an wirklichen Naturdingen und Vorgängen, so auch die Sollgesetze des Menschen nur an menschlichem Tun und Gebaren. Beide werden nur durch Schau wahrgenommen – Copernicus, Kepler, Newton, Gauß waren Anschauer gemusster Welt .. Augustin, Luther, Kant gesollter Welt (jene nur gemusster, diese nur gesollter, im Gegensatz zu Platon oder Dante oder Goethe, für die Seinswelt, Musswelt und Sollwelt eines waren).[244]

Aussprechen läßt sich die Schau freilich in verschiedenen Graden, entweder unmittelbar oder durch Zeichen oder durch Formeln und Sätze. Dem Dichter ist unmittelbare Darstellung gemäß, und George ist auch da wo er Sollen verkündet Dichter. Der Stern des Bundes gibt keine Verhaltungsmaßregeln mit Beispielen, abgezogen aus Tun und Gebaren, sondern magische Wunsch- und Wahlsprüche seines Willens oder Gesichte des Auf- und Untergangs welche die Ordnung wirkend darstellen. »Magisch«: die Ordnung ist hier so im Worte wirksam gegenwärtig, als Zustand (nicht nur als Gegenstand) wie im Jahr der Seele die Natur! (vgl. Seite 140) Das unterscheidet die Sätze Georges von den Aussagen der Philosophen, etwa eines Ordnungssehers wie Hegel oder Spinoza. Auch diese sehen ihre Ordnungen unmittelbar – aber sie sagen sie mittelbar, durch Begriffe die vorgeprägt sind, ohne den Kairos in dem ihre Schau ihnen aufgegangen ist, ohne den Zustand kraft dessen sie sehen: sie geben nicht Sicht und Seher im Wort als eines, sondern nur das Ergebnis ihrer Sicht als anwendbare Methode oder als selbständiges System. Ebensowenig ist Georges Stern des Bundes »philosophische Lyrik« oder Spruchweisheit: Gefühlserhebung über eine Sicht oder Gedanken über Erlebnisse. In all diesen Fällen ist zwischen dem Sehen und der Sicht ein Medium das den Seher ausscheidet oder vordrängt, die Reflexion, das »Nach-denken«. Am verwandtesten mit diesen Sprüchen sind die Urgesetze und Urweisheiten aller Völker bis zu den frühgriechischen Denkern – die rhythmisch waren nicht um des Gedächtnisses willen, sondern als unmittelbarer Ausdruck des gehobenen Zustandes der Weihe und der Erleuchtung: nur in einem solchen Zustand erfuhr und bannte man das Rechte das Dauer verlangte. Es gibt Zaubersprüche der hellen Götter, wie es Zaubersprüche der dumpfen Mächte gibt: jene bannen die Ordnung, wie diese die Erscheinung. Auf einer höheren Stufe wiederholt der Stern des Bundes die Magie des Jahres der Seele.

Die Ordnungen sind so gut der Urschau auf einer gewissen Stufe zugänglich wie die Erscheinungen. Sie werden meist erschlossen oder errechnet: das ist die Arbeit der Wissenschaften. Klarer oder trüber gegenwärtig sind sie jedem Sinnbegabten, mit den Erscheinungen selbst gegeben: wo wir ein Wesen verkrüppelt nennen oder[245] einen Bau schief oder wo immer uns eine Verzerrung oder ein Mißklang stört, da werden wir mit der Erscheinung auch ihr Gesetz gewahr und die Ordnung der sie angehört: und zwar wirkend .. denn eben daß wir Verzerrung gewahren und benennen ist ein Wirksal dieser Ordnung. Dem Weisen ist nun diese Ordnung von seinem jeweiligen Geschichts-augenblick aus völlig offenbar und gewärtig: er ist das Organ das sie von ihrer jeweiligen Strahlungsmitte, dem neuen Mittler, rundum und durchaus gewahr wird, nicht nur wie der gewöhnliche, gottfernere Mensch teilhaft und flächlich. Der Dichter bannt diese Schau der wirkenden Ordnung in sein eigenstes Wort, das von ihr zugleich erschaffen und erfüllt ist. Die wirkende Ordnung, die zwar ewig ist, aber in jeder Wende mit dem neuen Gott ein neues Gesicht und einen neuen Künder findet, ist der Buntheit der Erscheinungen entkleidet: sie durchdringt als einfaches Prinzipium, als Bauwille, Stil, Wachstum, Tendenz, oder wie man es nachher abziehen mag, die mannigfaltigen Gebäude oder Gewächse. Sie treibt und trägt die Farben, Formen, Bewegungen, ist aber dennoch kein Begriff der vor- oder nachher zugrundliegt, sondern die Gesamtidee der Erscheinungen, ihr Zueinander und Miteinander, wahrnehmbar auf der Götterstufe, wie die Einzelideen, ihr Raum, auf der Geiststufe. Diese Ordnung ist nicht mehr Raum, erfüllt vom göttlichen. Licht, wie im Siebenten Ring, sondern sie ist das Raumschaffende und Lichtspendende selbst, die Ausdehnung, das Leuchten .. nicht das Gefüge, sondern der Fug.

Im Siebenten Ring wird die Erscheinung des Mittlers selbst gefeiert, der Glanz den er ergießt, der Raum den er schafft, die Gestalten die darin wandeln, die Erschütterungen und Bewegungen seines Umkreises: die Durchdringung der Welt mit dem neuen Licht. Dies Werk ist daher mannigfaltig und vielfarbig, wie kein früheres von George. Im Stern des Bundes ist die Durchdringung vollbracht, und nicht mehr das Wirkende und Gewirkte, sondern das Wirken erscheint: die Dreieinheit von Mittler, Künder, Gesetz .. der Mittler aber nicht mehr als menschliche Gestalt sondern als göttliche Kraft, der Künder nicht mehr als Empfänger der Gesichte sondern als Träger der Sendung, und das Gesetz nicht mehr als der Raum der Erscheinungen sondern als ihr Sinn. Der Stern des Bundes ist daher[246] farbenlos und reizelos und behält von der ganzen Erscheinungsfülle nur die Wucht, das Maß und den Bau. Die Erscheinungsbreite ist jetzt eingegangen in die unbedingte (dinglose) Einheit ihres Prinzipiums, welches freilich nicht ein formloser Urgrund noch ein lebloser Begriff ist, sondern das Menschtum, zugleich Mittler, Künder und Reich. Jetzt sind alle Dinge erst ganz aufgehoben in dem kristallisch reinen und durchsichtigen Sinn der sich bisher ihnen mitgeteilt sie er-schienen, gebildet, gestaltet, bewegt hatte: sie sind Wissen ihrer selbst, vernehmbar sich selbst geworden. Ihre Fülle kann als Vernunft unmittelbar dargestellt werden – und so ist hier der welthaltige Mensch, ohne seinen Inhalt zu ver-äußern, und die menschgewordene Welt, ohne ihre Gestalt zu ver-innern, zum erstenmal helle Lehre durch Darstellung ihrer selbst, ihrer eigenen Größe, ihres eigenen Gewichts, ihrer eignen Glut. Hier ist nichts mehr als dieser Mensch, »das Wunderwerk der Endlichkeit« – kein Gestaltenraum und kein Traumdunkel mehr umstrahlt oder umfärbt ihn: aber er selbst ist die leibhaftige Vernunft der Höhen und Tiefen, nicht mehr sie durchschreitend, sondern von ihnen durchdrungen, bis sie hell geworden sind wie sein weißes Licht. Und abermals darf man einem großen Ahnen Georges die Formel entnehmen für die menschlichen Eigenschaften und göttlichen Antriebe die diese Dichtung bewirken wie jeden Hölle und Himmel umfassenden Mensch-Kosmos: Gerechtigkeit, Weisheit, Liebe (Giustizia, sapienza, amore).

Wie im Jahr der Seele eine Mächte-Trias, so waltet im Stern des Bundes die göttliche Trias, Mittler Künder Reich, durch die Zwienatur des Menschen der Einung und Spaltung fähig. Georges vielformige Polarität, die schon in den Legenden der Fibel den Kampf zwischen Weihe und Leidenschaft entzündet, entfaltet sich hier nochmals in der Zweieinigkeit des Menschen mit seinem Gott, in der Zweieinigkeit des Menschen mit seiner Welt und in der Zweieinigkeit des Gottes mit seiner Welt – alle zusammen offenbaren abermals nur das Grundgeheimnis Georges: die unentrinnbare Selbheit jedes Wesens mit seiner Gestalt: die Vergottung des Leibes und die Verleibung des Gottes, die Wiederbringung jedes Wesens in seinen eigenen Sinn, der nicht ein andres sondern es selbst ist. Wenn jedes Wesen mit seiner Welt und seinem Gott unentrinnbar eines ist, so[247] gibt es keine Flucht in ein Jenseits, in eine Ewigkeit mehr .. sein eigenes Da-Sein darstellen, auswirken, erfüllen im eigenen Hier und Jetzt, in seiner mitgeborenen Ordnung, ist der Sinn, d.h. der Grund und das Ziel, die Ursache und der Endzweck jedes Wesens. Diese Ordnung verkündet aus seinem Gott, seinem Ich und seiner Welt, aus seinem Hier und Jetzt George im Stern des Bundes, seit Dante der erste der aus seiner Selbheit heraus zugleich seinen Gott, seine Welt, sein Ich vollkommen in einer unlösbaren Einheit von Leben, Wissen und Wort verwirklicht. Kein Werk zwischen der Divina Commedia und dem Stern des Bundes hat zugleich diese ursprüngliche Einheit, Allheit und Selbheit .. keines die göttliche Gegenwart in jedem einzelnen Wort wie im Gesamtplan, die konzentrische Dreifaltigkeit in Ton, Lehre, Gestalt des einfach da-seienden Dichters.

Wir können nur sondern und ausbreiten was bei ihm keimhaft rund, gestaltig eins ist, nur als Same oder Frucht zeigen was bei ihm Same und Frucht zugleich ist, nur als Zweiheit oder Einheit was bei ihm Zweieinigkeit .. nur als Mitte, Radius oder Umfang was bei ihm Kugel ist. Eben weil der Sinn hier unmittelbar dasteht als Sinn, nicht mehr ab Geistbild oder Sinnenbild, läßt er sich nicht weiter ausdeuten, ohne daß man sein Wesen verfälscht, welches zugleich auch Gestalt ist. Man kann ihn »an-wenden«, »auslegen« wie Bibelsprüche, aber dann hat man schon nicht mehr ihn, sondern etwas anderes. Die Bibelsprüche wollten etwas »anderes«, das Jenseits zeigen, wollten ihren Inhalt herausgelegt haben. George aber bringt ja gerade die Botschaft von der Selbheit jedes wahren Wortes, wie von der Wirklichkeit der Bilder. Hier ist nichts auszulegen: nur dies läßt sich nochmals dartun wie Georges Wille auch als Vernunft sich selbst aus-wirkt, wie sein Wesen sich als Sollen ausspricht, wie seine Mitte sich als Gesetz für Gemeinde oder Reich, als Stern des Bundes vollendet.

Die göttliche Gestalt welche ihm den Grund seines Daseins erschloß, der Inbegriff aller Werte die zu suchen, zu finden, zu künden er in diese Zeit berufen war, ist Anfang End und Mitte auch dieses Werks, nicht mehr als geliebter Mensch, sondern als entrückter Herr der Wende. Im »Eingang« ist Wissen und Zustand was im »Maximin« Leiden und Geschehen: erst nach der Entrückung, dem[248] einmaligen Akt des erschütterten Herzens, das alle Kräfte zusammendrängte, um sein Heil zu verewigen, erst nach der Vergottung kann der Mittler seinen Sinn offenbaren. Erst jetzt ist er eingegangen in den erleuchteten Menschen, ausgegangen in die verwandelte Welt. Nun wirkt er seine Allkraft wieder zurück in das Leben das er, das ihn erzeugt, und »mit Strahlen rings erweist er seine Reihe«: sein Heilandstum in dieser Zeit: Erleuchtung der Finster-schweifenden, Leer-suchenden, Fiebrig-zerfahrenen durch den Anblick der ursprünglich heiligen Schöne .. Erlösung von der Qual der Zweiheit durch die Einheit menschlicher Fülle und göttlicher Helle, sinnlicher Süße und geistiger Hehre, dunkler Gewalt und klarer Gestalt .. Bindung der überströmenden Lebensfluten und der sternenflüchtigen Gedanken in das Hier und Jetzt .. Bannung der bluthaften Schauer und Räusche in die lautre Flamme .. Sammlung der spukenden Mächte um den lebendigen Kern .. Erschaffung und Errettung des Künders durch das sühnende Opfer .. Erweckung der schlafenden Götter .. Erneuung der Geschichts- und Naturkräfte .. Wiedergeburt des Volks aus dem Geist der heiligen Jugend.

Nur schlichte Aussagen über Sein und Geschehen sind diese neun Gedichte des Eingangs, keine ekstatische Steigerung, kein Hymnenschwung, kein mystisches Geraun .. »heilignüchterne« Worte des ewigen Lebens aus dem Mund Eines der es erfahren hat und der es führt.

Nach dem Sinn des Gottes der Sinn des Künders: das erste Buch sagt in drei Zehnten das Wesen der Sendung, die Dreifalt von ewigern Segen, zeitlichem Fluch und gegenwärtigem Rat .. die Zwiesprache zwischen dem Gott und seinem Träger, das Gericht des Sehers über die Verblendung, die Winke des Wissenden für die Frager. Der Dichter ist auch in der Zeit vor allem die heilige Stimme, das Maß der wandellosen Ordnung und mitten im Stürzen und Steigen der Reiche der Hüter des bleibenden Sinns kraft dessen sie stürzen und steigen. Und eben durch dies sein Wort aus dem Gottesodem, der seine Harfen und Flöten regt, schafft er selber Geschichte: nur in der Luft der großen Gedanken, nur in der Über-zeit die den Dichter umweht gedeihen die Führer der Zeiten und Massen. Sie mögen nähren und nutzen den Tag der sie gebiert – genährt und getrieben[249] werden auch sie von den Dauergewalten deren Mund der Dichter ist .. nicht von der wechselnden Fläche sondern von der währenden Mitte. Wer das Ewige künden soll der muß es suchen, durch alle Bilder und Scheine hindurch es gewahren und jedes Opfer bringen, um es zu finden. Er darf nicht vorlieb nehmen, bis er im Seltensten das Einzige faßt. Er muß den Segen wahren, das Geheimnis hüten, bis es reif ist zur Offenbarung an die reinen Empfänglichen in fruchtbarer Stunde. Nicht Flehen noch Drohen, nicht Mitleid noch Ungeduld darf ihm das gefährliche, das unersetzliche Wort entreißen .. und wenn er, der vielgeprüfte, schwergerettete Überwinder mancher Gefahr nicht der Vollender, nur der Vorläufer sein, das gelobte Land nicht selbst bebauen darf, so muß er auch dies strengste Los des Stolz-Berufenen tragen und fromm dienen wo er nicht thronen soll. Beruf, Weihe, Geheimnis, Opfer – diesen vier Ur-trieben und Urnöten des Dichters gibt George hier wieder ihren ewigen Sinn aus seinem einmaligen Leben.

Die nächsten Gedichte sprechen sein eigenstes Geheimnis aus, die besondre Form gerade seines Sinnes. Die Rettung des Gottes, die jedem ächten Dichter obliegt, ist gerade ihm auferlegt als Rettung der Gestalt, des Bildes, des Klangs, als Umkehr und Einkehr aus der hohlsten Gottesöde, der weitesten Gottesferne die jemals war. Wir kennen die Weltstunde und Weltnot in die George traf, als sein Beruf ihm aufging: hier ist das Logion seiner Gestalterschaft. Ihm war von Kindheit an diese Sende eingeboren und von der Knabendumpfheit bis zur Seherhelle begleitete ihn der »früheste Traum«. Das »Kindliche Königtum« ist nur das Vorscheinen des späten Wissens um seine eine Notwendigkeit: aus einem »Staubkorn den Staat zu stellen«, aus dem dichtesten Kraftkeim Leben zu erneuern, den Kosmos um die Gestalt zu runden. Ihm unter allen Dichtern obliegt, kraft der Wende in die er gerade gekommen, die Ergreifung des Gottes im Hier und Jetzt, der Ganzheit im zugemessenen Raum der Gegenwart, des Urlichts im bedingten Tag, die geduldige Bindung des Alls im heutigen Kairos.


Will ich mein ganzes teil von dir erobern

So muß ich sehn wie ich ein Eines fasse

Wie ich im raum den du mir maßest hafte[250]

Bedingte arbeit meines tags vollbringe

Und mit dem traum von morgen mich vermähle.


Woher sein Wissen auch stamme, aus Eingebung oder Schickung, aus Urgrund oder Erinnerung: auszuwirken hat er es nicht als ablösbare anwendbare Lehre sondern als gestaltig strahlende Kraft und Glut, nicht als einmal zu erstrebendes Ziel sondern als ein immer wieder zu füllendes Sein:


Aus einer ewe pfeilgeradem willen

Führ ich zum Reigen reiß ich in den Ring.


Er hat den Traum in Fleisch zu verwandeln, und seine Tat in der Zeit ist die Verleibung des Urbildes, die Erweckung von Helden durch das glühende Gesicht, die Erziehung von Helden durch den hohen Gesang. Der Schluß dieses Zehnts spricht die Zweieinheit von Gott und Künder, Georges alldurchdringendes Principium, den Ursprung seines gesamten Schaffens unmittelbar aus: »Ich bin der Eine und bin Beide.«

Dann folgt die Zeit-schau vom Gott-wissen aus, die in den Zeitgedienten vom Gott-Ahnen aus geschah. Was der Krieg seitdem in greifbaren Erdverhängnissen vor alle Augen legte das lebt hier schon mit lautrer Gewalt und einfacher Klarheit im ungeheuren Wort des einzigen Mannes welcher sehend inne war dem ewigen Grund den die Millionen als zeitliche Ursachen und Folgen blind von außen her taten und litten. Hier ist eigentliche Prophetie von einer Wucht und Sicherheit die ihresgleichen nicht in der neuern Menschheit hat. Die Völkerwende, die bisher nur als Umsturz der Stoffe, Mächte und Güter, als wirrer Bruch und Krach von Stunde zu Stunde stumm ertragen oder dumm beschwatzt wird, hat bisher hier allein ihr gleichgewichtiges Wort gefunden, von einem archimedischen Punkt jenseits ihres Chaos .. den Sinn der vor ihr war und nach ihr Sinn bleibt, wenn all ihre Ursachen, Gründe, Zwecke, Folgen, Ziele, Mittel zu Unsinn und Unsein abgelaufen sind. Hier ist gefaßt im menschlichen Zustand was der Krieg als sachliches Ereignis brachte, hier ist die weltsprengende Zukunft herzbeklemmende Gegenwart, hier ist der unerschrockne Blick in den Abgrund. Alles ist hier geschaut und mit erschütternder Nacktheit einsam gesagt was seitdem auf den[251] Gassen geschrien und geschwatzt, vorgejammert und nachempfunden, gehandelt und gespielt wird: die entgeistete Hatz, das marklose Getreibe, der trockene Taumel, der unersättliche Hunger der Alleshaber und Alleswisser, der lebenmordende Fortschrittswahn der die letzten Substanzen zersetzt und vermanscht zugunsten feiler Nutz- und Glücksgötzen .. der dummdreiste Turmbau von Babel ohne Boden, ohne Plan und ohne Maße .. das dumpfe Grollen und eiserne Klirren der Mächte durch all den blechernen Lärm hindurch, vernehmbar nur dem Einen dem »die Gewalten nicht Fabel« waren .. der Lug vom »Ideal«, vom »Weib«, vom »Volk« ohne Kenntnis ihrer Lebensgesetze, der hegenden, zeugenden, verderbenden Kräfte .. das ahnungs- und gewissenlose Schalten und Spielen, Basteln und Bosseln, Flicken und Stückeln in Staat, Kirche und Schule .. die träge Taubheit und die leichtfertige Stumpfheit für jeden Warner und Mahner .. das betriebige Sammeln, staubige Stapeln und freche Bekrabbeln ehrwürdigen Erbes, schlimmer als schicksalhaftes Verderben –


Die art wie ihr bewahrt ist ganz verfall –


die geschäftige, genüßliche, schwatzhafte Blindheit vor dem Untergang den Einer nur sieht und Keiner ahnt. Diese Vorzeichen des Welt-abends, der Notwende sind hier bereits gezeigt, wie heut jeder sie weiß und dennoch keiner glaubt, jeder begafft und dennoch keiner wahr-nimmt. Aber auch der unbekannte Gott wird gerufen, der künftig-ewige Heiler und Wandler, den kein Zeit-Auge erblicken, keine tages-redige Zunge nennen kann:


Bangt nicht vor rissen brüchen wunden schrammen:

Der zauber der zerstückt stellt neu zusammen,

Jed ding wie vordem heil und schön genest

Nur daß unmerkbar neuer hauch drin west.

Was schon genannt ist liegt gefällt umher

Der leer gehäus – ein stumpfes waffen Der:

Die eingereihten und die rückgewandten ...

Bringt kranz und krone für den Ungenannten.


Das dritte Zehnt wendet sich von dem Gesamtgeist des Zeitalters zu den Zeitgenossen, den einzelnen Menschenarten und Mustern die zwischen der versinkenden und der steigenden Welt leben, noch gebunden[252] oder betäubt oder verwirrt von der einen, angeglüht, bewegt, umwittert schon von der andern, zwiespältige Opfer der Wende. Da sind die »Helfer von Damals«, die wohlmeinenden Freunde und Gönner der Jahre vor dem Richt-tag der die Lager scheidet, die Ältern, die redlich Blinden oder Gebildet-Müden, die Eingereihten und die Rückgewandten, die keinen Abgrund sehen oder ihre bunt bequemen Meinungen und Gewohnheiten pflegen wollen wo nur Eins not ist .. mit allem guten Willen auch sie Knechte des Untergangs, sobald sie tun, wirken oder erziehen .. dann die Schwärmer, Mystiker, Chaotiker, die in einem Über oder Innen, in einem Jenseits, Dämmer, Wirbel, Urgrund untertauchen oder den strengen Tag wegtäuschen mit pflicht- und gestaltloser Wallung, die selbstbesessenen und selbstflüchtigen Sehner, die glieder- und augenlosen Seelenquallen, die mittefernen Abkömmlinge der äußersten Himmelsstriche, Allzublonde und Allzuschwarze, Überseelte und Übergeistete, gleich entfernt vom wahren Maße des runden und vollen Lebens, vom wilden Jäger Odin umhergejagt, vom Wüstengott-Gespenst Javeh versengt, sie beide »immer schweifend und drum nie erfüllt«. Zwischen die Schwärmer die nach dem Unendlichen im hohlen Innen wühlen und die Schweifer die ihm von Ziel zu Ziel nachjagen stellt der Dichter die augenhaft Gestaltigen, die erdenfesten Greifer, Schreiter, Bildner, die sachlich sichern Täter, den Stamm


der fest im griff hält was ihm lang geschwant.


Immer wieder richtet er den Blick aus der zerfahrenden und verschütteten, verschwebenden und zerkrümelten Wirrnis auf »das größere Wunderwerk der Endlichkeit«: den gotthaltigen Leib, die welthaltige Gestalt, wahreres All als die abgründig sinnende und singende Seele und als das überschwenglich gewölbte Firmament. Nicht im unendlichen Drinnen und Draußen, sondern im endlichen Hier und Jetzt ist des Menschen Gott: ihn verwirklichen, ihn darstellen, das ist Adel .. sich vollenden, als Gestalt sich erfüllen.

Von dieser festen Mitte aus sichtet George die Typen seiner Zeit, in wenigen Versen jedesmal eine ganze Menschenart als Geblüt und Charakter, als Natur und Geschichte, in ihrem Ursprung und Verhängnis fassend. Die Kräfte der Völker sieht er mit einem richterlichen Rund- und Durchblick zugleich als ewige Wesenheiten, als geschichtliche[253] Formen, als gegenwärtige Werte. So ist ein germanischer Erbfluch seit den alten Gotenzeiten bis in den Weltkrieg hinein, mythische Schau, geschichtliches Wissen, Deutung, Bild und Mahnung zugleich, in acht Zeilen geprägt:


Ihr habt, fürs recken-alter nur bestimmte

Und nacht der urwelt, später nicht bestand.

Dann müßt ihr euch in fremde gaue wälzen

Eur kostbar tierhaft kindhaft blut verdirbt

Wenn ihrs nicht mischt im reich von korn und wein.

Ihr wirkt im andren fort, nicht mehr durch euch,

Hellhaarige schar! wißt daß eur eigner gott

Meist kurz vorm siege meuchlings euch durchbohrt.


Die geschichtlichen Kräfte und Verhängnisse sind dem Dichter noch drohend wach, die Ursprünge sind ihm Gegenwart die immer wieder gebannt und gedeutet werden muß aus der eigenen Not-Wende. Darum finden sich in dieser Sinngebung der Zeit neben den Typen die der heutige Tag erst sichtbar, ruchbar macht, die Träger der frühesten Nöte und Flüche. Georges Auge haftet nicht an den Vordergründen der ablaufenden Stunde, sondern umspannt das Rund der geschichtlichen Menschheit, d.h. des gestaltigen Weltgeschehens: wohin er blickt da erscheinen Ursprünge. Was er jetzt nennt das hat seit alters der Beschwörung geharrt, der Wandlungs-stunde und -stimme.

Wie er die Geschichte festhält als gegenwärtiges Schicksal, so bewahrt er auch die Naturen auf denen die Zeit nicht mehr gestattet Geschichte zu werden, die


Unholdenhaft nicht ganz gestalten kräfte ..


die verkrochenen Spätlinge antiker Säfte und Triebe ohne Licht und Form, die ohnmächtigen Besessenen ächter Schauer und Gluten, wovon die altkluge Zeit, »allweis und unkund des was wirklich war« nichts ahnte und nutzte, sodaß sie keinen Raum mehr fanden für Werk und Tat. Georges Wiedergeburt heidnischen und katholischen Wesens umschwelen unschöpferische, aber noch bluthafte Nachzügler und Sonderlinge, abseitige Empörer und Verschwörer ohne Wort oder Schwert, Römer ohne Reich und Priester ohne Kirche.[254] Er hat solche unerlösten Mahre und Kobolde der Geschichte um seinen Herd gebannt. Die Stoffe und Kräfte des Zeitalters bleiben unfruchtbar wo die bindende, ordnende, ringsumstrahlende, alldurchglühende Mitte fehlt: ein Gott. Geist, Seele, Blut, Klugheit, Begabung, Eifer, Sehnsüchte und Ahnungen versagen wo das Herz nicht glüht von der ursprünglichen Flamme die Gestalt schafft, Tat aus den Trieben, Bild aus den Dingen und aus dem schwimmenden Wirrsal wieder runde Welt:


Fragbar ward Alles da das Eine floh

Der geist entwand sich blindlings aus der siele

Entlaufne seele ward zum törigen spiele

Sagbar ward Alles: drusch auf leeres stroh.

Nun löst das herz von wut und wahn verschlackt

Von gärung dunkelheit gespinst und trubel:

Die Tat ist aufgerauscht in irdischem jubel

Das Bild erhebt im licht sich frei und nackt.


Dieser welterneuernden Flamme die, vom Gott ausgehend und zu ihm zurückführend, dem menschlichen Tun und Leiden wieder Sinn und Licht gibt, das Gesonderte verschmilzt und bindet, das Starre löst und schmeidigt, den Trieb zur Tat läutert, die Stoffe zum Werk umglüht, diesem heiligen Lenker gilt das zweite Buch. Er hat bei George keinen Namen, wir mögen ihn aber Eros nennen, wie sein erster mythischer Seher und Deuter Platon. Wie bei Platon ist er im Stern des Bundes der Mittler zwischen den Menschen und dem Gott, die Kraft wodurch die Zweieinigkeit von Mensch und Gott wirkt und erscheint. Was im Siebenten Ring die »Gezeiten« sind das ist im Stern des Bundes, nach der Offenbarung des göttlichen Sinns das zweite Buch: die Feier der Liebe, woraus Gottesschau und Weltgesetz zugleich kommt und die aus beiden kommt, wie das Auge zugleich Geschöpf und Schöpfer des Lichtes ist, der Leib zugleich Empfänger und Bildner der Natur, der Same zugleich Ursprung und Folge des Wachstums. In der Liebe schließt sich der Kreis von Gott zu Mensch zu Welt – sie ist die Mitte des Werkes worin sich diese Dreifalt dartut. Das erste Zehnt zeigt den Eros als Ringen und Suchen, das zweite als Gewährung und Forderung, das dritte als Sinn und Wesen.[255]

Alle Grade und Lagen des gottsuchenden Eifers vom einsamen Trotz bis zur zweieinsamen Fülle werden in dreißig Gedichten durchlaufen: die Stufenfolge der Läuterung im heiligen Feuer. Sie zeigen Eros unmittelbar am Werk der Menschenbildung das Platon ihm zuschreibt. Auch hier ist George der Dichter des platonischen Wissens und der Erneuerer seines Amts: Vergöttlichung des Menschen durch die Liebe. Die Liebesgedichte des Weltschrifttums singen entweder die Leidenschaft selber, sei es das dumpfe Begehren von Leib zu Leib, sei es der »glühende Verewigungsdrang« .. oder sie geben Lehren über die Wirkungen dieser Leidenschaft, die läuternde oder verderbliche. Zum erstenmal hat George im Stern des Bundes den Zustand des Liebenden mit dem Sinn der Liebe, die menschlichen Freuden und Leiden, Fragen und Antworten, Zwiste und Bünde der Liebenden mit ihrer Vernunft, ihrer Pflicht, ihrem Gesetz wirkend dargestellt. Dargestellt: denn es ist weder Gefühlslyrik noch Lehrspruch noch die Verknüpfung beider, sondern die Leidenschaft selbst erscheint zugleich als Erschütterung, als Geberde und als Wissen. In diesem Werk ist jeder Vers fühlbare Glut, sichtbare Flamme und wirkender Strahl. Auch Goethes Spätlyrik, zumal »Selige Sehnsucht« und »Wiederfinden« vereint Liebes-leidenschaft und Gott-wissen, doch dort spricht mehr der ungeschiedene Urgrund beider. George aber durchschreitet mit dieser Einheit die mannigfachsten menschlichen Lagen im bedingten Tag und auf der gegenwärtigen Erde.

Wer einen Begriff bekommen will von der erzieherischen Gewalt dieses Mannes, von dem Führen und Lehren, dem unaufdringlichen und unausweichlichen Fordern und Spenden, Spüren und Winken, Halten und Lösen, von der sachlichen Glut und sichern Zartheit seines leidenschaftlichen Willens, der selbstverständlichen Gentilezza eines sich besitzenden und sich verschenkenden Herzens, wer die Anmut und Würde von Georges persönlichem Umgang ahnen will und nicht aus seinen Gestalten und Gesichten ihn selbst sieht, der mag im zweiten Buch ihn leibhaft wandeln sehen unter den Seinen, liebend und leidend mit fehlbaren Menschen, klar, schlicht und frei, jeder Art und jeder Stunde verantwortlich und antwortend nach ihrem Rang und Gewicht, mit mildem oder hartem Ernst, ruhiger Helle, lächelnder[256] oder schmerzlicher Weisheit, umwittert von mehr als persönlichem Schicksal und voll verschwiegenen Tiefsinns. Daß Liebe eine menschenbildende Kraft ist wissen viele .. warum das haben manche Weise verkündet, und mancher Dichter, vor allem Dante, Michelangelo, Hölderlin, George selbst im »Maximin« und in den Gezeiten, hat sie gesungen als das leidenschaftliche Ringen um Vergöttlichung: aber nur hier wohnen wir der Erziehung der Geliebten durch den Liebenden selbst bei. Nur hier sehen wir Liebe, die überall sonst in der Weltliteratur ein Ausnahmezustand, eine Schickung, ein Glück oder Unglück ist, als geberdetes Wissen aus Gott und Wirken am Menschen.

Geberdetes Wissen und Wirken. Grade deshalb lassen sich keine Motive, keine Stimmungen und Lehren davon gesondert ablösen. Opfer, Hingabe, Erfüllung, Weigerung sind hier nicht ein für allemal erschlossene oder verborgene Mysterien des vagen Alls, sondern bestimmte Lebensaugenblicke wirklicher Menschen woran und wodurch das kosmische Geheimnis erst kund wird. Keines Erziehers Ausstrahlung läßt sich in System und Anweisung fassen, er selbst ist der Weg, die Wahrheit und das Leben – nicht seine Lehren, nicht einmal sein Beispiel, sondern sein So- und Mitsein, seine kleinste Geberde und sein unnachahmlicher Tonfall so gut wie seine Kunde .. oder vielmehr erst aus diesem Munde, von dieser Stimme, zu dieser Stunde wird seine Lehre wirklich Lehre. Daß nun ein solches Liebe-Lenken im Stern des Bundes dichterisch gebannt, ein wirkliches Menschenbildnertum in magischen Augenblicken ἐν ἐνεργεια verewigt ist, darin liegt die weiterstrahlende, aber nicht ablösbare Kraft dieses Buchs, wie die Gegenwart und das Gespräch jedes hohen Menschen. Sowenig die Gedichte des Jahrs der Seele mit Landschaften oder Stimmungen zu bezeichnen sind, so wenig lassen sich die Liebesgedichte aus dem Stern des Bundes, so gleichnislos schlicht, einmalig bestimmt und allgültig sie sind, auch nur annähernd beschreiben mit Gefühlsinhalten oder Regeln: es sind magisch gesagte Akte bildender Liebe, deren Tonfall ihre Inhalte, deren Grund ihre Äußerung, deren Geberde ihre Weisheit ist.

Jedes dieser Gedichte enthält das Zusammen zweier Menschen, mit dem ganzen besonderen Flaum, Schauer und Hauch jeder Liebe, und zugleich das überpersönliche Gesetz eben dieses Zusammens .. das[257] Gestirn eben dieses Bundes: nur dieser zwei Menschen heute gültige Constellation und doch zugleich allsichtbares Himmelslicht. So erscheinen hier Frommheit, Würde, Ehre, Heldentum, Güte, Ernst, Freude, Opfer, Zucht, Schöne, Größe als die Sternbilder unter denen die Liebenden wandeln, bestimmt vom heutigen Stand und Strahl der ewigen Werte, oder auch der ewigen Nöte, Begier und Rausch, Trotz und Gram, Sorge und Armut, Zweifel und Grauen. Auch das Ewige der Liebe ist nur wirkend, geberdet, sichtbar, nur hier und jetzt, irdisch, nur leibhaft und gestaltig-vollendet wahr .. nur als menschliches Tun und Sein zeigt sich der Gott: auch hier Georges eine Lehre: »alles seid ihr selbst«. Wie die besondere Art und Bestimmung einer Liebe zugleich empfunden, gezeigt und aus dem ewigen Gesetz gedeutet, nach dem ewigen Gestirn eben dieses Bundes gerichtet wird, wie zart, einfach und tief das Wissen ist das aus diesem Herzen kommt, das mag ein Beispiel sagen:


Du kamst zu mir aus einem vollen leben

Nach willkür spendend wie du schon gespendet ..

Ich kann für einen teil mich nicht verschenken

Ich bin beginn, will alles für allzeit.

»Du bist für mich solang das los es fodert

Mein leben mehr als glück und rausch und lohe

Bist mir das ganze bist mein innres herz –

Und solch ein umlauf ist die ewigkeit.«


Ein andres zeige wie völlig eines hier Wirken, Wissen und Wort ist, wie sehr hier die Stimme schon den vollen Sinn der Aussage bewährt, und der Aussage das volle Leben innewohnt woraus sie stammt:


Du nennst es viel daß du zu eigen nimmst

Mein gut wie deins .. noch hast du nichts genannt!

Du wurdest mitbesitzer meiner stunden

Dein bitten ist bedenklich wie befehl.

Ich muß dein schirm sein wo du dich gefährdest

Den streich entgegennehmen der dir galt.

Ich bin für jeden deiner mängel bürge

Mir fallen alle deine lasten zu

Die als zu schwer du abwarfst – alle tränen

Die du sollst weinen und die du nicht weinst.
[258]

So wenig aus diesem Gedichtkreis einzelne Liebesziele und Liebesgründe abziehbar und als außerdichterische Weisheit verwendbar sind, so waltet doch hier, wo George vielleicht am unmittelbarsten als Erzieher sich vergegenwärtigt, wo sein Sehen, sein Gericht und sein Gesetz ganz in liebende Menschenbindung und -bildung eingegangen ist, ein Sinn, eine Gesinnung des Liebens durch alle Gedichte hindurch. Sie läßt sich mit drei Worten bezeichnen: Selbstbewahrung, Selbsthingabe, Selbsterfüllung. Die Selbstbewahrung will Adel, Zucht, Freiheit und Scheu, die Selbsthingabe: Treue, Mut, Opfer .. die Selbsterfüllung: Glut, Stärke, Wissen und Weihe .. notwendige Eigenschaften der Liebes-Dreieinigkeit von Ich, Du und Gott als deren Symbolum die Verse gelten können:


Was gelitten ist beschwichte!

Widergeist ist nun bezwungen

Und der gott nur gibt die richte

Wilder traum hinabgerungen

Wo ich mich in dir vernichte ..

Nun bestimmt die höhere sende

Wie ich mich in dir vollende.


Wenn wir den Stern des Bundes, wie alle Werke Georges, unter dem Bilde einer Kugel begreifen (und jedem Schaffen liegt eine Raumanschauung zugrunde) so ist der Eingang ihre Mitte, das erste Buch ihr Umfang, der zugleich sie nach innen wie nach außen schließt, das zweite Buch ihre Strahlung von der Mitte nach dem Umfang, das dritte Buch ihr Gesamtinhalt, der Mitte, Strahlung und Umfang faßt. Der Gott, der Künder mit seiner Zeit, und das heilige Feuer sind hier drei-eines: Gestalt, Fug und Wirkung als gelebter und geforderter Bund. Das erste Zehnt gibt dessen Sinn aus dem Gott, das zweite sein Gesetz in der Welt, das dritte das Leben seiner Menschen miteinander. Alle Inhalte des ganzen Werkes kehren hier wieder, zugleich in ihrer Einheit, ihrer Ausfaltung und ihrer Fülle. Was der Eingang als wirkenden Kern enthielt das ist hier ausgewirktes Gewächs .. die innerste Glut ist ergossenes Licht .. der heilige Geist ist Gottesreich, Kirche.

Die Erde regt sich wieder mit einem neuen Morgenglanz: »Die schöpfung schauert wie im stand der gnade« .. und wer des gelobten[259] Anhauchs und Anblicks teilhaft geworden der fühlt sein Heil in den sichtbaren Wesen mit:


Ein breites licht ist übers land ergossen

Heil allen die in seinen strahlen gehn!


Diese Erneuerung der Sinnenwelt, die vorher ungeahnte Frische, Frühe und Nacktheit hat jeder erfahren dem Georges Wort in Fleisch und Blut gegangen ist: sie gerade läßt sich mit keinem noch so erschütternden oder erregenden Eindruck früherer Meister vergleichen. Denn diese Luft kann nur der Zauber der gegenwärtigen Weltstunde schaffen, und keiner unter den Zeitgenossen hat Ursprünge gesehen und Anfang gezeigt wie George. Die sinnliche Erneuerung ist eines mit der geistigen Wandlung, die alle Krusten wegschmilzt, die überkommenen Verhaftungen und Verpflichtungen löst, Familie, Volk, Beruf aufhebt in dem unwiderstehlichen Glauben und Müssen der erweckenden Botschaft Auch dies Zeichen jedes religiösen End- und -Beginns hat George einfach und mächtig gesagt:


Neugestaltet umgeboren

Wird hier jeder: ort der wiege

Heimat bleibt ein märchenklang.

Durch die sendung durch den segen

Tauscht ihr sippe stand und namen.


Die Wiedergeburt durch den Mittler, die Taufe, wird hier wieder aus ursprünglichem Herzen laut, ohne Mystiker-geraune, ohne Pfaffensalbung und ohne Religions-philosophie. Die Wiedergeburt der Stoffe und des Geistes ist zugleich eine strengere und innigere Bindung: die bisherigen Bindungen lösen sich, weil ihre Mitte abgestorben ist, weil die Glut von innen her nicht mehr alle Gefäße füllt. Jede neue Mitte wirkt neue Notwendigkeit und neue Freiheit. Der Gegensatz von Fremdherrschaft und Eigenwille besteht nur da wo das erstarrte Gebot dem Einzelnen nicht mehr innewohnt als wesensgleich, sondern entgegentritt als andres .. wo die Mitte aus der es kommt verjährt oder ent-äußert ist .. wo Staat, Kirche, Gesellschaft nicht mehr eines Blutes und Geistes sind mit den gegenwärtigen Menschen, sondern dürre Niederschläge versiegter Adern die kein lebendiger Kern mehr nährt. In jedem »neuen Bund« ist Erlösung und Erfüllung, Wollen und Sollen, Müssen und Können eines .. was die[260] Einzelnen treibt und was sie treiben ist derselbe Puls. Die verjährten Bindungen und Freiheiten gelten nicht mehr im neuen Bund, nicht mehr die Ränge einer feudalen Gesellschaft, deren Gott schon längst gestorben ist: Adel aus Rittertat und Königsrecht hat keinen Sinn mehr wo es keine Ritter und Könige mehr gibt. In der Gleichheit aller Stände kann allein die Natur und der Geist wieder ursprüngliche, übergesellschaftliche Ränge schaffen, erkennbar den Verwandten am gleichen heiligen Feuer. Diese Ränge allerdings sind außer Willkür und nicht überschreitbar: der neue Adel bewahrt und vermehrt sich kraft der ihm innewohnenden Zucht. Diese ist keine Sitte einer Gesellschaftskaste, sondern ein Urgebot des Geistes, der nur im Gleichen, nicht im Niedrigeren zeugen kann. Wie der Geist nur begreift was ihm gleicht, so erkennt er auch nur was von ihm empfangen kann, ohne ihn zu beflecken.

Die Erneuerten lockt kein Spätlicht, kein Betäubungsgift, kein Welkzauber des absterbenden Zeitalters mehr. Wer im neuen Bund umgeboren ist, die feste Einheit und die runde Allheit morgendlich faßt, in ein jungfräuliches Tagwerk gestellt, für den haben die Flitter und Splitter, die farbenvollen Untergänge, das Auch-noch der spukhaften Poikilia, das Neben, das Draußen, Dahinter und Vielleicht keinen Wert mehr: er hat frischen Boden und offene Bahn und muß nicht mehr schweifen und lauern, nachhorchen und umspähen. Solche brauchen keine vielfachen Reize, um sich zu betäuben über die alte Not und Leere: der neue Sinn des wachen Herzens gibt Freuden und Pflichten:


Ein herz voll liebe dringt in alle wesen

Ein herz voll eifer strebt in jede höhe

Und heilig nüchtern hebt der taglauf an.


Hier ist die Freiheit der sehend Gläubigen, das Aufgehen im umfänglicheren und helleren Leben, die Steigerung jeder Stärke und Gabe durch den sinn-vollen Dienst im Einen und Ganzen. Hier ist die Sicherheit des Blicks im gegebenen Tagewerk, das klare Maß des notwendigen Tuns das sich nicht verwirren läßt durch Grübeleien über die Jahrtausende und die Milchstraßen. Der Raum den die gegenwärtige Flamme durchstrahlt, das heute drängende Amt, die nächste Weisheit geben den festen Punkt von dem aus jeder Horizont[261] und jede Überwelt erreichbar sein mag: aber müßig ist alles Schwelgen in Räumen und Zeiten die unsere Wirksamkeit nicht füllen kann .. die hohle Phantasie ohne Gestalt, das lose Sinnen ohne Tat, das dürre Kennen ohne Werk. Aufgang und Niedergang der Völker, Sternenbahnen und Hinterwelten sind nicht das Maß für uns, sondern wir sind ihr Maß, ja ihre Schöpfer, und nur soweit gehen sie uns an als sie uns tätiger, liebender, wesenhafter machen .. nicht als Spiel, sondern als Sprache und Bild. Schon ist im engsten Kreis Gott wieder sichtbar, die Welt wieder rund, der Mensch wieder sinnvoll:


Auf höhen ward ein quell entspündet

Und frische inseln blühn versteckt:

Das neue wort von dir verkündet

Das neue volk von dir erweckt.


Nicht die Zahl der Gläubigen, sondern ihr Dasein berechtigt diese Verkündung: hier ist ein Gott Gestalt, nicht Lehre .. Erinnerung oder Zweck .. hier ist eine Ordnung Lebens-Kreis, nicht Programm, System oder Organisation .. hier ist eine Wirkung Bund, nicht Verband, Gruppe oder Verein. Hier ist in nuce alles verwirklicht wonach die heutige Menschheit vergebens schreit, woran sie endgültig verzweifelt oder voreilig herumfälscht und -wähnt. Die Mitte und ihr innerster Umkreis ist unausrottbar da, alles andre ist nur noch eine Frage der Zeit, der Mittel und Zahlen, nicht mehr des Wesens.

Erweitern und mitteilen läßt sich das Heil nicht durch Entgegenkommen und Werben, sondern durch Selbstdarstellung und Ausstrahlung seines eigenen Sinns, durch Erfüllung seines Gesetzes, nicht durch Anpassung an das Gesetz oder Ungesetz der Andern. Nicht das Bedürfnis der Meisten sondern die Fülle der Besten .. nicht das Mitleid mit dem Fremden sondern die Strenge gegen sich selbst und das Eigne .. nicht die tausend noch möglichen Fragen sondern die eine schon gewisse Antwort kann das Gut und Böse, das Ja und Nein, das Mein und Dein auch der Massen bestimmen. Die Sonne leuchtet nicht, weil Menschen sie bedürfen, sondern Menschen sehen und bedürfen sie, weil sie leuchtet, und nur durch ihr Licht scheidet sie Sehende von Blinden.

Die neuen Tafeln die im Stern des Bundes aufgestellt sind drücken nicht Wünsche und Bedürfnisse aus, sondern den erfüllten, also auch[262] erfüllbaren Willen einer Geistergemeinschaft für welche Gottheit Schönheit Würde wieder gegenwärtiges Gesicht und Gericht geworden sind .. Tafeln hart und hoh wie die Zarathustras, aber nicht aus dem Ideal eines künftigen Übermenschen mit vorwegnehmender Ungeduld des entrückten Einsiedlers herausgehauen, sondern mit der weisen und gerechten Liebe des geborenen Erziehers aus gegenwärtigem Menschentum gemeißelt. Nicht gegen die Masse, nicht für die Einzelnen sind diese Tafeln geschaffen, sondern aus dem Bund selbst: er ist zugleich der sinnliche Stoff, die feurige Schrift und der göttliche Sinn. Das Sollen ist nur die plastische Darstellung, Aufstellung, Herausstellung eines in sich ruhenden Seins. Freilich erscheint dies Soll durch seine Darstellung von selbst gegen die Zeit gerichtet: gegen das Glück der Meisten, gegen das Geltenlassen eines Jeden, gegen das Wissen für alle, gegen die Gleichheit der Personen und Geschlechter, gegen die Einerleiheit und Eitelkeit sämtlicher Wesen vor Gott, gegen die Feilheit aller Werte und die Öffentlichkeit aller Gründe und Geheimnisse. Doch nicht der Widerspruch gegen die Gewöhnung der zerfahrenden und zerfallenden Menschheit hat Georges Norm gezeitigt: sie ist das einfach-uralte Wissen des menschlichen Leibes, der den Geist des Lebens enthält .. sie ist die Summe der ewigen Lebensgesetze selbst, einstmals mit pflanzenhafter Sicherheit waltend und trotz allen Mißbildungen, Krankheiten, Entartungen Jahrtausende lang von den wurzelkräftigen Völkern triebhaft bewahrt, von volkhaften Gesetzgebern mit gesundem Verstand festgehalten oder von Propheten mit sorglichem Tiefsinn erneuert. Erst der Fortschritt hat sie ganz vergessen und heute ist George der einzige der sie von Grund aus weiß, weil er sie von Grund aus lebt.

Seine Tafeln für den neuen Stand enthalten nicht mehr und nicht weniger als die verlorene Richtigkeit des ursprünglichen Lebens: das was Napoleon das »Wesen der Dinge« nannte .. den strengsten aller Herren, den unbestechlichen, unüberlistbaren, schmeicheltauben. Das Ursprüngliche ist weder das Tierisch-primitive noch das Allgemeinverbreitete .. das Richtige ist nicht das gerade Häufige, und das Einfache nicht das Nächste und Leichteste. Wo Ursprung, Recht und Einfalt heute hüllenlos sprechen, da klingen sie verstiegen, ungeheuerlich und grausam, wie das Wesen der Dinge selbst wo es als Natur[263] und Schicksal durch die Gewohnheiten bricht. Zu seinen Eigenschaften gehören der Untergang wie der Aufgang, der Haß wie die Liebe, der Krieg wie die Hochzeit, die Höhen wie die Tiefen, das Geheimnis wie die Erkenntnis, der Mann wie das Weib. Denen die das Gesetz einebnen, halbieren und entmannen möchten, um »fortschreiten« zu können auf bequemer milder freier Fläche, zeigt George wieder das Ganze: ein stolzes Sein für die Seinen, ein hartes Soll für die Andern, ein heiliges Muß für die Welt. Er zeigt die unvermeidlich nahe Schlacht, welche Krieger und nicht Tändler und Spieler heischt .. er verpönt die läßliche Nachsicht mit sich und andren die jeden Wahn und jede Schuld erträgt, vergißt, verzeiht, mit Pack sich schlagend und vertragend. Wo der Mensch wieder dem Gott geweiht, ihm eingewirkt ist, da steht Tod auf der Selbstschändung, und Schande auf der Schändung jeder Menschenwürde, da kann kein Verzeihen sühnen, kein guter Wille und bequemes Meinen, nur die schaffende Tat oder das vernichtende Opfer. Wo das Leben sich selbst in jedem Nu verwirklicht, da gibt es kein feindliches Außen mehr: denen die ihr Gott erfüllt, und die ihn erfüllen, müssen alle Dinge zum Heil dienen, auch die Widersacher. Wie keine Schlaffheit, so gilt keine Feigheit mehr für solche die in der Natur der Dinge leben: sie sind ewig, weil sie sind: »untilgbar ist das wort das blüht«.

Mit dem unabdingbaren Sein, dem untilgbaren Sinn sind die unüberschreitbaren Stufen gegeben, die jedem nur soviel Wissen gestatten wie Wesen und Würde: Wissen ist kein Haben sondern ein Sein, nicht übertragbar auf wesensfremde Seinsart. Jeder begreift nur den Geist dem er gleicht. Es gibt ein Wissen aus dem Blut: Instinkt .. ein Wissen aus dem Geist: Erkenntnis .. ein Wissen aus dem Gott: Erleuchtung. Erzwingen läßt sich keines und nur dem Angehörigen der jeweiligen Stufe wächst zu wozu er gewachsen ist. Wie die Wissensgrade Natur der Dinge sind, so auch der Unterschied der Geschlechter: das Weib ist heiliger Stoff, empfangend und nicht zeugend .. der Mann ist heilige Kraft, zeugend und nicht empfangend .. er allein prägt als Lebensgestalt des Geistes die Form, den Wert, die Ordnung in die Lebensmasse des Blutes.

Das weib gebiert das tier, der mann schafft

mann und weib.

Die Umkehr dieser Ursprünge ist Ungesetz und Frevel am Blut wie[264] am Geist .. am Menschtier wie am Menschgott. Naturgegeben ist auch die Heiligkeit des Leibes selbst: sie braucht keine Überwelt oder Unwelt durch Erlösung oder Erlöschung, sondern nur Selbstbewahrung der eingeborenen Stufe. Es gibt für den Leib nur eine Entweihung: den Abfall vom eignen Rang zu einem geringeren.

Zum Wesen der Dinge gehört das Geheimnis jeder Stufe für die niedrigeren, jedes Kairos für die Fehl-zeit, jeder Sicht für die Augenlosen, jeder Lehre für die Unbereiten. Immer wieder, von immer anderen Seiten zeigt George wie sehr Tun, Haben, Wissen, Sehen, Eigenschaft und Eigentum nur das Wesen des ganz bestimmten Menschen dieser Stunde und Stufe sein kann, unübertragbar, unersetzlich, unveräußerbar .. daß nichts Göttliches feil, teilbar, mitteilbar ist, daß alles Leben nur einmal, nur es »selbst und drinne« ist .. und eben diese unveräußerliche Selbheit alles Wesens heißt Geheimnis. Daheim-sein, Bei-sich-sein, Drinne-sein, Geborgenheit, Verborgenheit, vom Grund-aus- erfüllt sein: alles sagt dasselbe. Man denke diese Worte nur bis zu ihrer Wurzel durch! Heut sind alle Werte Tausch- und Handelswerte, Marktwerte, Ware, Arbeit, Leistung, Umsatz, Besitz, Ziel (»Hochziel«) – kurz, lauter Dinge die man haben, kaufen, machen, erreichen, erstreben kann. Einer solchen Zeit muß ihr Seher gerade das Geheimnis, das Unmachbare, Unerreichbare, Unerstrebbare, Unvertretbare, das Selbst und Drinne mit immer neuer Strenge wahren und wehren – nicht, wie die Schnüffler meinen, aus Versteckspiel oder Eigenbrötelei und Vornehmtun .. nein, er allein hat das Sein zu zeigen, durch es selbst, in ihm selbst und aus ihm selbst, wenn Geld wie Gott der gesamten heutigen Menschheit immer nur bedeutet, gilt, scheint oder kauft, aber niemals ist.

Geheimnis, das ist Offenbarung, klares Wort, helles Wissen, gestaltiges Sein, aber gerade darum unfaßbar und unnahbar denen die nicht im Sein, sondern vom Haben oder vom Gelten leben: den Krämern und den Schwärmern. George sagt nicht zu seinen Jüngern »verschweigt was ihr wißt« sondern »seid verschwiegen« d.h. nicht Verschweigende sondern Verschwiegene, seid so, daß niemand euch kaufen, lernen, haben kann, seid unveräußerlich, seid geheim, seid selbst und drinne, seid Wesen! Er sagt nicht zu den Andern »das geht euch nichts an, das ist euch zu hoch oder zu tief« sondern nur[265] »das ist« .. und alle Händler und Wechsler, die wissen wollen was es gilt, kostet oder bedeutet, verlassen kopfschüttelnd oder entrüstet den Tempel.

Das Geheimnis ist keine Mache, sondern ein Gesetz. Wie Geheimnis die Mitte alles erfüllten, ungeteilten, unteilbaren Wesens, so ist Kreis seine Wirkung. Was nicht einzelnes Atom ist das um sich selber dreht, sondern lebendige Kraft die in sich gebunden und geschlossen nach außen strahlt, das bildet und schließt das durchdringbare nähere oder fernere Wesen sich ein, verselbt es und verinnert es, und da diese Kraft überall einfach und ganz ist, so wird, wie weit sie auch reicht, einfach und ganz was ihr sich eint: nur der Umfang kann wachsen, nicht die Rundheit und die Bindung. Auch der Kreis ist keine Mache, sondern das natürliche Wachstum geschlossenen Wesens. Kreis entsteht überall wo eine Mitte ausstrahlt und Raum schafft oder findet. Wer kein wesenhaftes Selbst und Drinne ist hat keine Mitte, und wer keine Mitte hat kann keinen Kreis machen. Wer sie aber ist kann den Kreis nicht einmal verhindern, selbst wenn er möchte – denn es ist sein Gesetz. Mitte, Kreis, Strahlung sind nur die Dreieinigkeit des neuen Wesens von dem geschrieben steht daß es


vorbricht durch die runde

Und steigert jeden einzelgliedes wucht:

Aus diesem liebesring dem nichts entfalle

Holt kraft sich jeder neue tempeleis

Und seine eigne – größre – schießt in alle

Und flutet wieder rückwärts in den kreis.


