Erster Auftritt.


[95] Miß Ellen. Steele. Später Richard Savage.


MISS ELLEN. Immer tadeln, nichts als tadeln! Glauben Sie denn, Steele, daß Sie sich damit bei mir empfehlen?

STEELE. Schöne Freundin, wie können Sie das tadeln nennen! Sie spielten gestern die Herzogin Anna hinreißend, bewunderungswürdig; aber Sie würden sie noch vollkommener gespielt haben, wäre sich Gloster der Tiefe seines Charakters bewußt gewesen. Sie ließen den Degen, den Ihnen der Tyrann bot, ihn zu durchbohren, mit einer wunderbaren Wahrheit sinken, und dennoch schienen Sie nur anzudeuten, daß Sie der Ehrgeiz trieb, die Huldigung des mißgestalteten Mörders anzunehmen –

MISS ELLEN. Sie werden doch nicht glauben, daß es Liebe sein soll, die die Herzogin diesem Scheusal in die Arme führt?

STEELE. Liebe nicht, schöne Ellen; – was komm' ich mir so töricht vor, Ihnen erklären zu wollen, warum ein Weib die Schwächen eines Mannes vergessen kann! Richard der Dritte ist ein Ungeheuer, aber so ein geniales Ungeheuer, seine Reden sprühen einen solchen Übermut des gottvergessensten Menschentrotzes, daß in der Tat Anna über das Großartige seiner Bosheit diese selbst vergißt und in ihm jenen genialen Stolz liebt –

MISS ELLEN. Der alle Männer so hinreißend macht!

STEELE. Mit Ausnahme der Rezensenten.

MISS ELLEN. Da haben Sie recht, darin ganz gewiß! Nein, nein, Steele, wenn Sie sich nur Ihr ewiges Tadeln abgewöhnen wollten! Hab' ich den Abend die Zuschauer durch mein Spiel[95] erwärmt, bin ich sogar mit solchen Lorbeern gekrönt, die mir mein eigenes Bewußtsein für etwas, was mir selbst gelungen erscheint, aufsetzt, träum' ich eine Nacht, wo ich nichts als klatschende Hände um mich zu erblicken glaube, so kommen Sie am folgenden Morgen und bringen mir den bittern Nachgeschmack meines Glücks. Sehen Sie unsern armen Freund! Nie übertreibt Savage, wie Sie, sein Lob, weil er nicht nötig hat, mich für die kleinen hinkenden Boten, die hinterherkommen, zu trösten. Nie bricht er so, wie Sie, mit Ausrufungen: Göttlich! Himmlisch! in mein Zimmer; denn dieser Vorposten bedarf er nicht, weil nicht ein ganzes Heer von Freilichs, Allerdings, Dennochs und Abers hinterherkommt –

STEELE. Richard Savage, unser vortrefflicher Freund, ist alles, nur kein kritischer Kopf. Der erste Eindruck entscheidet bei ihm. Wie bei allen dichterischen Naturen gibt es für ihn nur Dinge, die ihn ansprechen, oder solche, die gar nicht für ihn vorhanden scheinen. Dem, was er nicht sogleich in eine bestimmte Form und Gestalt bringen kann, hängt er auch nicht nach und bewegt sich nicht, wie ich, in dem verworrenen Gebiete halber Schönheiten, halber Wahrheiten, unvollkommener Versuche und ermüdeter Anläufe, mit denen sich ein Kritiker beschäftigen muß. Ein guter dramatischer Künstler, liebe Ellen, muß mehr auf den Beifall des Verstandes als auf den der Phantasie geben.

MISS ELLEN. Mit euerm Verstand, mit eurer Kritik! Wählt euch andere Gegenstände aus, um witzig zu sein; warum nur immer wir Schauspieler? Ihnen zumal, Steele, seh' ich es an, daß die ganze Bitterkeit, mit der Sie in Ihrem Journal unsere Bühne beurteilen, nur daher kommt, daß Sie unter uns Komödianten eigentlich nur die Minister verstehen. Weil Sie das Parlament nicht stürzen können, wollen Sie wenigstens Drurylane stürzen. Weil man im Kabinett des Königs Sie vergißt, sagen Sie, daß wir Akteurs vergeßlich wären, kein Gedächtnis hätten und schlecht auswendig lernten. Gäbe man Ihnen ein Portefeuille –

STEELE. So würd' ich aus der Theaterherzogin von Gloster eine wirkliche machen. Doch kommen Sie, ich begleite Sie in den Shakespeareklub.

MISS ELLEN vor einem Spiegel ihre Toilette ordnend. Wie lebt denn unser guter Richard? So lange sah ich ihn nicht, und so gern hätt' ich über sein neues Stück und meine Rolle noch mit ihm gesprochen.