Da der Kreis keine Mache ist sondern eine Wirkung, kein Ziel in Raum und Zeit sondern das Raum und Zeit in sich befassende Selbst- und inne-sein eines bestimmten Menschtums, so ist er im Gegensatz zu allen Fortschrittsidealen und Entwicklungsreihen immer am Ziel, voll-endet am ersten Tag der Gott, Künder und Jünger im heiligen Feuer einte. Da er keine Organisation zur Verwirklichung eines neuen Einmal ist, sondern Organismus eines ewigen Kräfte-reigens, so enthält jeder Einzelne das Ganze gegenwärtig, wie jedem Samen das ganze Gewächs eingebildet ist und damit die ewige Wiederkehr derselben Art. Überall sind die Naturgesetze nur das Sinnenzeichen der Geistes- und Gottesgesetze, der Lebensgesetze. Während die[266] Staats- und Wirtschaftsverbände immer außerhalb ihrer selbst ihren Sinn haben, in einer stets wegrückenden Zukunft, vollzieht sich im Kreis zum erstenmal wieder als Geist die natürliche Allgegenwart des Ganzen im runden Einzelgewächs. Sowenig wie die Natur die armselige Ungeduld des Fortschritts kennt, so wenig kennt ein geistiger Organismus, ein Gottesreich, eine Kirche, ein Kreis die Zielsuche .. denn sie tragen als Mitte in sich die zeugende und wachsende Kraft und sind an jedem Punkt ihres Wachstums geschlossen, in sich vollendet.

Aller »Fortschritt« ist ganz gemeiner Glückshunger – einerlei ob nach höheren Löhnen oder nach himmlischer Seligkeit – und mit Recht nie erfüllbar. Wo das »Glück« der Einzelnen oder der Massen als Götze winkt da führt kein Weg ins ewige Leben. Wo ewiges Leben in der Mitte west da wächst Glück, das ist Erfüllung und Vollendung, in jeder Stunde, auf jeder Stufe – freilich kein Haben, sondern ein Sein – und hier werden sich immer die Edlen die sein wollen scheiden von den Gemeinen die haben wollen, die Wirker und Weser von den Händlern und Machern. Nur den ersteren gilt Georges Wort:


Ihr seid die gründung wie ich jetzt euch preise

Wie jeder ist mit mir mit sich mit jedem:

Betrieb der pflicht und drang an frommes herz

Ihr seid die Widmenden ihr tragt das reich

So ganz wie ungewußt auf andrem stern

Bald vor- bald nachher irdischer auftritt spielt.

Fleht nicht um schnellern zuwachs größrer macht:

Die krönungszahl birgt jede möglichkeit ..

Das in ihr Tuende tut die allheit bald

Und was ihr heut nicht leben könnt wird nie.


»Wie jeder ist mit mir mit sich mit jedem«: die Darlegung des Ganzen in jedem Einzelnen ist der Inhalt des Schluß-zehnts. Der Kreis ist ja kein Geheimbund mit abseitigen Bräuchen und Regeln, kein Orden mit einem geistlichen oder weltlichen Zweck wie Jesuiten oder Templer: er ist die einfache Wiedergeburt des lauteren und richtigen Lebens, der alltägliche Wandel in Würde, Ehrfurcht, Glaube und Liebe. Drum kehrt der Erneuerer des Seins immer wieder zu dem[267] Ursprung zurück, zum Träger des Gottes wie des Reichs, zum Samen und zur Frucht des neuen Volks: zum einzelnen Menschen seines Hier und Jetzt. Der Wandel und die Sicht jedes Einzelnen sind nun, nach vollendeter Gründung, urbildlich für das neue Volk, und das heutige Leben im Kreis ist ewiges Leben wiedergeborener Menschheit.

Aus dem Sandkorn hat George den Staat gestellt, da er noch nichts vor sich sah als seinen Fußbreit festen Grundes: nun findet er das Reich in seinen Einzelnen wieder. Was er diesen wirkt das wirkt er dem Ganzen .. was ihm diese schenken gilt der Allheit – »musterhaft in Freud und Qual.« Geheimnis, Wandlung, Erleuchtung, Segnung, Opfer, Schauder und Einung sind jetzt nicht mehr neues Einmal eigener Personen, sondern die im Kreis bewahrten Weihen eines Volkes, das – heut in wenigen verwirklicht – seines Weltgangs, seiner »Zeit« harren kann. Das gewisse Zeichen dieser Erfüllung ist »das heilige Loblied« das dem Künder aus dem Herzen dringt, der Schluß-chor des gotterfüllten Bundes. Hier ertönt zum erstenmal wieder seit dem Altertum chorische Hymnik, der Gottesgesang des Volkes aus dem Munde seines Sehers.

Erst wo Volk und Gott wieder leben kann sie wieder entstehen, ebenso wie das echte Drama, ihre spätere Entfaltung. Der Schlußchor des »Sterns« öffnet schon den Ausblick auf Georges weiteres Schaffen, die große Volk-Hymnik und die Anfänge neuer Dramatik. »Goethes lezte Nacht in Italien« »Der Mensch und der Drud« »Der Herr und der Hauptmann« »Der Krieg« »An die Toten« »Der Brand des Tempels« sind die ersten Dichtungen die von diesem neuen Umfang Georges bisher Kunde geben: ihr bloßes Dasein ist Gewähr daß mitten in den Nationen, Massen, Staaten, Gesellschaften, Verbänden neues »Volk« wieder geboren ist. Denn chorische Hymnen und echtes Drama kann kein volkloser Einzelner hervorbringen. Zumal George hat nie etwas erzwungen oder vorweggenommen, weil er es ersehnt hätte: er war immer nur die Stimme ganz von ihm erfüllter und ihn ganz besitzender Gegenwart. Erst da Volk und Gott – keine »Erlebnisse« sondern Wesenheiten – ihn zwingen und füllen, erhebt er die Stimme zu der ihnen gebührenden Feier, und sein Ruf zeigt nicht nur ein Ich, sondern verheißt einen neuen Umfang des Menschtums. Er ist kein Einzelner mehr.[268]

Der Mann der begonnen als der Finder des heimlichen Urworts worein er ganz und nur er sich fülle, ist im Stern des Bundes die Gottes-Stimme eines Volkes. Stets hat er das gleiche getan: das ursprüngliche Sein, das er war, bis zum Grunde gelebt, bis zum Grunde gesagt, bis zum Grunde verleibt. So ist er gewachsen, ohne je zu tun, zu sagen, zu denken was er nicht ganz war, von dumpfer Not des einsamen Jünglings bis zum Gottesreich. Durch ihn haben die seit langem hohlen Zauber- und Schöpfungsworte endlich wieder Gewalt, Gehalt und Gestalt bekommen: Schönheit, Größe, Mensch, Volk und Gott. Durch ihn lebt wieder was Lug oder Traum oder Erinnerung war. Die Heimkunft der Wesen aus dem Werden, der Entwicklung, dem Jenseits, dem Andern in ihr Sein, in ihr Wort, in ihre Gestalt ist sein Werk .. die Wiederbringung des Gottes aus dem Himmel und den Schatten des Himmels in den wirklichen Menschen, die Einkehr der leeren Dauer und der vergänglichen Zeit in den vollendeten Augenblick. Der Mensch hat seit Jahrhunderten sich entäußert, sich erlöst, sich fortgeschritten, bis er sein Selbst verlor und seinen Weg. George gründet ihn wieder ganz in ihn selbst und in seinen einfachen Ursprung: das gotthaft gestaltige SEIN.

Quelle:
Gundolf, Friedrich: George. Berlin 31930, S. 243-269.
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