STEELE. Denken Sie sich, mit welcher wunderlichen Grille[96] er sich seit einigen Tagen beschäftigt! Niemand kann seiner habhaft werden; in einer fortwährenden Bewegung rennt er die Straßen Londons auf und ab. Er will entdeckt haben, daß irgendeine vornehme Dame aus der höchsten Gesellschaft seine Mutter ist.

MISS ELLEN. In der Tat! Das würde ihn sehr glücklich machen; denn Sie kennen ja die Melancholie, in die er zu verfallen pflegt, sooft das Gespräch auf seinen ihm gänzlich unbekannten Ursprung kommt. Immer hatte er die Ahnung einer vornehmen Herkunft, die sich selbst unter dem Druck der ärmlichsten Verhältnisse erhielt, in denen er erzogen wurde. Vater und Mutter hat er, wie er uns oft erzählte, nie gekannt, noch je erfahren können, wem er das Leben verdankt.

STEELE. Die traurigste Erfahrung, die er und Sie wohl machen könnten, dürfte die sein, daß er – Mit einem Seufzer. Ihr Bruder wäre –

MISS ELLEN. Sie wissen, Steele, daß ich unter allen Männern nur zwei lieben könnte; den einen nennen zu hören, wird Ihnen die Bescheidenheit verbieten, der andere ist unser Richard. Sie wissen, wem ich, wohlerwogen, den Vorzug geben würde, wäre Richard bei aller Glut seiner Empfindung fähig, überhaupt sein Herz einer weiblichen Einwirkung gefangen zu geben. Er ist es nicht, liebt nur unser Geschlecht im allgemeinen, und Sie wissen nur zu gut, Sinnend. daß Sie mein Herz erst aus der zweiten Hand besitzen –

STEELE. Wenn Savages Empfindungslosigkeit gegen Frauen daher käme, daß er Vater und Mutter nicht kannte, wer weiß, ob er mit der Mutter nun nicht auch die Liebe fand –

MISS ELLEN. Mir ist sein Gemüt ein Rätsel. Während Richard einige Sinne in überreizter Schärfe besitzt, fehlen andere ihm gänzlich. Nach einer Pause. Lebt er noch so wild und wüst in den Tag hinein?

STEELE. Nein! Seit einigen Tagen ist er wie umgewandelt. Sah man ihn bisher nur im Umgang mit jenen wüsten Gesellen, die er in den Tavernen sich zu Freunden macht, ohne Unterschied, ob es Matrosen oder jüngere Söhne eines Pairs sind, so scheint er jetzt diese Lebensweise, wenn nicht zu bereuen, doch vergessen zu haben. Mit der Gewißheit, er werde seine Mutter entdecken, ist es, als wäre eine sittliche Verklärung über ihn gekommen, die aus seiner vielleicht angeborenen Anlage alles hervorzaubert, was von je, solange ich ihn kenne, an trefflichen Eigenschaften in ihm verborgen lag. Aus den Schlacken seiner bisherigen Aufführung glänzt jetzt nur noch das edle Metall seines Genies[97] hervor; ja selbst die Armut, aus der er früher fast eine Art Schaugepränge machte, wird von dem plötzlichen Adel seines Benehmens so verwischt, daß unsers neuen Gentlemans Wohnung niemand, es ist schrecklich zu sagen, in den ärmlichsten Winkeln der Vorstadt suchen würde, in die er sich jedoch jetzt nicht mehr mit dem alten Vergnügen an seinem Zerfall nächtlich verkriecht.

MISS ELLEN. Entsetzlich, daß er vor der Teilnahme seiner Freunde von je ins Elend wie in sein wahres Element, wie in seine ihm traulichste Heimat flüchtete! Es ist edel, seinen Freunden keine Unbequemlichkeit schaffen zu wollen, aber grausam, ihr Gewissen zu vergiften und sie mit dem Gedanken zu quälen, daß sie nichts für ihn tun! – Aber Sie horcht auf. hör' ich nicht seine Stimme? Er ist's!


Quelle:
Gutzkows Werke. Auswahl in zwölf Teilen. Band 1, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart [1912], S. 95-98.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Richard Savage, Sohn einer Mutter
Dramatische Werke: Richard Savage; Oder, Der Sohn Einer Mutter Ottfried. Wullenweber. Der Dreizehnte November. Fremdes Glück (German Edition)

Buchempfehlung

Jean Paul

Flegeljahre. Eine Biographie

Flegeljahre. Eine Biographie

Ein reicher Mann aus Haßlau hat sein verklausuliertes Testament mit aberwitzigen Auflagen für die Erben versehen. Mindestens eine Träne muss dem Verstorbenen nachgeweint werden, gemeinsame Wohnung soll bezogen werden und so unterschiedliche Berufe wie der des Klavierstimmers, Gärtner und Pfarrers müssen erfolgreich ausgeübt werden, bevor die Erben an den begehrten Nachlass kommen.

386 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon